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Medizin Opfer verweigert

Wie Sonnenstrahlen die Haut ruinieren und Krebs auslösen, haben Wissenschaftler jetzt im Detail erforscht.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Penibel stanzten die Forscher ihren hautkrebsgefährdeten Patienten bräunlich verhornte Hautfetzen aus Kopf und Nacken, von Armen und Händen.

Ein Schwarm von Laborfachleuten isolierte anschließend die Erbsubstanz aus den verdächtigen Gewebestückchen. Dann surrten in den Labors des Howard Hughes Medical Institute bei Boston und der Yale University in New Haven die Apparate zur Genanalyse.

Als die Ergebnisse der Genfahndung einliefen, hatte die Forschertruppe von Annemarie Ziegler und Douglas Brash den wissenschaftlich exakten Beweis für einen Zusammenhang in Händen, an dem längst niemand mehr zweifelt: »Sonne macht Hautkrebs.«

Aufgespürt hatten die Forscher nicht weniger als 35 unterschiedliche Gendefekte in den verhornten Hautfetzen (Keratosen), die den Ärzten als Krebsvorstufen gelten. Ausnahmslos fanden sich die Erbschäden der Hautzellen in dem Gen p53, das als Tumorbremse bekannt ist. Alle Zellen zeigten die typischen Eigenschaften einer Genschädigung durch UV-Strahlung.

Endlich sei es gelungen, begeisterte sich der US-Molekularbiologe Alexander Kamb, die Sonnen-UV-Strahlung durch »eine plausible Ereigniskette« - über Defekte im p53-Gen - mit dem Entstehen des Plattenepithelkarzinoms zu verknüpfen.

Schon lange galt der kurzwellige, energieknisternde UV-Anteil im Sonnenlicht den Hautärzten als Ursache der dramatisch ansteigenden Zahl von Hautkrebsfällen. Mit einprägsamen Sprüchen ("Die Haut vergißt nie") predigt die Zunft der Dermatologen seither gegen den Bräunungswahn, der die Deutschen Jahr für Jahr zu Millionen an die sonnenglühenden Strände im Süden treibt.

Ähnlich wie der gefürchtete schwarze Hautkrebs (Melanom) greifen auch zwei weitere Hautkrebsarten um sich: Seit 1980 haben sich die Fälle von Basaliomen und Plattenepithelkarzinomen verdoppelt.

Rund 800 000 Amerikaner, so rechnete die American Cancer Society ihren bräunungswütigen Landsleuten vor, seien 1993 an diesen minder aggressiven Hautkrebsen erkrankt - Quittung für die Sonnensünden von Jahrzehnten.

Auf Plattenepithelkarzinom lautet der Dermatologenbefund jährlich auch bei 20 000 Bundesbürgern; jeder zwanzigste davon stirbt an der Erkrankung. Die Hautkrebsepidemie habe ihren Höhepunkt längst noch nicht erreicht, schätzt der amerikanische Dermatologe Martin Weinstock, auch ohne das Melanom sei »Hautkrebs schon jetzt häufiger als alle anderen Krebsleiden zusammen«.

»Die Fallzahlen steigen exponentiell«, klagen die Krebsexperten Ziegler und Brash im Fachblatt Nature; weil die UV-Strahlung die gefährlichsten Treffer schon in der Kindheit der Patienten lande, sei in der Generation der heute 30jährigen künftig nochmals eine Krebswelle zu erwarten.

Nach den Laborermittlungen der Schweizerin Ziegler und ihrer US-Kollegen läßt sich beim Spindelzellkarzinom nun erstmals der Verlauf der Krebsentstehung nachzeichnen.

Schon der erste Sonnenbrand im Kleinkindalter, so glauben die Forscher aufgrund ihrer neuesten Erkenntnisse, könnte die fatale Ereigniskette auslösen. Ein einziger Volltreffer der energiestarken Sonnen-UV-Strahlen vermag das p53-Gen einer Hautzelle funktionsunfähig zu schießen - ein folgenschwerer Defekt mit paradox erscheinender Wirkung: Die gengeschädigte Zelle ist künftig fürs Überleben im UV-Gewitter bestens gerüstet.

Den Zellbiologen gilt das intakte p53 als »Wächter des Genoms«; es bewahrt die Zelle vor den fatalen Folgen fehlerhafter Erbinformationen. Auch stoppt es die Zellteilung, bis das gesamte Erbgut komplett verdoppelt wurde.

In den sonnenverbrannten Hautzellen wandelt sich das Tumor-Suppressorgen zum hilfreichen Todesengel: Es aktiviert sogenannte Selbstmordgene im Zellkern, die dafür sorgen, daß die von der Sonne angesengten Hautzellen rasch zugrunde gehen und abgestoßen werden. Folge des zellulären Massensterbens nach einem Sonnenbrand: Die oberste Zellschicht der Haut pellt sich ab.

Doch manche der Hautzellen, so die jüngste Entdeckung von Ziegler und Kollegen, verweigern den Opfergang - es sind jene Zellen, bei denen der Selbstmordauslöser, das p53-Gen, durch das UV-Bombardement außer Gefecht gesetzt wurde. Jedes weitere UV-Bad spült mehr wachstumsfreudige Mutanten in die Haut. Häufen sich später auch in anderen Genen dieser Zellen verhängnisvolle Defekte, beginnt das Krebswachstum (siehe Grafik).

Die Fallzahlen würden »bei allen Hautkrebsen künftig noch weiter steigen«, prophezeit auch der Hautmediziner Eckhard Breitbart, Chef des dermatologischen Zentrums im niedersächsischen Buxtehude; inzwischen allerdings zeigten Erziehungsversuche der Dermatologen bei den Sonnenpilgern Wirkung.

Zwar schwellen die Urlauberströme unvermindert an. Doch Hautspezialist Breitbart beobachtet, was den medizinisch bedenklichen Sonnenkult angeht, »hochsignifikante Verhaltensänderungen in der Bevölkerung«. Künftig wollen die Mediziner ihre Aufklärungskampagnen verstärken; besonders wichtig ist ihnen der UV-Schutz für Kinder.

Die Angst vor dem Ozonloch in der Stratosphäre kommt den ärztlichen Aufklärern zustatten. »Deutsche, die verbrutzeln«, hofft Breitbart, werde man an den Urlaubsstränden künftig immer seltener antreffen. Y

[Grafiktext]

Ein Selbstmord-Gen schützt die Haut vor Strahlenschäden

[GrafiktextEnde]

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