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ARCHÄOLOGIE Plünderung vor der Haustür

Kaum eine bronzezeitliche, römische oder mittelalterliche Fundstätte gibt es in Deutschland, die nicht heimlich durchwühlt wird. Mit Metalldetektoren, Bodenradar und Kleinbaggern gehen Raubgräber auf Schatzsuche. Archäologen warnen vor der systematischen Zerstörung des kulturellen Erbes.
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 28/2006

Wochenlang hörten Anwohner aus der stillgelegten Kegelbahn in Frechen bei Köln immer wieder merkwürdige Geräusche. Ende Oktober vergangenen Jahres klopften schließlich Polizisten an die verblindeten Fensterscheiben des heruntergekommenen Schuppens - und erlebten eine Überraschung.

Zwei erdverkrustete Männer, ein 48jähriger Arbeitsloser und sein 44-jähriger Helfer, krabbelten ihnen aus einem 30 Meter langen Kriechstollen entgegen, der zu einem der Nachbargrundstücke führte. Die rund 60 Zentimeter hohe Erdröhre war mit Kanthölzern und Bohlen fachgerecht gesichert, ineinandergesteckte Plastikrohre aus dem Baumarkt sorgten für Frischluft unter Tage. Den Abraum hatten die Maulwürfe filmreif mit einem an Seilen gezogenen Rollwägelchen ins Basislager unter der Kegelbahn befördert und von dort in Plastiksäcken entsorgt.

Am Ende waren die beiden Männer, mit abgesägten Spaten und Spitzhacken bewaffnet, nur noch wenige Meter von ihrem Ziel entfernt - einem Areal mit unberührt im Boden liegenden Töpferöfen, in denen im 16. und 17. Jahrhundert begehrte Exportkeramiken, die sogenannten Bartmannkrüge, produziert wurden.

»Wenn die beiden nicht gestört worden wären, hätten sie sich unterirdisch von Ofen zu Ofen gearbeitet«, glaubt Helmut Luley, Archäologe beim Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege in Bonn. Bei etwa 200 bis 300 Krügen pro Ofen und einem Marktpreis von bis zu 1500 Euro je Stück wäre das für die Tunnelbauer »wie ein Sechser im Lotto gewesen«.

Illegale Schatzsucher treiben nicht nur zwischen Euphrat und Tigris ihr Unwesen, auch in Deutschland warnen Denkmalschützer und Forscher vor einem archäologischen Desaster: »Wir haben massive Probleme«, klagt Jürgen Kunow, Bodendenkmalpfleger in Bonn, »Raubgrabungen finden Nacht für Nacht direkt vor unserer Haustür statt.«

Vor allem die Suche mit Metalldetektoren hat sich zu einer Art Volkssport entwickelt. Bereits mit Geräten der unteren

Preisklasse lassen sich größere Gegenstände wie etwa ein fränkischer Sax, römische Münzhorte oder antike Bronzeschüsseln durch eine mehr als 30 Zentimeter dicke Ackerschicht hindurch orten.

Für tieferliegende Schätze stehen den Hobbyarchäologen Sonden zur Verfügung, die Metallobjekte noch in sechs Meter Tiefe aufspüren können. Wer will, dem bieten Händler auch Finanzierungsmöglichkeiten für den Kauf von Bodenradargeräten oder von Systemen zur geophysikalischen Untersuchung, mit denen sich Bodenanomalien wie Gruben oder Hohlräume ausmachen lassen.

Einige 10 000 solcher Sondengänger betätigen sich in Deutschland als Jäger der verlorenen Schätze. Sie stiefeln in ihrer Freizeit mit dem Metalldetektor über die Felder und suchen nach allem, was der Boden hergibt: Münzen, Schmuck, Gewandspangen, Waffen. »Für viele ist das wie eine Sucht - wenn sie einmal damit angefangen haben, können sie nicht mehr aufhören«, berichtet Eckhard Laufer, Raubgrabungsexperte bei der Polizei in Hessen.

In den meisten Fällen frönen die Hobbyarchäologen ihrer Leidenschaft ohne amtliche Genehmigung, auch vor denkmalrechtlich registrierten Fundplätzen machen sie nicht halt. Viele der abgesuchten Flächen sehen hinterher aus wie Mondlandschaften, in denen sich Grabkuhle an Grabkuhle reiht.

Den harten Kern der professionellen Raubgräber schätzen Insider auf rund tausend Personen. »Viele von ihnen sind Intensivtäter ohne jegliches Unrechtsbewusstsein und den Behörden oft seit Jahr- zehnten bekannt«, sagt Laufer. Hochgerüstet und lichtscheu gehen sie ihrem illegalen Treiben nach. Zum typischen Equipment gehören meist mehrere Metalldetektoren, Klappspaten und Hacken, archäologische Karten sowie GPS-Empfänger und Nachtsichtgeräte.

