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Geologie Pollen im Schlick

Die ersten Ackerbauern verdrängten den Wald: Der Ostseeboden verrät frühe Umweltsünden.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Behutsam trägt Gerd Hoffmann eine graue Plastikwanne aus dem Kühlraum. Nachdem er den Deckel geöffnet und die schützende Plastikfolie entfernt hat, kommt eine feucht glänzende Masse zum Vorschein. »Ist das nicht toll?« begeistert sich der Geologe.

Was der Laie nur für Modder hält, ist für Hoffmann ein aufregender Fund: ein Bohrkern aus dem Boden der Ostsee, der die ungestörten Sedimentschichten aus den letzten 8000 Jahren enthält. Von Bord des Forschungsschiffs »Poseidon« aus hat das Team um den Kieler Wissenschaftler 53mal ein mit 750 Kilogramm Blei beschwertes Stahlrohr ins Meer fallen und in den Untergrund sacken lassen. Gut verpackt und dokumentiert, lagern die entnommenen Schlickzylinder nun in klimatisierten Regalen.

Die Proben sollen helfen, ein Rätsel zu lösen, das Altertumskundler, Geologen und Klimawissenschaftler gleichermaßen beschäftigt: Warum verschwanden in relativ kurzer Zeit die dichten Wälder, die noch vor einigen tausend Jahren den Norden Europas bedeckten?

Vieles spricht dafür, daß nicht allein die Klimaschwankungen nach der Eiszeit den Bäumen die Lebensgrundlage entzogen. Vielmehr könnten schon die Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit mit ihren frühen Ackerbauversuchen die Bodenerosion in Gang gesetzt haben, die dann nach Art einer Kettenreaktion die Landschaft gründlich veränderte.

Einige Millimeter pro Jahr wachsen die Ablagerungen auf dem Meeresgrund. Sechs bis acht Meter dick ist dementsprechend die geschichtsträchtige Matschschicht am Ostseeboden, aus der Hoffmann seine Proben stanzt.

Was die Ökologen chronisch betrübt, kommt dem Kieler Geologen vom Geomar-Forschungszentrum für seine Arbeit gerade recht: Am Boden der Ostsee herrscht in weiten Teilen Friedhofsruhe. Subversive Kleinstlebewesen, vor allem Würmer, deren Wühlarbeit oft die für Wissenschaftler kostbare Schichtfolge zerstört, können sich wegen des chronischen Sauerstoffmangels in der als »kranke Tochter der Nordsee« verschrienen Ostsee nicht entfalten.

Ein Volltreffer gelang mit dem Bohrkern FF2 aus der Flensburger Förde. Dort fand Hoffmann ein Stück Meeresgrund, das durch eine Erhebung auf dem Seeboden noch zusätzlich gegen sauerstoffhaltige Einströmungen abgeschirmt ist. Hier ruhen die Schichten wie im Lehrbuch. »So etwas kannte man bisher nur aus Binnenseen«, erläutert Hoffmann.

Die Forscher haben nun für die nächsten Jahre Arbeit: Sie durchleuchten dünne Scheiben der Bohrkerne mit Röntgenstrahlen, um die feinen Schichtgrenzen sichtbar zu manchen. Hunderte von kleinen Proben aus verschiedenen Abschnitten jedes Kerns werden unter die Lupe genommen. Die Größe der Sandkörner verrät ihre Herkunft. Handelt es sich um feinen Meeresschlick? Oder wurde gröberes Material vom Land ins Meer gespült - ein Indiz für Bodenerosion, möglicherweise hervorgerufen von waldrodenden Frühzeitsiedlern.

In dem interdisziplinären Team spielen Botaniker eine wichtige Rolle. Sie suchen mit dem Mikroskop nach prähistorischem Pflanzenpollen in den Ablagerungen. »Pollen von Getreide und charakteristischen Kräutern wie Spitzwegerich und Sauerampfer ist ein untrügliches Zeichen für Siedlungstätigkeit«, erklärt Botaniker Rainer Glos. »Gräserpollen verrät uns, daß der Wald sich gelichtet hat.«

Das Geschichtsbuch auf dem Ostseegrund beginnt etwa 6000 vor Christus, als mit der sogenannten Litorina-Überflutung die Ostseeküste bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere rückte: Die letzten aus der Eiszeit übriggebliebenen Gletscher, die auf dem heutigen Südschweden lasteten, waren abgeschmolzen. Die befreite Landmasse hatte sich gehoben; zum Ausgleich war der Norden Deutschlands abgesackt und damit teilweise unter den Meeresspiegel geraten.

Ungefähr zu jener Zeit, so vermuten die Forscher, wurden die ersten Jäger und Sammler seßhaft. »Vermutlich gehen diese Küstensiedler auf die einheimische mittelsteinzeitliche Bevölkerung zurück«, erklärt Archäologe Sönke Hartz. »Es gibt aus dieser Zeit jedoch nur ganz vereinzelte Knochenfunde - nichts, was sich anthropologisch untersuchen ließe.«

Der Einfluß des Ackerbaus auf die Landschaft könnte schon früh dramatische Formen angenommen haben. Der Kieler Botaniker Julian Wiethold fahndet nach Spuren in den Sedimenten des Belauer Sees, einer der mächtigsten ungestörten Ablagerungsfolgen in ganz Europa. »Um 3400 bis 3300 vor Christus zeigen die Pollenkurven, daß sich offenes Land ausbreitet«, hat der Forscher ermittelt. »Plötzlich finden sich auch Holzkohlepartikel im Sediment. Hier muß Brandrodung stattgefunden haben.«

»Ich vermute, daß sich der Ackerbau zuerst an den Küsten entwickelte«, glaubt Archäologe Hartz. Im Binnenland habe es vermutlich noch einige Zeit halbnomadische Jäger gegeben, doch die Küstenbewohner hätten schon früh nach neuen Wegen suchen müssen, die anwachsende Bevölkerung zu ernähren.

Die Bohrkerne vom Ostseegrund könnten helfen, diese Erkenntnislücke zu stopfen. Dabei soll Teamarbeit verschiedener Fachrichtungen am Ende höheren Zielen dienen: Die »Sedost« getaufte Sedimentschau in der Ostsee ist nur ein Teil des zur Zeit größten Schwerpunktprojekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): Im Rahmen des DFG-Vorhabens »Wandel der Geobiosphäre der letzten 15 000 Jahre« suchen insgesamt 44 Arbeitsgruppen quer durch die Republik aus prähistorischen Ablagerungen die Landschafts- und Klimageschichte zu rekonstruieren.

In vier Jahren soll das Puzzle zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Dann werden sich an Karten und Zeittafeln die frühen Umweltsünden der Mitteleuropäer ablesen lassen.

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