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BILDUNG Oberlehrer aus dem Netz

Eine Datenbank in Münster hilft Lehrern aus 1000 Schulen beim Unterricht: Der Computer-Pädagoge wertet Diktate aus und gibt dann Tipps für die individuelle Förderung der Schüler.
aus DER SPIEGEL 43/2005

Eigentlich liest Alex H. nicht gern, denn das kann er nicht besonders gut. Auch ums Schreiben macht er einen Bogen. Lieber saust der quirlige Viertklässler auf Rollschuhen durch Münster.

Doch wenn Abermakaber aufkreuzt, ist alles anders. Der anarchisch angehauchte Zauberlehrling packt Alex bei seinem sportlichen Ehrgeiz: Wie ein Weltmeister überfliegt der Junge die Abenteuer des Magiers, in denen als »Lückentest« einzelne Wörter fehlen. »Ich hab heute schon zehn Blätter ausgefüllt«, prahlt er, »die könnten ruhig schwerer sein.«

Und wenn er dabei »Menner« statt »Männer« schreibt, dann wird er sanft von Annika Hein korrigiert, die an der Gottfried-von-Cappenberg-Grundschule in Münster den Förderunterricht am Nachmittag organisiert. »Du kannst dir selbst mit einem kleinen Zaubertrick helfen, wenn du dich einfach fragst: Woher kommt das Wort?«, erklärt die Pädagogikstudentin. »Das kommt von Mann«, sagt Alex und merkt dann selbst: »Also Männer mit ä.« Und schon hat sich sein Fehler in ein Erfolgserlebnis verwandelt.

Abermakaber ist eine Comicfigur, die auf jedem der Übungsblätter prangt. Der freche Zauberlehrling mit den langen Haaren soll ein kleines Wunder vollbringen: Abermakaber soll nicht nur Schülern die Hilflosigkeit und Angst bei Rechtschreib-Tests nehmen, sondern auch den Lehrern.

»Das deutsche Schulsystem wird gerade umgekrempelt«, sagt Friedrich Schönweiss, Pädagogikprofessor in Münster, der das neuartige Konzept für den Förderunterricht entworfen hat. »Die Lehrer bekommen ständig um die Ohren gehauen, wie schlecht ihre Schüler sind. Aber bei der Frage, wie sie die Ergebnisse der Pisa- oder Timms-Tests im Unterricht umsetzen könnten, werden sie meist im Regen stehen gelassen.«

Um das zu ändern, entwickelte der Mittfünfziger mit dem verschmitzten Lächeln gemeinsam mit Studenten, Linguisten, Lerntherapeuten und Lehrern die »Münsteraner Rechtschreibanalyse« (MRA). Dahinter verbirgt sich eine mächtige Computerdatenbank namens »Lernserver": ein buntes Bestiarium aus Hunderttausenden von »Felern« und »Patsern«, zusammengetragen aus Rechtschreibtests von über 20 000 Schülern.

Das Prinzip ist einfach: Die Lehrer erhalten vom Lernserver einen »Lückentext« und verteilen ihn an ihre Schüler. Die Antworten der Kinder tragen sie dann am PC in eine Eingabemaske ein und schicken sie per Internet an den Lernserver des Professors. Die frisch eingetrudelten Fehler werden dann automatisch analysiert, nach den Vorgaben des Lernserver-Teams. Auf der Basis dieser Analyse stellt der Lernserver eine große Zahl von Übungsaufgaben bereit - speziell zugeschnitten auf die Stärken und Schwächen der jeweiligen Schüler. Wenn Alex dann seine neuen Lückentests durchackert, voll gestopft mit Ä und Ö und Ü, dürfte er beim nächsten Test deutlich besser abschneiden.

Vor allem aber soll der Abermakaber-Computer den Lehrern selbst Nachhilfe geben bei der Lösung einer vertrackten Aufgabe: Wie lehren in überfüllten Klassen voller Kinder, die kaum Deutsch können, und das auch noch bei ständig wechselnden pädagogischen Moden?

»Der Lernserver entlastet mich, weil er die Erfahrungen von Lehrern mit den neuesten Forschungsergebnissen der Unis bündelt«, schwärmt etwa Margit Klein von einer Realschule in Delbrück, die durch ihren Sohn vom Lernserver erfahren hat. Die Datenbank soll Lehrern den Rücken freihalten, eine Art gigantischer digitaler Spickzettel für Pauker, hinter dem eine große Zahl von Experten steht. Margit Klein: »Weil ich nicht nächtelang über der Analyse brüten muss, kann ich mich auf das Wichtigste konzentrieren, den Unterricht.«

Der Lernserver wird unter Lehrern als Geheimtipp gehandelt, obwohl eine Diagnose eine Gebühr von mindestens 3,50 Euro kostet. Über 1000 Schulen nehmen die MRA bereits in Anspruch, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen (www. lernserver.de).

