Messungen in der Ostsee Methangehalt an Nord-Stream-Lecks tausendfach erhöht

Erste Analysen zeigen, wie viel Gas tatsächlich aus den zerstörten Nord-Stream-Pipelines in die Ostsee geströmt ist. Die Methanwerte vor Ort sind demnach erheblich gestiegen.
Satellitenaufnahme: Über den Lecks bildete sich eine riesige Gasblase

Satellitenaufnahme: Über den Lecks bildete sich eine riesige Gasblase

Foto: ESA / dpa

Die zerstörten Rohre der Nord Stream Pipelines 1 und 2 haben den Methangehalt in der Ostsee stellenweise auf etwa das Tausendfache ansteigen lassen. Das berichtet ein schwedisches Wissenschaftsteam nach einer mehrtägigen Reise auf einem Forschungsschiff. Weitere Analysen sollen nun zeigen, wie stark das klimaschädliche Gas das Ökosystem gefährdet.

An den von Russland nach Deutschland führenden Pipelines Nord Stream 1 und 2 waren Ende September vor der dänischen Insel Bornholm mehrere Lecks entdeckt worden.

Wie Hunderte Kilo Sprengstoff

Einem dänisch-schwedischen Bericht für den Uno-Sicherheitsrat zufolge wurden die Lecks von Unterwasserexplosionen mit einer Sprengkraft wie »Hunderte Kilo« Sprengstoff verursacht. Schon kurz nach der gemeldeten Zerstörung brachen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Göteborg Universität auf, um die nähere Umgebung der Lecks zu untersuchen. »In weniger als 48 Stunden hatten wir die Wissenschaftler und die Ausrüstung zusammen, die wir an Bord benötigten«, sagte Expeditionsleiterin Katarina Abrahamsson laut einer Mitteilung der Universität. Innerhalb weniger Tage nahmen die Forscher mehr als hundert Wasserproben.

Inzwischen ist das Forschungsschiff »Skagerak« zurück in Göteborg, wo die Arbeit des Wissenschaftsteams erst richtig beginnt. Denn noch ist nicht klar, welchen Schaden der hohe Methanwert anrichtet. »Um die Ausbreitung des Methans zu dokumentieren, hatten wir 20 Messpunkte, die zwischen 9 und 18 Kilometer auseinanderlagen«, sagte Abrahamsson. Auch ein Forschungsteam des deutschen Alfred-Wegener-Instituts war an den Untersuchungen beteiligt. Dadurch konnten die Wissenschaftler unterscheiden, welches Methan aus den Pipelines stammen musste und welches natürlich in der Ostsee vorkommt.

Messgerät zurück an Bord der »Skagerak«: Experten rechnen damit, dass das Gas aus den Pipelines fast komplett in die Atmosphäre gelangen wird

Messgerät zurück an Bord der »Skagerak«: Experten rechnen damit, dass das Gas aus den Pipelines fast komplett in die Atmosphäre gelangen wird

Foto: Katarina Abrahamsson

Wie lange es dauert, bis sich der Methangehalt in der Ostsee wieder normalisiert, ist unklar. Auch welche Schäden das Ökosystem davontragen wird, muss sich erst zeigen. Denkbar wäre, dass sich Methan-fressende Bakterien massenhaft vermehren werden. »Es ist jetzt Herbst und bald beginnt die Nebensaison für Plankton«, sagte Marinebiologin Carina Bunse, die ebenfalls an der Untersuchung beteiligt war. Falls sich Methan-fressende Bakterien massenhaft ausbreiten, könnte das die Nahrungskette erheblich stören. »Doch bevor wir Schlussfolgerungen schließen können, müssen wir die DNA-Analysen aus den Wasserproben abwarten«, so Bunse.

»Beachtliche Menge Treibhausgas«

Experten rechnen damit, dass das Gas aus den Pipelines fast komplett in die Atmosphäre gelangen wird. »Das ist schon eine beachtliche Menge Treibhausgas, die da emittiert werden kann, wenn tatsächlich alles austritt«, sagte Gregor Rehder, Professor für Meereschemie an der Universität Rostock, dem SPIEGEL . Laut ihm enthielten die drei beschädigten Röhren etwa 328.000 Tonnen Erdgas. Dies entspricht ungefähr 17 Prozent der deutschen Jahresemissionen von Methan im Jahr 2021. Methan ist langfristig ein etwa 25 Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid.

Die genaue Ursache für die Lecks ist weiter unbekannt. Westliche Staaten gehen von Sabotage aus. Russland bestreitet, hinter den Explosionen zu stecken.

koe
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