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MEDIZIN Pause machen

Neue Rätsel für die Ärzte: Warum werden Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre immer seltener? Was hat der Säureblock »Tagmet«, derzeit Deutschlands Apotheken-Hit Nummer zwei, damit zu tun?
aus DER SPIEGEL 33/1981

Dünn und nervös, im blaßgrauen Gesicht zwei scharfe »Magenfalten«, Zigaretten und Kaffee süchtig zugetan, immer auf dem Sprung nach vorn und nach oben: So, als Mann mit brennendem Ehrgeiz im Leib, wird der »klassische Geschwürpatient«, der »Ulcusträger«, den Medizinstudenten im Hörsaal vorgeführt. Nur: Dieser Mann scheint auszusterben.

Langsam, aber sicher wird die Zahl der magenkranken Deutschen immer kleiner. Während die großdeutsche Wehrmacht magenkrankes Fußvolk noch in eigens gegründeten »Magenkranken-Bataillonen« zusammenfaßte, sind leidende Herren mit Bauchschmerzen mittlerweile fast Einzelkämpfer geworden: Zwar gibt es keine Meldepflicht für die Geschwürerkrankungen des Verdauungsweges und deshalb keinen genauen Überblick, doch stimmen die Gastroenterologen

( Gastroenterologen = Spezialisten für ) ( Magen-Darm-Erkrankungen; von gaster ) ( (griech.) = Magen, enteron (griech.) = ) ( Darm und logos (griech.) = Lehre. )

darin überein, daß Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre nur noch halb so häufig vorkommen wir vor 20 Jahren.

Fast ebenso eindrucksvoll ist der kontinuierliche Rückgang des Magenkrebses: Während 1969 noch 24 400 Bundesdeutsche dem heimtückischen, fast immer zu spät erkannten Karzinom zum Opfer fielen, waren es 1979 nur noch 18 500. Die fallende Tendenz hält an. Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es dafür bisher nicht.

Während die Doktoren zugeben, daß mit ihrer Macht gegen den Magenkrebs heute so wenig wie vor zwanzig Jahren ausgerichtet werde -- Heilungsziffer damals wie heute unter zehn Prozent --, greift bei den gutartigen Geschwüren ein amerikanischer Pharmakonzern nach dem Lorbeer: Eine chemische Substanz namens Cimetidin, weltweit unter dem Markennamen »Tagamet« im Handel, habe Häufigkeit und Schwere der Geschwüre in allen Ländern eindrucksvoll vermindert, verlautbart der Produzent, die Firma Smith Kline & French Laboratories aus Philadelphia.

Seit das Präparat 1976 in England auf den Markt kam, hat es einen auch in der Pharmawelt bislang kaum gesehenen Boom erlebt: Die westdeutsche Smith-Kline-Tochter »SK Dauelsberg« verkaufte in den zwölf Monaten von Juni 1980 bis Mai 1981 mehr als 2,2 Millionen Packungen zum Fabrikabgabepreis von 94 986 300 Mark, eine Steigerung von 42,7 Prozent gegenüber den zwölf Monaten zuvor. Der Magensäureblocker wurde zum meistverkauften Präparat nach dem Antidiabetikum »Euglucon« (der Farbwerke »Hoechst"). Weltweit nehmen schon 15 Millionen Menschen »Tagamet«. In den USA ist das Magenmittel Spitzenreiter auf der Pharma-Sellerliste und hat den Seelentröster »Valium« überrundet. Smith Kline & French setzten im vergangenen Jahr mit ihrem Hit über 600 Millionen Dollar um -- ein Drittel des Konzernumsatzes.

Für den angesehenen US-Professor Charles B. Clayman von der Northwestern University in Chicago ist der Zusammenhang zwischen »Tagamet«-Gabe und Ulcus-Häufigkeit jedoch keineswegs gesichert. »Tagamet ist jetzt im Scheinwerferlicht«, sagt der Internist, »aber über 50 Prozent aller Geschwüre heilen von allein.« Früher, so Clayman, habe man diese Spontanheilungen anderen Präparaten angerechnet, die wegen ihrer unerwünschten Nebenwirkungen nun fast völlig aus der Mode sind. Clayman: »Laßt uns vorsichtig sein!«

Die herkömmlichen Anti-Ulcus-Medikamente versuchten allesamt, überschüssige Magensäure chemisch zu neutralisieren, denn »ohne Säure kein ulcus«. Diese unbestrittene Gastroenterologie-Wahrheit hat freilich eine Kehrseite, über die die Experten öffentlich nicht gern reden: Zuviel Magensäure ("Hyperazidität") macht noch lange kein Geschwür. Und bei den meisten Patienten mit Magengeschwüren ist die Säurekonzentration ganz normal, oft sogar erniedrigt.

