Zur Ausgabe
Artikel 26 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Perfide öffentliche Verdummung«

aus DER SPIEGEL 32/1990

SPIEGEL: Nach drei Wochen strahlender Sonne und Millionen Autos auf den Straßen fürchten die Bundesbürger eine neue Umweltgefahr - zu viel Ozon in den Lungen. Wie groß ist die Gefahr wirklich?

WASSERMANN: Ozon ist in der Diskussion, weil es zu 70 Prozent den toxikologisch relevanten Anteil der belastenden Schadstoffe ausmacht. Die Gefahr ist dort vergrößert, wo die Kraftfahrzeugdichte am höchsten ist, aber auch da, wo Müllverbrennungsanlagen und die Industrie Schadstoffe ausstoßen.

SPIEGEL: Sollte der gesunde Erwachsene, der weder unter Asthma noch an chronischer Bronchitis leidet, auf Tennis, Joggen oder Radfahren verzichten?

WASSERMANN: Der robuste Freizeitsportler kann mit der gegenwärtigen Ozonbelastung im allgemeinen sicher fertig werden. Am besten testet er sich selbst aus, wann es ihm nicht mehr guttut.

SPIEGEL: Wie merkt er das?

WASSERMANN: In der medizinischen Fachliteratur gibt es Beispiele, daß die ersten Reizzustände in der Bindehaut des Auges schon bei etwa 70 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft zu verzeichnen sind, wenn der Reiz über mehrere Stunden andauert. Eine Beeinträchtigung der Atemwege beginnt bei Risikogruppen schon in der Nähe von 100 Mikrogramm.

SPIEGEL: Zu diesen Risikogruppen zählen Alte, Kinder und Schwangere?

WASSERMANN: Alle diejenigen, deren Atemwege vorgeschädigt sind wie zum Beispiel ältere Menschen oder Personen, deren Organismus unter Streß steht, dazu zählen auch Schwangere. Kinder sind deshalb besonders gefährdet, weil sie im Verhältnis zu ihrer Körpergröße einen höheren Sauerstoffumsatz haben als Erwachsene.

SPIEGEL: Was bewirkt Ozon im Körper, und wo entfaltet es seine schädliche Wirkung?

WASSERMANN: Wenn man Ozon dem Trinkwasser beimischt, tötet es durch seine Oxidationswirkung Bakterien im Wasser ab. Wenn man den dreiatomigen Sauerstoff einatmet, kommt es an der Oberfläche der Lungenzellen, aber auch an den Schleimhäuten der Nase, in den Augen und im Rachen zu Oxidationsprozessen, und das führt zur Reizung. Bei chronischer Belastung können sich durch Kombinationseffekte mit anderen Schadstoffen bleibende Zellschäden einstellen.

SPIEGEL: Wie läßt sich das verhüten?

WASSERMANN: Die Empfehlung an ältere Menschen und Kinder, sich weniger im Freien aufzuhalten und die körperliche Betätigung an frischer Luft zu beschränken, ist sicher richtig.

SPIEGEL: Aus dem Umweltbundesamt kommt der Tip, intensives Atmen zu vermeiden.

WASSERMANN: Solche Vorschläge kommen der Aufforderung gleich, jeden zweiten Atemzug ausfallen zu lassen - das ist eine perfide Verdummung der Öffentlichkeit und dient wohl dazu, von Problemen abzulenken, die nur durch politisch einschneidende Maßnahmen etwa gegen die chemische Industrie oder den Autoverkehr zu lösen sind.

SPIEGEL: Nach den Alarmmeldungen aus Bayern, Italien, der Schweiz und nun auch aus Norddeutschland scheint das Ozonproblem in diesem Sommer besonders akut zu sein.

WASSERMANN: Das glaube ich kaum. Es wird nur mehr gemessen.

SPIEGEL: Bei den Diskussionen um die Gefahrengrenze gibt es einige Verwirrung. Die Weltgesundheitsorganisation etwa will bei 120 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter Luft die betroffene Bevölkerung warnen, der Bundesumweltminister hat die Warngrenze auf 180 Mikrogramm festgelegt, und der Münchner Gesundheitsreferent hält einen Pegel von 400 Mikrogramm noch für ungefährlich, wie er in der Sommersmog-Hauptstadt Los Angeles gemessen wurde.

WASSERMANN: Der 400er Wert ist absolute Ignoranz. Auch die Münchner sind nicht giftfester als Menschen anderswo. An dem Grenzwert von 120 führt kein Weg vorbei, ich denke, daß der wirklich noch sichere Anteil zwischen 70 und 80 Mikrogramm liegt. Das belegen die Ergebnisse von Tierexperimenten und epidemiologische Untersuchungen an Menschen aller Altersgruppen.

SPIEGEL: Die bundesdeutsche Fußballsaison ist wieder im Gange. Wer sitzt tiefer in der Ozonfalle, die grölenden bierseligen Fans oder die hechelnden Balltreter?

WASSERMANN: Sicherlich die aktiven Sportler. Die Biertrinker auf den Tribünen sind ja ohnehin in einem reduzierten Zustand.

Zur Ausgabe
Artikel 26 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel