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Wissenschaft + Technik ... oder Sündenfall?

Der SPD-Abgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker, Biologe und Physiker, lehnt Forschung an embryonalen Stammzellen strikt ab.
Von Gerd Rosenkranz
aus DER SPIEGEL 5/2002

Weizsäcker, 62, war von 1991 bis 2000 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er ist Mitglied im Club of Rome. Im Bundestag leitet er die Enquete-Kommission »Globalisierung der Weltwirtschaft«.

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SPIEGEL: Herr von Weizsäcker, Sie lehnen den Stammzellimport ab und plädieren damit als Wissenschaftler für eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit. Warum?

Weizsäcker: Ich war ein begeisterter Forscher und Biologie-Professor, sehe aber das Einhalten ethischer Schranken überhaupt nicht als Beschränkung der Wissenschaftsfreiheit. Ich bezweifle die Unumgänglichkeit der Forschung mit humanen embryonalen Stammzellen. In der Forschung können Primatenzellen eingesetzt werden, die durch ein Importverbot nicht berührt wären.

SPIEGEL: Die Befürworter des Imports hoffen, in Zukunft mit Hilfe embryonaler Stammzellen Krankheiten heilen zu können, die bisher unheilbar sind. Ist das nicht auch eine ethische Frage?

Weizsäcker: Ich fürchte, dass die interessierte Wissenschaft den Mund zu voll nimmt und bei den bedauernswerten Betroffenen solcher Leiden auf ungesicherter Grundlage große Hoffnungen weckt. Embryonale Stammzellen sind für die Wissenschaftler und ihre Profilierung in Fachpublikationen besser geeignet als adulte Stammzellen. Für den therapeutischen Einsatz sind die adulten Stammzellen weit überlegen. Embryonale Zellen können sogar bösartig wuchern.

SPIEGEL: Viele Zellforscher hoffen, mit den Alles-Könner-Zellen die Mechanismen der Bildung unterschiedlicher Zellarten und deren Vermehrung klären zu können.

Weizsäcker: Das ist Grundlagenforschung. Die ist mit tierischen Stammzellen genauso gut zu machen. Die medizinische Forschung beschränkt sich in den nächsten 15 Jahren sowieso im Wesentlichen auf die adulten Zellen. Jetzt den im Embryonenschutzgesetz festgelegten Rubikon zu überschreiten ist deshalb medizin-ethisch nicht gerechtfertigt.

SPIEGEL: Müssen bei schweren Krankheiten nicht alle Erfolg versprechenden Wege zur Heilung ausgekundschaftet werden?

Weizsäcker: Was heißt hier alle Wege? Von tausend wissenschaftlichen Fragen werden aus finanziellen und zeitökonomischen Gründen immer nur wenige angefasst. Sich bei der Auswahl auf ethisch fragwürdige zu konzentrieren ist eine Verengung.

SPIEGEL: Kann es sich Deutschland überhaupt leisten, auf einem möglicherweise wichtigen Zukunftsfeld der biomedizinischen Forschung nicht mitzumachen?

Weizsäcker: Die Frage des Wissenschaftsstandorts ist das einzig seriöse Argument für den Stammzellenimport. Aber ich wehre mich dagegen, dass das Standortargument medizin-ethisch verbrämt wird.

SPIEGEL: Warum verbrämt, wenn möglicherweise Heilungschancen verbessert werden?

Weizsäcker: Für die Heilungschancen ist es nicht so erheblich, ob bestimmte Erkenntnisse in Schweden, Israel oder Australien gewonnen wurden. Die medizinische Anwendung basiert am Ende doch wieder auf adulten und ausdifferenzierten Zellen.

SPIEGEL: Was spricht dagegen, mit im Ausland bereits existierenden Zelllinien auch in Deutschland zu forschen, wie es in einem der Anträge für das Parlament vorgeschlagen wird? Die Tötung des Embryos ist da doch ohnehin schon geschehen.

Weizsäcker: Ich bin kein Ideologe und muss mit manchem Sündenfall leben. Ich mag es aber nicht, wenn der Sündenfall zum ethischen Gebot umdefiniert wird. INTERVIEW: GERD ROSENKRANZ

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