Gezielt suchen die Profis nach Objekten, die sich verkaufen lassen. Interessante Fundstellen werden tagsüber unauffällig markiert - nachts kommen dann die Plünderer und bergen die Beute, gelegentlich rücken sie auch mit Kleinbaggern an.

Verblüfft sind Denkmalschützer und Ermittler immer wieder vom fachlichen Know-how der Nebenerwerbsarchäologen: »Manche von denen können auf Bestellung ein Bronzeschwert besorgen, die sind besser informiert als manch ein Wissenschaftler«, berichtet Jörg Biel, Landesarchäologe in Baden-Württemberg.

Experten wie der bayerische Bodendenkmalschützer Walter Irlinger warnen mittlerweile vor der »flächigen Plünderung unseres kulturellen Erbes«. In einigen Fällen fielen den Raubgräbern sogar regelrechte Sensationen in die Hände, wie die berühmte Himmelsscheibe von Nebra oder ein 74,5 Zentimeter hoher Goldhut aus der Bronzezeit.

Niemand weiß genau, was die emsigen Buddler Jahr für Jahr aus dem Boden holen. »Wir sehen nur die Zerstörung, die sie hinterlassen«, sagt Kunow, »nicht die Beute.« Auch die Frechener Tunnelbauer gingen den Ermittlern nur deshalb ins Netz, weil ein Nachbar beim Füßevertreten im Garten plötzlich bis zum Hals im Boden steckte.

Viele der einschlägigen Bodendenkmäler in Deutschland sind bereits regelrecht »metallfrei« - das Heer der Sondengänger hat sie rücksichtslos leergeräumt. Selbst Notgrabungen lohnen sich für die Forscher in solchen Fällen meist nicht mehr, weil das, was noch im Boden steckt, wegen der Zerstörung des Fundzusammenhangs als wissenschaftliche Quelle keinen Aussagewert mehr besitzt.

In so gut wie allen keltischen Wallanlagen, römischen Militärlagern oder mittelalterlichen Burgen Deutschlands sind die oberen Erdschichten systematisch durchwühlt. »Manche Stätten bei uns im Land sind regelrecht ausgeplündert«, konstatiert Egon Schallmayer, Landesarchäologe in Hessen.

Im keltischen Oppidum Dünsberg bei Gießen etwa haben Sondengänger nach Angaben von Karl-Friedrich Rittershofer von der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt am Main »riesenhafte, kaum vorstellbare Zerstörungen« angerichtet: Die Schatzsucher raubten Tausende keltischer Lanzenspitzen, ganze Pferdegeschirre, Wagenteile, römische Schwerter und Pilumspitzen aus dem Boden. Unter Experten gilt die Keltensiedlung aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus deshalb wissenschaftlich-archäologisch bereits als so gut wie tot.

Einen regelrechten Boom hat der Wegfall der innerdeutschen

Grenze in der Schatzgräberszene ausgelöst. »Fast alle oberirdisch sichtbaren Bodendenkmäler aus der Bronze- und Eisenzeit haben in den neuen Bundesländern mindestens einmal Besuch von illegal operierenden Detektorgängern bekommen«, berichtet Detlef Jantzen, Denkmalschützer in Mecklenburg-Vorpommern.

Um beispielsweise an den Inhalt eines bronzezeitlichen Hügelgrabes in Sassnitz auf der Insel Rügen zu kommen, buddelten Raubgräber eineinhalb Meter tief - offenbar hatte ihnen der Detektor ein Bronzeschwert oder einen wertvollen Halskragen angezeigt. »Die Grabung machte einen professionellen Eindruck, möglicherweise wurde sie auf Bestellung durchgeführt«, glaubt Jantzen.

Schon sind die Hüter des kulturellen Erbes auf vielen denkmalrechtlich geschützten Fundplätzen Mitteldeutschlands dazu übergegangen, das Terrain mit Metallspänen zu spicken - die Sonden der Schatzsucher liefern dann keine verwertbaren Signale mehr.

Wie professionell die Raubzüge organisiert sind, mussten auch Archäologen erkennen, die vor einiger Zeit im rheinischen Weilerswist bei Euskirchen mehrere intakte römische Sarkophage aus dem dritten Jahrhundert nach Christus entdeckt hatten. Aus Angst vor unliebsamen Besuchern hatten sie die Fundstelle schon nach kürzester Zeit wieder mit Erdreich verfüllen und das Gelände unauffällig einplanieren lassen.

