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»Opfer falscher Propheten«

aus DER SPIEGEL 4/1995

In diesem Jahr wird der 1. September anders sein. Zwar werden, wie in jedem Jahr, die Betriebe auch diesmal Katastrophenübungen durchführen. Zwar werden, wie jedes Jahr, Fernsehen und Radio den zwölf Millionen Tokiotern predigen, wie sie sich verhalten sollen, wenn die Warnung vor dem Großen Beben kommt. Doch diesmal werden sie wissen: Nützen tut es wahrscheinlich gar nichts.

Bisher war der 1. September nicht nur der Tag des Gedenkens an das große Kanto-Beben von 1923. Es war auch der Tag der Beteuerungen: Ähnliches werde nie wieder geschehen. Auf das nächste Beben, versprachen die Seismologen, sei man vorbereitet. Jetzt hat ihnen die Erde in Erinnerung gerufen, wie hilflos sie gegen die Kräfte aus der geologischen Unterwelt sind.

Japan ist ein Riegel vulkanischen Schutts, der von einem unterirdischen Gesteinsförderband durchgerüttelt wird: Große Walzen im Erdinnern lassen flüssigen Gesteinsbrei in der Mitte des Pazifiks hervorquellen. Neue ozeanische Kruste aus erstarrtem Magma schiebt den alten Ozeanboden gegen den asiatischen Kontinent. Wenn diese Schubkräfte die ozeanische Scholle in den glühenden Brei des Erdmantels rammen, entstehen Spannungen, die sich in plötzlichen Rucks und Erschütterungen entladen.

Kein Land der Welt ist dem Malmen unterirdischer Kräfte so ausgesetzt wie Japan. Der Inselbogen vor dem asiatischen Festland ist gleichsam die Schaumkrone eines einzigartigen Plattencrashs: Von Westen zwängt sich der Boden des Pazifiks unter den eurasischen Kontinentalkoloß. Gleichzeitig drängelt der philippinische Schollensplitter von Südosten her auf Südjapan zu, während im Japanischen Meer der Boden aufreißt und Japan gen Osten zu schieben versucht.

Um das steinerne Rüttelbrett unter ihren Füßen zu beschwören - jedes zehnte Beben passiert in Japan, mehr als 1000 sind es jedes Jahr, rund 50 allein in der Stadt Tokio -, setzten die Japaner auf die Wissenschaft. Ihre geographische Lage ließ sie zu Pionieren der Erdbebenvorhersage werden: Vor 30 Jahren startete Japan ein weltweit einzigartiges Forschungsprogramm. Es sollte die tektonischen Urgewalten ergründen, die das Land erzittern lassen.

Inzwischen ist das japanische Inselreich von einem dichten Seismographennetz überzogen, das jedes noch so feine Bibbern des Untergrunds registriert. Sorgfältig wird überwacht, wo der elektrische Widerstand des Bodens sinkt, wo das Magnetfeld schwankt oder die Erdanziehung stärker wird. Ob sich der Grundwasserspiegel verändert, ob der Boden Helium oder Radon ausdünstet, ob die Tiere unruhig werden: Alles wird als möglicher Vorbote eines Bebens gedeutet.

Allein in der Region südlich von Tokio stehen 150 seismische Meßstationen. Denn hier, in der Sagami- und in der Surugabucht ist die Katastrophe längst überfällig: Alle 70 Jahre, fast regelmäßig wie ein Uhrwerk, schnappt in der Sagamibucht der japanische Landsockel empor, wenn die unterirdisch drängende pazifische Platte ihn zu weit abwärts gezerrt hat - das letztemal, 1923, wurde Tokio in Schutt gelegt. In der Surugabucht dauert es durchschnittlich 130 Jahre, bis sich wieder ein Beben der Stärke 8 aufgestaut hat - zuletzt bebte es hier 1854.

Heute jedoch ernten die Propheten des Großen Bebens oft nur noch bitteren Spott. Gewarnt wurde vor allem in Tokio; zerstört wurde jetzt Kobe, das als viel weniger gefährdet galt. Fast zwei Milliarden Mark hat das Vorhersageprogramm bisher gekostet; vorhergesagt wurde nicht ein einziges nennenswertes Beben. Unermüdlich verbreiteten die Seismologen Optimismus; vor den großen Beben jedoch (Juli 1993 auf der Okushiri-Insel, mehr als 200 Tote, Stärke 7,8; Oktober 1994 in Hachinohe, drei Tote, Stärke 7,9; Januar 1995 in Kobe, mehr als 4500 Tote, Stärke 7,2) blieben sie stumm.

