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BAUTECHNIK Pfeffermühle im Wüstensand

Ein Dortmunder Architekt plant im Nahen Osten ein ehrgeiziges Projekt: In Riad, Dubai und Bahrein will er Bürotürme bauen, die ihren Energiebedarf komplett selbst decken.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Überall in den Metropolen des Nahen Ostens wie Dubai und Riad ragen Wolkenkratzer in die Höhe - in der Sonne funkelnd und oftmals von extravaganter Form. Und doch war einer der Scheichs traurig bewegt: »Habt ihr denn nicht mal was mit einer tragenden Idee?«, raunzte eines Tages Abd al-Hadi Sadik Pascha. Der Chef von Dubais Architekturbehörde war grantig angesichts glänzender Gebäudekompositionen, deren Wert sich seiner Meinung nach gleichwohl nur in der bloßen Anmutung erschöpft.

Die Szene hat sich wahrhaft zugetragen. Und wie durch schicksalhafte Fügung war der Erretter für den nach technischer Innovation dürstenden Orient persönlich anwesend. Der kommt ausgerechnet aus dem von der Welt sonst wenig wahrgenommenen Dortmunder Vorort Oespel-Kley. Dort hocken die Mitarbeiter des Architekturbüros von Eckhard Gerber in einem klassizistischen Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, das lange vom ersten Bauerngeschlecht am Platz bewohnt worden war.

In dem alten Gemäuer ersann eine Handvoll Architekten jüngst einen hochmodernen Turm - 322 Meter und 68 Stockwerke hoch soll der Riese aufragen, was ihm Platz 22 auf der Liste der welthöchsten Wolkenkratzer einbringen würde. Weit beeindruckender noch: Der Bau soll nicht nur ungewöhnlich wenig Energie schlucken, sondern diese auch noch komplett selbst erzeugen.

»So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht«, preist Chefarchitekt Gerber sein Werk. Über die Bedeutung der eigenen Leistung urteilt der Meister selbstbewusst: »So ein Wurf passiert nur ganz selten.«

Stadtverwaltungen und Projektentwickler in diversen arabischen Städten hätten den autarken Ökoturm, der derzeit nur als Computergrafik existiert, bereits als »phantastisch« und »genial« bejubelt, berichtet der Projektant. Noch in diesem Jahr will Gerber mit der Almoayed Holdings in Bahrein handelseinig werden, die das 300-Millionen-Euro-Projekt offenbar stemmen möchte. Der Investor gehört zu einer der fünf mächtigsten Familien des Inselstaats. Auch Finanziers in Dubai und Riad lockt der Spiritus Rector aus dem Ruhrgebiet mit seinem Hightech-Tower, der sich nur aus Sonne, Wind und Wasser speist.

In der Region ist Gerber kein Unbekannter. In der saudi-arabischen Hauptstadt Riad baut sein Büro sowohl die Königliche Nationalbibliothek als auch ein Wissenschaftszentrum samt Shopping Mall. Dass Gerbers Team auch in die Höhe vordringen kann, bewies zuletzt die Fertigstellung der 22-stöckigen Firmenzentrale für ein Tochterunternehmen des Energiekonzerns RWE in Dortmund.

Mit dem Burdsch al-Taka (Energieturm) wagt der inzwischen emeritierte Professor nun ein weit kühneres Experiment - das

allerdings ohne die Unterstützung des Stuttgarter Ingenieurbüros DS-Plan kaum denkbar gewesen wäre. Die Bauberater aus Schwaben besorgten praktisch die Planung des gesamten technischen Apparats in und um den zylindrischen Giganten.

Besonders die Außenfront gilt gemeinhin als Problemzone der großen Glaskästen. Eine Studie des Darmstädter Instituts Wohnen und Umwelt offenbarte beispielsweise erst vor wenigen Jahren dramatische Zustände in deutschen Bürohochhäusern. Dort braten die Angestellten der Erhebung zufolge im Sommer mitunter bei einer Zimmertemperatur von weit über 40 Grad Celsius im eigenen Saft.

Die Zylinderform des Turms soll der Sonne so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Ein Schutzschild vom Boden bis zum Dach, der 60 Grad des riesigen Rundlings abdeckt, schützt die jeweils besonders betroffene Seite vor der gleißenden Bestrahlung. Kein Raum wäre so je direktem Sonnenlicht ausgesetzt. Das diffuse Licht an den anderen Seiten wird durch eine Mineralbeschichtung auf den Fenstern gemildert.

Die Fassade des Turms soll aus einer neuen Generation von Vakuum-Isolierglas entstehen, das erst ab 2008 auf dem Markt verfügbar ist. Die neuen Edelfenster sollen das Innenleben des geplanten Energieturms weitgehend von der äußeren Hitze abschirmen - unabdingbar in einer Region, in der die Außentemperatur im Hochsommer bis auf 50 Grad ansteigen kann. Möglich wird dies durch einen Qualitätssprung im Material: Die neuen Vakuumfenster lassen bis zu zwei Drittel weniger Wärme durch als die bislang üblichen Produkte.

