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Ufos Panik in Gütersloh

Schon 70 fliegende Untertassen wurden in diesem Jahr über Deutschland gesichtet. Was steckt hinter den rätselhaften Erscheinungen am Himmel?
aus DER SPIEGEL 38/1996

Nachmittags um drei traf der arbeitslose Krankenpfleger Carsten Bretschneider seinen Außerirdischen. Lautlos war das Sternenschiff in einem Wald bei Braunschweig gelandet. Ein blauhäutiger Zwerg torkelte heraus. »Das Wesen trug ein Atemgerät, die Arme reichten bis zu den Füßen herab.« Mit seinen Krallenhänden winkte es Bretschneider zu.

Wie praktisch, daß der einzige Zeuge des unfaßbaren Geschehens einen Fotoapparat dabeihatte. Kaltblütig drückte Bretschneider auf den Auslöser; dann lief er davon. Seine verschwommene Aufnahme, vor drei Jahren erstmals in Bild veröffentlicht, begeistert die Ufo-Gemeinde noch immer. Ufo-Literat Erich von Däniken: »Solche Figuren wurden schon häufiger gesehen.«

Wohl kaum. Der E. T. von Braunschweig war eine plumpe Fälschung.

** Werner Walter: »Ufos - die Wahrheit«. Heel-Verlag, Königswinter; 350 Seiten; 39,80 Mark.

Aufgedeckt hat den Schwindel ein Ufo-Detektiv vom »Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene« (Cenap) in Mannheim.

Noch am Tag der Bild-Story nahm der Cenap-Mann Kontakt mit Bretschneider auf. In dem Gespräch verwickelte sich der Alien-Fotograf immer mehr in Widersprüche; entnervt legte er ein Geständnis ab: »Ich sah mich schon im Gefängnis.«

Bretschneider gab zu, daß er eine Stoffpuppe mit Sprühfarbe aufgemotzt hatte. Die Alien-Atemmaske stammte aus dem Altersheim, in dem er zuvor angestellt war. Die frühe Beichte, von der Bretschneider mittlerweile nichts mehr wissen will, hinderte ihn nicht daran, mit seinem Märchen auch im Fernsehen aufzutreten. Noch im vergangenen Jahr seifte er das Plappermaul Ilona Christen ein.

»Eine so schnelle Entlarvung gelingt uns leider nur selten«, sagt Cenap-Chef Werner Walter, 39, der jetzt eine Bilanz seiner Aufklärungsarbeit wider den Ufo-Aberglauben vorgelegt hat**. Vor 20 Jahren gründete er mit anderen Ufo-Skeptikern eine Fahndungstruppe, um die wahren Ursachen hinter rätselhaften Himmelserscheinungen zu enthüllen. Heute arbeiten 68 ehrenamtliche »Sichtungsermittler« für Cenap.

»Derzeit rollt gerade eine neue Ufo-Welle über uns hinweg«, konstatiert Walter. Angeregt durch spektakuläre Weltraum-Kinohits, etwa den diese Woche anlaufenden »Independence Day«, sehen immer mehr Menschen fremde Sternenschiffe durch die Wolken zischen. Schon 70 Ufo-Vorfälle hat Cenap in diesem Jahr in Deutschland registriert, doppelt soviel wie 1995.

Mit ihrer kriminalistischen Spurensuche beginnen die Ufo-Fahnder meist erst, wenn eine fliegende Untertasse Boulevardpresse und Wirrköpfe wieder verlassen hat. Die Untersuchungen können sich Monate oder gar Jahre hinziehen. Die Cenap-Leute sprechen mit Zeugen der jeweiligen Ufo-Sichtung, analysieren Fotos und Videofilme, befragen Experten von Wetterstationen und Flughäfen.

Auf Fälschungen wie in Braunschweig stoßen die Cenap-Fahnder allerdings eher selten. Fast immer haben die Ufo-Zeugen wirklich etwas gesehen. Oft sind es einfach nur von Erdenmenschen gebaute Maschinen, die den Leichtgläubigen am Nachthimmel so unheimlich erscheinen: Zeppeline, tief fliegende Helikopter, drachenförmige Ultraleichtflugzeuge, beleuchtete Baukräne. Auch die Venus, linsenförmige Wolkenwirbel und herabstürzende Meteoriten oder Satellitentrümmer werden immer mal wieder für extraterrestrische Raumkreuzer gehalten.

Die meisten Ufos aber bestanden lange Zeit fast nur aus heißer Luft: Noch 1991 wurde jeder zweite Alarm von meteorologischen Meßballons oder Party-Ballons ausgelöst. Erst in den letzten Jahren hat sich in der Cenap-Hitliste eine neue Ufo-Ursache auf Platz eins geschoben: Immer häufiger fürchten sich nächtliche Spaziergänger vor tanzenden Lichtflecken am Firmament.

Diese Art von Ufos wird von riesigen Scheinwerfern auf die Wolkendecke projiziert. Vor allem Diskotheken oder Restaurants machen mit 2500-Watt-Strahlern (Reichweite: zehn Kilometer) Werbung für sich.

Ein typischer Fall: Dutzende Gütersloher gerieten in Panik, als in einer lauen Sommernacht des Jahres 1993 bizarre Lichtbälle über die Innenstadt hinwegrasten. Streifenwagen rückten aus. Auf dem Marktplatz fanden die Polizisten dann die Erklärung: Lichteffekt-Scheinwerfer des Zirkus Krone.

