Geschlechtsabhängige Abtreibung Fünf Millionen Töchter, die nie zur Welt kommen

Weibliche Föten werden in manchen Ländern oft abgetrieben. Laut einer Studie könnten durch pränatale Geschlechtsselektion bis 2030 Millionen Mädchen-Geburten ausbleiben. Die Forscher warnen vor den sozialen Folgen.
Ultraschalluntersuchung (Symbolbild): Wird es ein Junge?

Ultraschalluntersuchung (Symbolbild): Wird es ein Junge?

Foto: John Fedele / Getty Images

Ein Sohn ist mehr wert als eine Tochter – diese Haltung ist in manchen Teilen der Welt verbreitet. Und sie wird sich in den kommenden Jahren deutlich in der Geburtenstatistik bemerkbar machen, wie eine neue Studie beschreibt.

Ein internationales Forscherteam analysierte dafür Datensätze von mehr als drei Milliarden Geburten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift BMJ erschienen .

Natürlich werden nicht weniger Mädchen gezeugt. Der Grund für den Rückgang ist eine gesellschaftlich verankerte Geringschätzung für Mädchen und Frauen, eine kulturell geprägte Präferenz für männlichen Nachwuchs.

In China oder Indien entscheiden sich Eltern häufiger gegen ein Mädchen

Der Weg, der diesen Rückgang möglich macht, wird pränatale Geschlechtsselektion genannt. Werdende Eltern können schon in den ersten Wochen der Schwangerschaft das Geschlecht des Fötus erfahren, zum Beispiel durch eine Ultraschalluntersuchung. In bestimmten Staaten – zwei Beispiele sind Indien und China – entscheiden sie sich dann anteilig häufiger gegen das Kind und für einen Schwangerschaftsabbruch, wenn es ein Mädchen ist.

In den vergangenen 40 Jahren hat die Zahl der geschlechtsabhängigen Schwangerschaftsabbrüche in mehreren Ländern Südosteuropas sowie Süd- und Ostasiens zugenommen, schreiben die Forscherinnen und Forscher. Sie modellierten verschiedene Szenarien. Sollte sich die Abtreibungsquote weiblicher Föten so entwickeln, wie es Statistiken heute nahelegen, sei mit einem Minus von 4,7 Millionen weiblichen Geburten bis 2030 zu rechnen.

Lassen sich Geschlechternormen durch Gesetze verändern?

Mit einem Mangel an Mädchengeburten gehe ein Überschuss an Männern einher – mit noch unbekannten sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf die betroffenen Länder. Denkbar sei es, dass in Gesellschaften mit weniger Mädchengeburten antisoziales Verhalten und Gewaltbereitschaft zunehmen. Die Vorliebe für männliche Nachkommen könnte zudem einen »Heiratsdruck« auslösen.

Darum fordern die Autorinnen und Autoren der Studie dreierlei: Erstens eine bessere Erhebung der Daten, damit sich das Ausmaß der Praktiken zur Geschlechtsselektion beziffern und bewerten lässt. Zweitens eine breit gefächerte Informationskampagne, denn auch Aufklärung kann dazu beitragen, dass einem Mädchen derselbe Wert zuerkannt wird wie einem Jungen.

Zu ihrem dritten Punkt schreiben die Wissenschaftler: »Ein langfristiges Ziel ist die Einflussnahme auf Geschlechternormen, die der Kern von schädlichen Praktiken wie der pränatalen Geschlechtsselektion sind.« Dafür sei auch ein rechtlicher Rahmen notwendig, der eine Gleichstellung der Geschlechter gewährleistet.

vki/AFP
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