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SEXUALITÄT Opfer am Altar der Liebe

Ein britischer Autor schrieb eine Sittengeschichte der Päpste. Conclusio: Bis ins vorige Jahrhundert war Keuschheit nicht ihr Ding.
aus DER SPIEGEL 11/1997

Mit dem Alter kommt beim Manne oft die Impotenz. So verhielt es sich auch bei Honorius II., dessen Triebleistung bis zum Schwinden seiner Lendenkraft ehrfurchtheischend war - bei Frauen wie bei Knaben, und selbst dem Tierreich versagte sich der Heilige Vater nicht.

Zwangshalber keusch geworden, dekretierte Honorius, daß fortan alle Diener des Herrn ebenfalls Enthaltsamkeit zu üben hätten. Die nämlich opferten damals eifrigst am Altar der Liebe - wie etwa der Kardinal Crema, den der Pontifex 1126 nach England sandte, um dort den päpstlichen Sex-Bann durchzusetzen.

Kaum angekommen, eilte er einem Londoner Puff zu, wo man den Kardinal »nudatus usque ad unguem« fand - »nackend bis hin zu den Fingernägeln« auf einem Freudenmädel, das im selben Zustand der Entblößung war.

Dem daraufhin anhebenden Spottgedröhn der insularen Geistlichkeit, die den Sendboten aus Rom hinterhältig hatte observieren lassen, begegnete der Kardinal mit dem Hinweis: Er habe noch nie seiner Schwester beigewohnt und somit als keusch zu gelten; zudem sei er ohne seine Kurtisanen angereist - eine zwiefache Askese, die sich andere Kardinäle nie und nimmer auferlegen würden.

So anschaulich und mit antiklerikaler Wonne am Detail schildert der britische Autor Nigel Cawthorne, was selbst Kennern des päpstlichen Intimgebarens in dieser Pikanteriefülle bislang nicht bekannt war - wie zum Beispiel die Tatsache, daß

* Papst Innozenz I. (401 bis 417) sich ausnahmslos an präpubeszenten Mädchen vergnügte, während Sixtus III. (432 bis 440) die reifere Nonnenschaft an seiner Manneskraft teilhaben ließ;

* Papst Johannes XII. (955 bis 963) in der Peterskirche ein Bordell betrieb - bis er beim Koitalvollzug vom Ehemann einer seiner vielen Buhlerinnen erstochen wurde;

* Papst Paul II. (1464 bis 1471) sich am Folterschmerz von nackten Männern erregte, bevor er es mit

* Nigel Cawthorne: »Sex Lives of the Popes«. Prion, London; 280 Seiten; 6,99 Pfund.

seinen Lustknaben trieb - er schied durch mors in paedicatio, den Tod beim Verkehr zwischen Mann und Mann;

* Papst Gregor XVI. (1831 bis 1846) die Frau seines Barbiers neben seinen Privaträumen einquartierte - ihre sieben Kinder waren die wahrscheinlich letzten von vielen, die ihr irdisches Dasein päpstlichen Keimdrüsen verdankten.

Was Cawthorne sonst noch so alles aus dem Intimschlick der vatikanischen Vergangenheit hervorgewühlt hat, gibt den Vorurteilen neue Nahrung, die fehlgeleitete Seelen seit jeher gegenüber der katholischen Kirche hegen. Kleriker konservativer Observanz hingegen dürfte bei der Lektüre von Cawthornes kürzlich erschienener Sittengeschichte des Papsttums unheiliger Zorn überkommen*.

Denn das Machwerk behauptet, daß es über anderthalb Jahrtausende hinweg, vom alten Rom bis in die Zeit nach Napoleon, kaum einen Pontifex gab, der keinen Dreck am Hirtenstab hatte - als habe es nicht auch Päpste wie den braven Cölestin V. (1294) gegeben, der nie ein Weib berührte und zum Zeichen seiner Demut vor Gott auf einem Esel ritt.

Seinen Kardinälen befahl er, ihre vielen Kebsweiber ins Kloster zu schicken und so keusch zu leben, wie sie es dem Kirchenvolk bei Höllenstrafe vorschrieben. Immerhin 19 Wochen lang ertrugen die Männer mit der Mitra den Tugendbold; dann sperrten sie ihn ins Verlies und ließen ihn dort verhungern.

Noch ungnädiger verfuhr die Kirchenleitung mit anderen Sitteneiferern, etwa den Wanderpredigern der Katharer. Deren unentwegte Forderung nach sexueller Abstinenz erzürnte Papst Innozenz III. (1198 bis 1216) derart, daß er eine besonders peinvolle Strafe ersann: Die Psalmodisten der Moral mußten mit dem Hintern so lange auf einem rotglühenden Eisenstab sitzen, bis sie auf ewig verstummten.

Dabei hielten die Päpste und Kardinäle seit jeher überaus viel von Keuschheit - der der anderen. So erstellte Papst Gregor I. (590 bis 604) einen Strafkatalog für Sünden wider das Fleisch, den seine Nachfolger bis ins Detail systematisierten.