So einfach ließ sich das Rätsel um die mysteriösen »Greifswald-Ufos« nicht lösen. »Unsere bislang härteste Nuß«, gesteht Ufo-Jäger Walter. »Wir haben mehr als vier Jahre gebraucht, um sie zu knacken.«

Kurz vor der Wiedervereinigung, im August 1990, tauchten plötzlich sieben feuerrote Kugeln am Abendhimmel über der Ostsee auf. Urlauber und Mecklenburger schauten gebannt zu, wie die Lichtobjekte über dem Atomkraftwerk Greifswald irrwitzige Flugmanöver ausführten, dabei immer neue Formationen bildeten und dann verschwanden.

Etliche Zeugen fotografierten und filmten das Phänomen. Auch der Dolmetscher Walerij Winogradow griff zu seiner Videokamera. »Im Sucher sah ich deutlich, daß es Kugeln waren«, berichtete er, »sie bewegten sich langsam und allmählich ließ ihr Schimmern nach. Plötzlich sah es so aus, als ob sie sich im Himmel aufgelöst hätten.«

Die deutsche Ufo-Gemeinde hatte ihre Sensation. »Außerirdische sind unter uns«, kommentierte Ober-Guru Johannes von Buttlar. Filme der Greifswald-Ufos geistern seither durch alle möglichen TV-Sendungen, von ARD bis Sat 1. Bücher über das Ereignis erschienen. In der Ufo-Szene wurden die Lichtkugel-Aufnahmen als »Beweis« und als »bestdokumentierter Ufo-Vorfall« herumgereicht; die Ufo-Entlarver, hämten die Ufo-Gläubigen, seien kläglich gescheitert.

Mit den gängigen Erklärungsmustern kamen die Cenap-Fahnder in der Tat nicht weiter. Weder Heißluftballons, noch andere verdächtige Flugkörper waren zur fraglichen Zeit in Rostock und Umgebung gestartet. Die Ufo-Detektive stöberten auch weit und breit keine Lichteffekt-Scheinwerfer auf. Recherchen bei Hafenämtern, Küstenwachen und Leuchttürmen führten ebenfalls nicht weiter. »Wir machten eine erstaunliche Zahl von Zeugen ausfindig«, so Walter, »was uns aber der Aufklärung nicht näherbrachte.«

Erst nach einem Aufruf an die Ostsee-Bevölkerung lieferte der Stralsunder Kinderarzt Lüder Stock den entscheidenden Hinweis. An jenem Abend waren er und seine Frau mit ihrer Jolle vor Greifswald geschippert. Sie wurden Zeugen, wie die sieben Ufos entstanden: Sowjetische Kriegsschiffe auf polnischem Seegebiet schossen Spezial-Leuchtkörper in die Höhe; diese flammten einzeln am Himmel auf und segelten dann an überdimensionalen Fallschirmen herab.

»Schon als wir zu DDR-Zeiten nachts heimlich auf der Ostsee segelten, sahen wir manchmal, wie diese Tannenbäume genannten Signalbomben gezündet wurden«, erzählt Stock. Die brennenden Leuchtkugeln, so der Arzt, dienten als Übungsziele für mit Wärmesensoren ausgestattete Boden-Luft-Raketen, »man kann ja schlecht an echten Flugzeugen üben«.

Auf einem Ufo-Film war dann tatsächlich der Lichtblitz einer Boden-Luft-Rakete zu erkennen, die auf eine der Signalfackeln zuraste. Das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung bestätigte den Cenap-Fahndern, sowjetische Streitkräfte hätten damals ein Seekriegs-Manöver veranstaltet.

Auch in anderen Fällen sorgten Spielzeuge der Militärs für Ufo-Alarm. So war unlängst über ganz Europa eine keilförmige Lichtwolke zu sehen, die kurz nach Sonnenuntergang über dem Horizont waberte. Als dann auch noch ein gleißend helles Objekt daraus nach oben entschwand, waren die Ufologen aus dem Häuschen - und die Astronomen ratlos. »Es gibt immer wieder Überraschungen am Himmel«, staunte Peter Stättmayer, Leiter der Münchner Volkssternwarte.

Später kam heraus, daß die US-Militärs in jener Nacht mit einer Titan-Centaur-Rakete einen geheimen Spionagesatelliten in eine Erdumlaufbahn befördert hatten. Nach der Abtrennung des Satelliten wurde der restliche Treibstoff abgelassen. Durch diese Vorsichtsmaßnahme sollte verhindert werden, daß die letzte Raketenstufe explodiert und dabei Tausende von Trümmern in den Orbit pustet. In 10 000 Kilometer Höhe aber schien noch die Sonne und strahlte die abgepumpte Treibstoffwolke an - vom zu dieser Zeit schon nachtschwarzen Erdboden aus betrachtet, ein eindrucksvolles Spektakel.

Ein ähnlicher Effekt sorgte für Aufregung, als die Besatzung des Space Shuttle »Discovery« einmal 25 Liter Abwasser ins All pumpte. In der Weltraumkälte bildeten sich sofort Eiskristalle, die im Sonnenlicht glitzerten.

Noch in der gleichen Nacht gingen bei Cenap Alarmmeldungen ein. Doch schon bald konnte Walter Entwarnung geben: Das vermeintliche Ufo war nichts anderes als gefrorene Astronautenpisse.

* Oben: Nachtaufnahme eines beleuchteten Baukrans; unten: miteinem Kosmonautenanzug im Deutschen Museum in München.** Werner Walter: »Ufos - die Wahrheit«. Heel-Verlag,Königswinter; 350 Seiten; 39,80 Mark.

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