Dieser Erfolg mag überraschen, denn jahrelang fehlten schlüssige Konzepte für den Computereinsatz an Schulen. Schönweiss blitzte mit seiner Idee seit 1997 immer wieder bei Verlagen und Ministerien ab. Erst der Katzenjammer nach der Pisa-Studie 2001 bedeutete für ihn den Durchbruch, denn plötzlich stand die individuelle Förderung von Schülern ganz oben auf der Wunschliste der Bildungspolitiker.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist NRW zu einem Laboratorium für computerunterstütztes Lernen geworden: Gemeinsam entwickeln die beiden größten deutschen Schulbuchverlage Klett und Cornelsen eine »Lernplattform«, die allerdings voraussetzt, dass die Schüler selbst an einem Internet-PC sitzen.

Über 300 Hauptschulen und 200 Gymnasien in Nordrhein-Westfalen nehmen derzeit an der Lernplattform teil. Ein ähnliches Projekt bauen Klett und Cornelsen zusammen mit T-Systems derzeit auch in Berlin auf. Schon prophezeien die Experten,

die neuen Bildungsnetze könnten womöglich durch die Hintertür das befördern, wogegen sich viele Landesfürsten energisch wehren: die Angleichung der Lehrpläne.

Doch je mehr Schulen von den Oberlehrern aus dem Netz erobert werden, desto lauter wird auch die Kritik am kostspieligen Outsourcen des Unterrichts. Ein Stein des Anstoßes: Rund eine Million Euro Lizenzgebühren zahlt Nordrhein-Westfalen Jahr für Jahr für die Nutzung der digitalen Lernplattform bis zum Jahr 2008, danach wird neu verhandelt. Das Pikante daran: Die Finanzierung läuft über den Haushaltsposten »Stellen zur Flexibilisierung der Unterrichtsversorgung«. Konkret bedeutet dies: Über hundert Lehrerstellen wurden zugunsten des Digitalprojekts nicht neu besetzt - eine äußerst umstrittene Entscheidung.

»Der Computereinsatz mag ja sinnvoll sein«, sagt etwa Ilse Führer-Lehner von der Lehrergewerkschaft GEW. »Aber wenn Computer im Klassenzimmer eingeführt werden, brauchen wir meist nicht weniger Lehrer, sondern mehr.« Das Problem: Oft fehlt das Geld für neue Rechner und professionelle Wartung, weshalb manche Lehrer mehr Zeit in irgendwelchen Hilfemenüs verbringen als im Klassenzimmer.

Hier greift der vielleicht genialste Zaubertrick der Abermakaber-Software: Sie bringt den Internet-Rechner fast zum Verschwinden. Nur der Lehrer braucht einen Internet-PC, die Schüler können auf Papier arbeiten.

Auch in der Zentrale des Lernservers dominiert die Bescheidenheit. Dem umtriebigen Professor stehen nur zwei enge Büros zur Verfügung für »Schönweiss & Team«, eine Gruppe von knapp zwei Dutzend Studenten, die bei dem Pionier gleichzeitig lernen und lehren. »Der Lernserver soll nicht nur den Schülern helfen«, so Schönweiss, »sondern auch den Studenten, weil die ganz praxisnah ständig an Schulen unterwegs sind.«

Kartons mit Schulungsmaterial stapeln sich an der Wand, darüber hängt ein Poster mit Abermakaber. Entworfen wurde der Zauberlehrling vom Comiczeichner Stephan Rürup von der Satirezeitschrift »Titanic«, einem Spaßguerillero mit drei Kinnbärten, der selbst in Münster studiert hat.

Weil Schönweiss nicht einmal eine eigene Sekretärin hat, sitzen seine Studenten reihum an Computern mit Namen wie »Dee-Jay« oder »Callboy« und spielen Callcenter. Der Lernserver funktioniert wie ein Familienunternehmen, gerade hat eine Studentenmutter Turnbeutel mit einem Abermakaber-Motiv für die Schulkinder genäht. Alle duzen sich, Schönweiss wird nur »Frieder« gerufen. Und Frieders Frau ist dafür zuständig, sich in Rücksprache mit den Experten und Studenten die Zaubergeschichten auszudenken.

Einigen kritischen Beobachtern mag diese WG-Atmosphäre unseriös erscheinen: Doch der Erfolg gibt Schönweiss recht. Alex und seine Schulfreunde zum Beispiel lieben den abermakabren Nachhilfeunterricht. »Bitte, bitte«, ruft Alex am Ende der Rechtschreibstunde, »dürfen wir noch eine Stunde machen, ausnahmsweise?«

HILMAR SCHMUNDT

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