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ARCHÄOLOGIE Palast unter Maisstauden

Ist Chinas Zivilisation wirklich 5000 Jahre alt? Pekings Politiker beharren hartnäckig darauf. Die Wissenschaftler haben ihre Zweifel.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Wie die Mauern einer mittelalterlichen Trutzburg wirken die Wände der Bauernhäuser von Erlitou. Lange, unverputzte Ziegelbauten machen das Dorf zu einem unwirtlichen Ort. Auf einem Platz sitzen die Alten in blauer Kluft und blinzeln in die milchige Wintersonne.

Erlitou ist kein gewöhnlicher Flecken in der chinesischen Zentralprovinz Henan. Unter Archäologen ist er bekannt wie die Maya-Tempel in Mexiko oder der Palast von Knossos in Griechenland. Denn hier, rund 50 Kilometer südlich vom Gelben Fluss, könnte die Wiege der chinesischen Zivilisation liegen.

Direkt am Ortsausgang buddeln Arbeiter in einem Feld. Sorgsam tragen sie Schicht für Schicht ab. An einigen Stellen drangen sie bereits mehrere Meter tief vor, an anderen kratzen sie erst an der Oberfläche.

Zwischen den Arbeitern steht in Windjacke und lehmbeschmierter grauer Jeans Chef-Archäologe Xu Hong, 38. Mit seinem Spachtel hat er dünne Linien und Kreise in die Lösserde gekratzt. »Hier standen die Wände«, so doziert er, »und hier Säulen.« Ein dunkel gefärbter Fleck verrät ihm: »Hier muss eine Feuerstelle gewesen sein.«

Xu leitet eines der aufregendsten archäologischen Projekte Chinas. Just an dieser Stelle, wo heute ein Feldweg zwischen Stauden getrockneter Maisblätter verläuft, vermuten er und seine Kollegen Ruinen aus der geheimnisvollen Xia-Dynastie - und damit womöglich die Gemäuer von Chinas erster Hauptstadt. »Da unten«, verkündet der Forscher, »ruht womöglich noch ein alter Palast oder Tempel.«

Historiker aus der ganzen Welt verfolgen die Grabung gespannt. Mehr noch: Auch die chinesische Führung wartet ungeduldig auf Xus Ergebnisse. Denn in Erlitou geht es um die Kardinalfrage: Wann begann die chinesische Zivilisation? Wie alt ist das Staatswesen mit seinen ummauerten Städten, Königsresidenzen, Ahnentempeln und seiner Schrift?

»5000 Jahre«, lautet die Antwort in den Schulbüchern. »5000 Jahre«, behaupten Pekings Politiker ebenso stereotyp in ihren Reden und Aufsätzen.

Für die KP-Funktionäre ist das Alter ihres Reiches mehr als eine akademische Frage. Nach ihrer Ansicht braucht ein stolzes Volk eine stolze Geschichte. Erst das Wissen, wie die Sumerer und Ägypter zu den ersten Kulturvölkern der Welt zu gehören, schweiße die Chinesen richtig zusammen.

So wichtig ist den modernen Mandarinen das Alter Chinas, dass sie in Pekings Weststadt einen monströsen Millennium-Altar einweihten. An seinem Sockel liegen Bronzeplatten mit Jahreszahlen, die sogar bis 7000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zurückreichen.

Doch seit wann Chinas Kultur wirklich besteht, ist unter Fachleuten heftig umstritten. Zwar berichtet die Überlieferung, dass in der Morgendämmerung Chinas bereits ein legendärer Gelber Kaiser herrschte. Und Funde belegen, dass am Gelben Fluss Menschen siedelten, die Rinder, Schweine und Hühner hielten, phantasievolle Tongefäße brannten und bemalten, Bronzekessel für die Ahnen gossen und Deiche gegen die schlammigen Fluten errichteten.

Aber macht das allein diese Gesellschaft den Hochkulturen an Euphrat und Nil ebenbürtig? Als Quelle über die Frühgeschichte dient vor allem der große Historiker Chinas, Sima Qian (etwa 145 bis 86 vor Christus), der den Beginn der chinesischen Geschichte im Jahr 2205 vor Christus ansetzte. Allerdings stützte er sich weitgehend auf mündliche Überlieferungen, Mythen und Legenden. Präzise konnte er die Chronologie der Ereignisse nur bis zum Jahr 841 vor Christus zurückverfolgen.

Die ersten verbürgten Schriftzeichen - nach Meinung der meisten Archäologen und Historiker eines der wichtigsten Merkmale einer entwickelten Zivilisation - tauchten in China vor rund 3500 Jahren auf Schildkrötenpanzern und Rinderknochen auf, rund 1500 Jahre nachdem Ägypter und Babylonier das Schreiben erlernt hatten.