Amerikaner und Europäer haben die Zuversicht der sechziger und siebziger Jahre längst abgelegt. Seismologie gilt dort als reine Grundlagenforschung. Allein die Japaner hielten bisher an dem Glauben fest, mit Technik lasse sich die Zerstörungskraft der Unterwelt zähmen.

Das »absurde nationale Programm« habe Volk und Regierende in Japan zu »Opfern falscher Propheten« gemacht, klagt jetzt der Berliner Seismologe Andreas Vogel. Die Katastrophe sei »geradezu hausgemacht«.

Auch in Japan selbst ist ein Expertenstreit ausgebrochen. Bei aller Forschung seien bisher »nichts als Nachhersagen« herausgekommen, spottet Robert Geller, Geophysiker von der Universität in Tokio. Nachträglich sei es leicht, alles Ungewöhnliche als Vorboten zu werten. Als Warnung im voraus jedoch seien die Indizien viel zuwenig eindeutig. Er fordert: *___Um die Japaner nicht in falscher Sicherheit zu wiegen, ____muß öffentlich zugegeben werden: Erdbeben vorherzusagen ____ist unmöglich. *___Der bürokratische Klüngel, der den hohen Etat für ____Erdbebenforschung seit Jahren unter sich aufteilt, muß ____von unabhängigen Wissenschaftlern kontrolliert werden. *___Statt in fruchtlose Prophezeiungen muß das Geld in die ____Vorbeugung gesteckt werden.

Denn auch die Kritiker der Erdbebenpropheten bestreiten nicht, daß es gleichsam seismische Klimazonen gibt: Aus Geschichte und Geologie einer Region läßt sich schließen, welche Form von Erdbeben dort wie häufig vorkommt. Entsprechend ist es möglich, sich auf die drohenden Beben vorzubereiten durch *___erdbebensichere Bauten: Mit Federn und Dämpfern kann ____ein Gebäude zumindest teilweise von den Bodenbewegungen ____entkoppelt werden. Diese können von aktiven Systemen ____ergänzt werden, die wie ein Schlingertank in Schiffen ____den Erdstößen entgegenwirken; *___ein Akutwarnsystem: Ein Beben sendet zuerst wenig ____zerstörerische Stoßwellen aus. Erst Sekunden oder ____Minuten später folgen die verheerenden Scherwellen - ____Zeit, die sich nutzen läßt, um computergesteuert ____besonders gefährdete Anlagen, Gasleitungen, ____Hochgeschwindigkeitszüge oder Kraftwerke automatisch ____abzuschalten; *___gutes Katastrophenmanagement: In Kobe dauerte es eine ____Nacht, bis der Umfang der Katastrophe bekannt war. Ein ____schnelleres und gezielteres Einsetzen von Feuerwehr, ____Armee und Katastrophenschutz hätte womöglich Menschen ____retten, Brände eindämmen und Schäden vermeiden können.

Alle Versprechen von der Vorhersagbarkeit von Erdbeben jedoch seien »leider nichts als versponnene Märchen«, sagt Vogel.

Zwar gebe es einen einzigen spektakulären Erfolg in der Geschichte seines Fachs: Im Februar 1975 ließ die chinesische Regierung die Stadt Haicheng evakuieren. Als unmittelbar darauf die Häuser einstürzten, waren die meisten ihrer Bewohner bereits in Sicherheit.

Doch die Ernüchterung folgte ein Jahr später: Nur 400 Kilometer südwestlich von Haicheng begruben die Trümmer im Kohlezentrum Tangshan vermutlich eine halbe Million Menschen unter sich. Diesmal hatte niemand die Katastrophe geahnt.

Einzig die Tiere wissen, wann das Inferno droht: Vor einem Erdbeben, sagt das Volk, klettern die Küken auf die Bäume, die Welse werden unruhig, und die Alligatoren im Zoo beginnen zu weinen.

[Grafiktext]

Japans gefährliche Lage an d. Kante d. asiat. Kontinents

[GrafiktextEnde]

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