Anders bei Patienten mit einem Zwölffingerdarmgeschwür ("Ulcus duodeni"), das vom scharfen Magensaft herrührt: »Diese Patienten«, lehrt Professor Andre L. Blum, Leiter des gastroenterologischen Laboratoriums am Triemli-Spital in Zürich, »haben von Jugend an einen hohen Säuregehalt im Magen, und dennoch erscheint das Geschwür erst im mittleren Lebensalter, heilt bei unvermindert hohem Säuregehalt häufig von selbst und neigt, bei weiterhin unveränderter Magensäure, zu häufigen Rückfällen.«

Diesen drei Merkwürdigkeiten gesellt sich ein viertes Rätsel hinzu: Vom Geschwür wird immer nur ein Bruchteil der Magen- und Darmwand erfaßt, obgleich doch die ganze Schleimhaut von der körpereigenen Säure umspült wird. Und diese hat es durchaus in sich: Menschlicher Magensaft verflüssigt im Reagenzglas Fleischstücke innerhalb von zwei bis drei Stunden. Sogar Eisennägel werden vom Magensaft in wenigen Tagen aufgelöst.

Magenforscher Blum vermutet, daß die Prostaglandine -- körpereigene Wirkstoffe, die jede einzelne Zelle produziert und die deshalb arztintern »Hormone des kleinen Mannes« genannt werden -- in gesunden Tagen die Schleimhäute des Magen-Darm-Kanals vor der Selbstverdauung durch die Salzsäure schützen. Der Schweizer hofft deshalb auf neue Medikamente, die im Magen bei Bedarf die körpereigene Prostaglandinproduktion anregen, ohne dabei andere Organe in Mitleidenschaft zu ziehen. Blum: »Medikamente, die möglicherweise eine solche Wirkung besitzen, sind zur Zeit in klinischer Erprobung.«

Auf »Tagamet« ist Blum nicht gut zu sprechen. »Arzt und Patient wünschen sich von einem Medikament eine hundertprozentige Wirkung«, sagt er, »diesen Wunsch erfüllt das Cimetidin noch nicht, vor allem nicht beim Magengeschwür.« Wie der Schweizer Facharzt sorgen sich auch Mediziner in anderen Ländern überdies wegen der S.147 unerwünschten Nebenwirkungen des Apotheken-Hits.

Die Wirksubstanz Cimetidin blockiert, wenn sie viermal täglich in einer Gesamtmenge von einem Gramm geschluckt wird, zwar wirkungsvoll die Ausschüttung der nahrungsspaltenden Salzsäure aus den Schleimhautdrüsen. Dies geschieht jedoch nicht durch örtliche Einwirkung, sondern über eine Beeinflussung der sogenannten Histamin-Synthese. Histamin ist eine körpereigene Substanz, die neben zahlreichen anderen Wirkungen auch die Salzsäurebildung im Magen anregt.

Mit den Antihistaminika hat man in den letzten dreißig Jahren auf anderen Gebieten der Heilkunst jedoch durchaus gemischte Erfahrungen gemacht. Auch Cimetidin ist nicht nur segensreich. Es kann Kopfschmerzen, Brechreiz, Müdigkeit, Durchfall, Muskelschmerzen, bei älteren Patienten auch Verwirrtheitszustände verursachen. Mit manchen Medikamenten, darunter »Valium«, dem anderen Kassenknüller, verträgt sich »Tagamet« schlecht. Schließlich spürten etliche Patienten nach Cimetidin-Gaben ein deprimierendes Abschlaffen von Libido und Potenz.

Doch diese Nebenwirkungen, die nach Absetzen der Novität meist rasch verschwinden, wiegen leicht gegen ein anderes Risiko: Womöglich, so sorgen sich Arzneimittelforscher, erhöhe die geschwürfeindliche Arznei zugleich die Gefahr, daß der Patient einen Magenkrebs entwickelt.

Die Blockade der Salzsäureproduktion begünstigt nämlich die Besiedlung der Magenwände mit Bakterien. Eine solche Invasion gilt als krebsfördernd. Von der weitverbreiteten Dauertherapie mit »Tagamet« rät deshalb sogar die pharmafreundliche »Ärztliche Praxis« ab. Sie empfiehlt: Ruhig mal »Pause machen«.

S.146Gastroenterologen = Spezialisten für Magen-Darm-Erkrankungen; vongaster (griech.) = Magen, enteron (griech.) = Darm und logos(griech.) = Lehre.*

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