Nun konzentrieren sich die Forscher auf die von Hofhistoriker Sima Qian erwähnten ersten Epochen Chinas: die Dynastien der Xia, der Shang und der Zhou. Um Fakt von Legende zu trennen, eine Zeittafel aufzustellen und das Geburtsdatum der chinesischen Kultur zu ermitteln, rief die Regierung 1995 Archäologen, Historiker, Physiker, Geologen und Astronomen zu einem großen Forschungsprojekt zusammen.

»Wir können nicht von einer 5000 Jahre alten Geschichte sprechen, wenn wir nicht herausfinden, was vor der uns bekannten Zeit war«, erklärte der für Wissenschaft zuständige Staatsrat, Song Jian. Politbüromitglied Li Tieying gab das Ziel vor: »Das Projekt ist eine wichtige wissenschaftliche Studie von großer politischer und kultureller Bedeutung. Die chinesische Zivilisation zu erklären wird unseren nationalen Zusammenhalt stärken und unser nationales Selbstbewusstsein, unseren Stolz steigern.«

Über 200 Experten machten sich gemeinsam ans Werk. Mit neuen physikalischen Methoden untersuchten sie Scherben, Knochen und Holzreste und verglichen das in den Annalen beschriebene Himmelsgeschehen mit jüngsten Erkenntnissen aus der Sternenforschung.

Bisheriges Ergebnis: China wurde 1229 Jahre früher geboren als der alte Sima Qian sicher belegen konnte - im Jahr 2070 vor Christus. Die Wunschmarke der Politiker, die nach wie vor ungerührt von einer 5000jährigen Geschichte sprechen, verfehlten die Wissenschaftler damit immer noch um knapp 1000 Jahre.

In der Forscherwelt ist das große Geschichtsprojekt heftig umstritten. Der Historiker Edward Shaughnessy aus Chicago etwa warnt vor den politischen Vorgaben: »Dieses Projekt ist getrieben vom chauvinistischen Wunsch, die historische Zeittafel in das 3. Jahrtausend vor Christus zu drücken, um China auf die gleiche Ebene wie Ägypten zu stellen. Dies ist mehr ein politisches und nationalistisches Bedürfnis als ein wissenschaftliches.«

Gegen diesen Verdacht wehren sich seine chinesische Kollegen: »Niemand hat uns etwas vorgegeben, niemand hat eingegriffen«, versichert Wang Wei, Vizechef des archäologischen Instituts in der Akademie der Sozialwissenschaften.

In der fruchtbaren Lösserde am Gelben Fluss gräbt Xu Hong unterdessen unbeirrt weiter, sucht nach Knochen und Scherben, gestampften Mauern, behauenen Steinen - und nach Hinweisen auf eine Schrift. Auch er fühlt sich frei von Druck: »Ich arbeite unabhängig, ich berichte nur, was ich finde.«

300 Meter von der Fundstelle entfernt hat die Akademie der Sozialwissenschaften ein kleines Anwesen gekauft, in dem die Forscher leben. Hier säubern Bäuerinnen Scherben, Knochen und Schneckenschalen. 20 bis 30 Körbe schleppen sie jeden Tag heran. In kargen und kalten Räumen brüten Xu und seine Mitarbeiter über Karten und Skizzen und malen sich aus, wie der Palast, dessen Umrisse sie erahnen, ausgesehen haben könnte.

Im ersten Stock hat Xu seine Schätze sorgsam in Regalen aufgereiht: Grauschwarze Krüge, Töpfe und Ritualgefäße. In einer Glasvitrine liegen Scherben mit dunklen senkrechten Strichen. Zahlen? Symbole? Xu ist skeptisch: »Das Muster kann Zufall sein.«

Noch gibt er sich vorsichtig: Seine Funde seien vielleicht 3700, allenfalls 3800 Jahre alt. In jener Periode entwarf einige tausend Kilometer westlich der babylonische Herrscher Hammurabi ein umfangreiches Gesetzeswerk. Und die Ägypter schrieben Erzählungen und übten sich in der Chirurgie.

Immerhin, da ist sich Xu sicher, gab es in Erlitou zu jener Zeit schon eine Klassengesellschaft, was Geschichtsforscher neben der Schrift als zweites Merkmal für die Existenz einer Zivilisation werten: Gewöhnliche Leichen wurden zumeist achtlos verscharrt, Adlige hingegen in bis zu 20 Quadratmeter großen Gräbern beerdigt. Zudem war der Alltag im Palast gut organisiert: Es existierten offenbar eine Bronzegießerei und einige Müllgruben; kürzlich freigelegte Steine lassen auf ein Kanalsystem schließen.

Xu ist optimistisch, bald auch Schriftzeichen zu finden. Vorerst allerdings muss er sich mit den Worten seines Kollegen Li Xueqin trösten. Obwohl der Professor die jüngste Zeittafel über das Alter Chinas zusammengestellt hat, sieht er die ganze Angelegenheit gelassen: »Wie alt Chinas Zivilisation ist, wird schon seit tausend Jahren diskutiert«, sagt Li. »Und wer weiß, vielleicht wird diese Frage uns noch weitere tausend Jahre beschäftigen.«

ANDREAS LORENZ

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