Danach war etwa eine Pollutio, der unwillkürliche Samenerguß, mit 7 Tagen Fasten zu büßen. Erfolgte der Samenerguß unter manueller Assistenz, stieg das Strafmaß auf 20 Tage. Mindestens 2 Jahre bei Wasser und Brot hatte zu fristen, wer den Coitus interruptus durchführte. Gar 15 Jahre Total-Diät standen auf das, was das Sündenregister als »seminem in ore« bezeichnete - selbst Jungfrauenschänder kamen mit 3 Fastenjahren billiger weg als die Freunde des Oralverkehrs.

Einfachen Priestern, die sich eine Konkubine hielten, drohte gar die Kastration; erlaubt war ihnen die Wollust nur, wenn sie dem Papst das »Cullagium« zahlten - eine Art Sex-Steuer, mit der sie sich von ihrem Keuschheitsgelübde freikaufen konnten.

Fast alle Pfarrer griffen zu diesem Zweck in den Klingelbeutel. Denn sie trieben es so wild wie ihre Oberen, kein Gemeindeglied, ob weiblich oder männlich, war vor ihren Übergriffen sicher. Als sich kaum noch jemand zur Beichte traute, die der Priester bis dahin in einem abgeschiedenen Winkel der Kirche hörte, wurde 1614 der Beichtstuhl eingeführt.

Wesentlich älter hingegen ist der sogenannte Kotstuhl, der nach unten hin offene Sedes stercoraria. Auf dem Möbel mit dem irreführenden Namen mußten die neugewählten Päpste Platz nehmen und sich dann vom jüngsten Mitglied des Kardinal-Kollegiums unter die Soutane greifen lassen - um sicherzustellen, daß es sich bei dem zukünftigen Pontifex wirklich um einen Mann handelte.

Fand der Gottesmann, wonach er suchte, sprach er die Worte: »Habet testes« (er hat Hoden). Worauf die Kardinäle antworteten: »Deo gratias« (dem Herrn sei Dank).

Dabei wäre der skurrile Greiftest - den die katholische Kirche wider besseres Wissen und alle Beweise heute leugnet - bei den meisten Päpsten überflüssig gewesen. Denn fast alle hatten schon vor ihrer Wahl bewiesen, daß sie Testes-Träger waren.

So hatte Benedikt VIII. (1012 bis 1024), der als erster Papst auf den Sedes mußte, zahlreiche Kinder von vielen Nonnen sowie seinen zwei blutjungen Nichten. In familia blieb auch Innozenz VIII. (1484 bis 1492), der sich an seinen acht Töchtern ebenso verging wie Julius III. (1550 bis 1555) an seinen zwei Söhnen - zum Lohn für ihre sexuellen Frondienste weihte er sie 15jährig zu Kardinälen.

Zu ihrem Höhepunkt gelangte die papale Pornokratie unter Alexander VI. (1492 bis 1503), der den Heiligen Stuhl endgültig zum Sündenpfuhl machte. Er war ein Unverwüstling sondergleichen, der jede Nacht 25 der formschönsten Freudenmädchen Roms zu sich befahl. Daneben verfügte der Papst aus der berüchtigten Familie der Borgias noch über genügend Ausdauer, um mit seiner Kindsbraut Giulia, seiner Tochter Lucrezia sowie deren Mutter und Großmutter zu konkubieren.

Auch viele der nachfolgenden Päpste betrieben, indes sie die Heilige Inquisition großzügig foltern und rösten ließen, fast jede Variante des Sittengreuels. Doch Mitte des letzten Jahrhunderts wurden die Nachfolger Petri dann plötzlich so keusch, wie es ihnen der Kirchenvater Augustinus schon 1400 Jahre zuvor geboten hatte.

Die jähe Läuterung war freilich nicht einsichtsmotiviert, sondern lediglich die Folge des Machtverlusts der katholischen Kirche: Spätestens seit 1850 konnte kein Papst mehr so loslegen wie die vatikanischen Sittenmolche aus früherer Zeit.

Nach wie vor aber konzentrierte sich das Interesse der Oberhirten auf den Sex - den ihrer Schafe, denen sie in vielen Enzykliken das geistige Rüstzeug für gottgefälliges Intimgebaren zu vermitteln suchten.

Schamhaargenau bestimmten sie zum Beispiel, was der Christenheit an filmischer Genitaldarstellung zuträglich sei, und erklärten, weshalb die Kirche zur Schwangerschaftsverhütung mit Knaus-Ogino die Mathematik erlaubt, nicht aber die Physik und die Chemie.

Kondom und Pille lassen auch Johannes Paul II. keine Ruhe, jenem Papst, der für sein Leben gerne küßt - wenn auch nur den Boden und, wie kürzlich in einer römischen Kirche mal wieder, Knaben voll auf die Nase.

* Nigel Cawthorne: »Sex Lives of the Popes«. Prion, London; 280Seiten; 6,99 Pfund.* »Flagellation einer Nonne durch einen Mönch«,Kupferstich 17. Jahrhundert.

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