An einem Montag sollten die systematischen Ausgrabungen beginnen. Doch daraus wurde nichts, denn am Wochenende zuvor hatten die Raubgräber zugeschlagen. Sie buddelten im Schutz der Nacht exakt an den richtigen Stellen und zertrümmerten die Sargdeckel mit Vorschlaghämmern. Den am Montag eintreffenden Archäologen blieben nur noch die Negativabdrücke der vermutlich wertvollen Grabbeigaben im Boden. »Das waren hochprofessionelle Kriminelle, die genau wussten, wo sie suchen mussten, wahrscheinlich hatten sie sogar die genauen GPS-Daten«, klagt Paul Wagner vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege.

Von dem Beutegut fehlt bis heute jede Spur. »Solche Sachen bleiben erst einmal ein paar Jahre im Untergrund, bis Gras über die Angelegenheit gewachsen ist«, erklärt Archäologe Luley. Zudem ist das Verhökern der Raubware in Zeiten des Internet so einfach wie nie zuvor. Wertvolle Einzelstücke finden in der Regel über den Kunst- und Antikenhandel ihre Abnehmer. Den in der Szene als »Schrott« bezeichneten Beifang wie beschädigte Fibeln oder schlechterhaltene Münzen vermarkten die Archäo-Diebe bei Ebay selbst. Geprahlt wird dabei nicht selten mit »erdfrischer« Ware.

Nicht alle Sondengänger und Hobbyarchäologen sind Raubgräber. Viele von ihnen kooperieren als ehrenamtliche Helfer mit den Denkmalschützern - und liefern den Experten oft wertvolle Hinweise. Spektakuläre Funde wie etwa die Entdeckung des Fürstengrabhügels von Hochdorf oder einer hölzernen Hirschfigur aus dem keltischen Schacht von Schmiden in Baden-Württemberg gingen auf das Konto solcher legalen Mitarbeiter.

Doch für die meisten in der Schatzsucherszene zählt nur der Kick des Findens. Auch wenn sie sich bei den Denkmalschützern um offizielle Suchgenehmigungen bemühen, trauen ihnen die Experten nicht über den Weg: »Wir bieten den Leuten an, dass sie ehrenamtlich tätig werden können. Aber wenn wir ihnen sagen, dass sie dabei keine Metallsonden verwenden sollen, dann hören wir nie wieder etwas von denen«, berichtet Biel.

In Baden-Württemberg können Sondengänger deshalb prinzipiell mit keiner Such- und Nachforschungserlaubnis mehr rechnen. Auch in Bayern sind die Erfahrungen mit den Hobbyarchäologen durchwachsen: »Das Gros der Sondler scheut die Zusammenarbeit mit uns wie der Teufel das Weihwasser«, sagt Irlinger.

Landesarchäologen fordern seit langem, den Verkauf von Metalldetektoren zu reglementieren. Doch ein wirksamer Schutz gegen die Raubgräberszene ist noch nicht entwickelt - zumal auch deutsche Museen trotz anders lautender Selbstverpflichtungserklärungen noch immer heiße Ware aus trüben Quellen ankaufen.

In Antikenhochburgen wie Griechenland oder der Türkei drohen Raubgräbern jahrelange Haftstrafen, in Italien wachen Hunderte spezialisierter Carabinieri über die Zeugnisse der Vergangenheit. Selbst in Schweden müssen eingereiste Schatzsucher mit monatelanger Untersuchungshaft rechnen, wenn sie in flagranti erwischt werden.

Im Vergleich dazu fallen die Strafen in Deutschland noch immer lächerlich gering aus. Viele Verfahren, auch solche gegen notorische Mehrfachtäter, werden eingestellt. Überführte Plünderer kommen mit Geldbußen wegen Ordnungswidrigkeiten davon, die selten 1000 Euro übersteigen - »das bezahlen Profis mit dem, was sie in einer Nacht aus dem Boden holen«, sagt Biel.

Auch einer der beiden Frechener Tunnelbauer war für die Ermittler kein Unbekannter. Bereits 1995 hatten Beamte sein Haus durchsucht und dabei neben typischem Raubgräberwerkzeug ein ganzes Arsenal von zum Teil noch erdverkrustetem Töpfergut aus der frühen Neuzeit sichergestellt.

Beschlagnahmt wurden außerdem mehrere unscheinbare rostige Metallklumpen, die sich nach der Restaurierung als reich mit Silbereinlagen und Silberplattierungen verzierte fränkische Gürtelgarnituren aus dem 7. Jahrhundert entpuppten. »Die müssen mindestens zehn fränkische Gräber geplündert haben«, glaubt Kunow.

Gegen den Ertappten wurde Anklage wegen Raubgräberei erhoben. Zwar äußerten die Richter starke Zweifel an seinen Beteuerungen, er habe die Objekte geerbt oder auf Flohmärkten zusammengekauft. Dennoch wurde das Verfahren eingestellt - gegen Zahlung einer Geldbuße von umgerechnet etwa 600 Euro. GÜNTHER STOCKINGER

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