»So ein Gebäude muss wie eine Thermoskanne funktionieren«, sagt Energiemanager Peter Mösle von DS-Plan zum Konzept. »Im Sommer muss es kühlen und im Winter warm halten.«

Als Vorbild wählten die Bauplaner ein uraltes System aus Persien. Reiche Kaufleute mauerten dort schon vor Jahrhunderten Windtürme auf ihre Hausdächer und exportierten diese Idee schließlich in den arabischen Raum. Die inzwischen als Sehenswürdigkeit bestaunten Bauten funktionieren als natürliche Klimaanlage: Durch Seitenöffnungen wird die Luft kühler Winde wie in einen Kamin eingesogen. Die schwere Kaltluft fällt nach unten und verdrängt die leichtere Warmluft. In der Wohnstube breitet sich trotz sengender Sonne eine wohlige Temperatur aus.

Gerbers Gesamtkunstwerk soll ähnlich funktionieren: Jener Unterdruck, der durch sich brechende Winde entlang dem Turm entsteht, soll die verbrauchte Raumluft durch Luftschlitze in der Fassade heraussaugen. Gleichzeitig, so der Plan, wird Frischluft durch ein Röhrensystem ins Gebäudeinnere gepumpt.

Meerwasser soll die Luft vorkühlen. Drei große Kühlmaschinen im Keller des Kolosses senken die Temperatur schließlich auf angenehme 18 Grad. Durch transparente Röhren wird die Frischluft in großzügige Atrien und von da aus in die Flure und Büros geleitet. In die Luftschächte - vielerorts eher Schandflecke mit Blechverkleidung - wollen die Planer blühende Gärten an Edelstahlseilen hängen.

Das Kühlzentrum in der Tiefe lässt derweil auch das Wasser in den Pipelines erkalten, die durch sämtliche Deckenböden laufen. Das Rohrschlangensystem ist als hochmoderne und sanfte Klimaanlage gedacht. Die Belästigung durch unangenehme Windströme entfällt.

Der Clou des Ganzen: So gewaltig auch der Aufwand scheint, die Betreiber des Turms müssen doch kein Kraftwerk dafür anzapfen. Ausreichend Strom produzieren eine 60 Meter hohe Turbine auf dem Dach der Öko-Immobilie sowie die insgesamt 15 000 Quadratmeter zweier Fotovoltaikanlagen. Zusätzliche Energie liefert eine Sonnenkollektor-Insel von 17 000 Quadratmeter Fläche, die in Sichtweite des Big Burdsch auf dem Meer treibt.

Mit dem überschüssigen Strom wird mittels Elektrolyse Wasserstoff aus Meerwasser gewonnen und in speziellen Tanks eingelagert. Nachts setzt die Kraftquelle dann Brennstoffzellen in Gang, die den umfänglichen Betrieb im Gebäude am Laufen halten und den Turm zum Leuchten bringen. Tagsüber lenken hingegen hochreflektierende Spiegel auf dem Dach das Sonnenlicht auf einen Lichtkegel, der sich wie eine Achse durch die Mitte des Bauwerks zieht und die einzelnen Stockwerke mit reichlich natürlicher Helligkeit versorgt.

So mutet der Burdsch al-Taka wie der jüngste Höhepunkt eines Trends an, der seit einiger Zeit zu beobachten ist: In Metropolen wie Chicago, New York oder Paris wachsen derzeit Wolkenkratzer in die Luft, die diverse Öko-Prädikate abstauben und augenscheinlich von einer grünen Welle im Hochbau künden.

Doch Energiemaestro Mösle blickt mit Geringschätzung auf das Treiben der Kollegen. »Die bauen Häuser, die genauso ineffizient sind wie ihre Vorgänger«, blafft der Null-Energie-Experte. Trotzig bescheinigt er der Konkurrenz: »Wir sind nicht eine, wir sind zwei Nummern besser.«

Noch fehlt freilich der Nachweis, dass das Zusammenspiel der Kräfte die riesige Pfeffermühle im arabischen Wüstensand tatsächlich in einen wundersamen Kraftquell natürlicher Energie verwandeln kann. Wird sich also der Windpalast am Ende als Luftschloss entpuppen?

Bisher haben die verantwortlichen Ingenieure die Funktionsweise des Turms nur mit Simulationen am Rechner verifiziert. Genauer sind auch die Investoren nicht im Bilde. »Die werden das im Vorfeld nicht nachprüfen können«, weiß denn auch Architekt Gerber und wiegt sich in Sicherheit: »Die haben vollstes Vertrauen in die Arbeit der Deutschen.«

FRANK THADEUSZ

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