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GEGENAUFKLÄRUNG »Päpstlicher als der Papst«

Elisabetta Visalberghi, 51, Primatologin am Institut für Kognitive Wissenschaften und Technologien in Rom, über den Erlass von Italiens Bildungsministerin Letizia Moratti, nach dem Darwins Evolutionstheorie aus dem Lehrplan der italienischen Mittelschulen verbannt wird
aus DER SPIEGEL 18/2004

SPIEGEL: Sind Kinder zwischen 10 und 13 Jahren zu jung, um Darwins Lehre zu verstehen?

Visalberghi: Unsinn, der Erlass ist wirklich absurd! Ich selbst habe als Affenforscherin an einem Projekt mitgearbeitet, bei dem Kindern Darwins Theorien am Beispiel der Lebensweise von Menschenaffen erklärt wurden - mit großem Erfolg. Eigentlich ist die Welt der Kinder doch voll von Eindrücken, die viel verständlicher und interessanter für sie werden, wenn sie Darwins Theorie kennen. Ihnen dieses Wissen nicht mehr oder erst später beizubringen ist der Beginn der Zerstörung einer Wissenskultur.

SPIEGEL: Welche Gründe könnte es für diese Entscheidung geben?

Visalberghi: Ich kann mir einfach keinen guten Grund vorstellen - außer Unwissenheit und Dummheit. Die Ministerin ist mit ihrem Erlass ja sogar päpstlicher als der Papst: Der hat immerhin schon vor einigen Jahren die Evolutionstheorie als wissenschaftlich richtig anerkannt; er fügte lediglich hinzu, dass die Seele von Gott geschaffen sei. Leider aber gibt es in Italien eine Reihe von rechten Politikern, die Darwins Theorie ablehnen, und sogar einzelne Wissenschaftler denken so - obwohl ich jemanden, der Darwin ablehnt, eigentlich nicht als Wissenschaftler bezeichnen möchte.

SPIEGEL: Wie reagiert die Mehrheit der italienischen Forscher auf den Anti-Darwin-Erlass?

Visalberghi: Es gab Proteste von allen Seiten. Auch berühmte Wissenschaftler aus dem Ausland wie der aus Italien stammende Genforscher Luigi Luca Cavalli-Sforza von der Stanford University haben sich in der Presse zu Wort gemeldet. Die italienische Akademie der Wissenschaften plant gerade eine offizielle Stellungnahme. Ihre Mitglieder befürchten sogar, dass Darwins Evolutionstheorie in Zukunft auch an weiterführenden Schulen nicht mehr unterrichtet werden soll.

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