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HAUSTIERE Prozac im Futternapf

Glücksdrogen für schwermütige Hunde, Psychopharmaka für gestreßte Katzen - die Pharma-Industrie hat eine neue Patientengruppe entdeckt. Über eine Million deutsche Haustiere leiden an schweren Verhaltensstörungen. Seelentröster aus der Neurochemie sollen Abhilfe schaffen.
aus DER SPIEGEL 6/1999

Dem Stammbaum nach zählt »Amira«, 4, zu den Kampfhunden. 30 Kilo bringt der muskulöse Rüde auf die Waage, sein Maul entfacht eine Bißkraft, die rund einer Tonne Gewicht entspricht. »Der Vater war ein Bullterrier, die Mutter ein Pitbull«, erzählt die Besitzerin Daniela Teresiak, 24, aus Düsseldorf.

Doch der weißhaarige Sprößling, stämmig und kraftstrotzend, ist zum seelischen Krüppel geraten. »Amira hat extreme Schußangst«, erklärt das Frauchen. Gewitter, Silvesterknaller, selbst Fahrradklingeln oder knisternde Mülltüten versetzten den Hund in akute Panikzustände. »Dann zittert er stundenlang, krümmt sich und läuft unterm Fell rot an.«

Normales Gassigehen war unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich. Verzweifelt suchte die Zahnarzthelferin nach ärztlichem Rat. Ein Mediziner flößte dem Tier Valium ein, ein anderer traktierte es mit dem Humanpräparat Anafranil. Doch erst die jüngste Arzneikur hat den Hund von seinen Schockattacken befreit. Amira schluckt einmal täglich Selgian.

Die kleine weiße Pille, Ende 1998 von dem französischen Konzern Sanofi auf den Markt gebracht, gehört zu einer Gruppe von Medikamenten, die sich speziell den Psychoticks von Heimtieren widmen. Schwermütige Pudel? Eifersüchtige Schildkröten? Gestreßte Meerschweinchen? In Zukunft kein Problem - die Industrie hat das mental verkorkste Haustier als therapiewürdigen Patienten entdeckt:

* Im letzten Jahr brachte die Schweizer Firma Novartis das Präparat »Clomicalm« auf den Markt, ein Antidepressivum für ängstliche Hunde.

* Feliway, ein pheromonhaltiges Spray, verspricht, »emotional erregten« Katzen das »unkoordinierte Setzen von Harnmarken« abzugewöhnen.

* Anipryl, seit Anfang Januar in den USA zugelassen, wirkt gegen das »Cognitive Dysfunction Syndrome«, eine Art Hunde-Alzheimer, das sich durch Schlafstörungen, Herumirren und verändertes Begrüßungsverhalten äußert.

Die neuen Präparate sind nur Vorboten einer weitverzweigten Forscherarbeit. Fast alle großen Medizinfirmen experimentieren mit Tranquilizern und anderen psychoaktiven Substanzen. »Eine Reihe von weiteren Tierpillen ist bereits in der klinischen Erprobung«, sagt die Fachtierärztin Petra Mertens von der Universität München.

Wegen potentieller Abnehmer braucht die Branche nicht zu bangen. Den Wunsch nach Hunde-Hüftprothesen oder Goldzähnen für Katzen können Tierchirurgen längst bedienen. Auch das Sortiment an Tierfutter ist ausgereizt. Die Seelennöte von Hasso und Muschikatz dagegen wurden übersehen.

Dabei ist der Leidensdruck horrend, wie Ärzte versichern. Über 15 Millionen Säuger, dazu 5 Millionen Vögel drängeln sich in deutschen Wohnzimmern. Viele davon gelten als verspannt, verstimmt oder sonstwie neurotisch. Papageien etwa neigen zur Autoaggression, Sittiche ereilt zuweilen die »Schreckmauser«. Manch einem Kater Karlo, der an feliner Hyperästhesie erkrankt, sitzt das Nervenkostüm locker. Er mutiert zum Zimmerpuma und pinkelt die Wohnung voll.

Noch labiler sind Hunde. Bei unnatürlicher Haltung reagieren sie mit Schwermut, Phobien oder Appetitlosigkeit. Gefürchtet sind auch Stereotype wie Schwanzjagen, Kreislaufen oder »Fliegenfangen«. Hunde, die solchen Nerventicks verfallen, führen sich auf wie Zwangsneurotiker.

Selbst zur Hysterie ist der Canide fähig, wie Pudelmischling Mikki, 11, aus Hamburg beweist. »Mikkis Vorbesitzerin starb in der Wohnung, ohne daß jemand etwas bemerkte«, erzählt die Halterin Birte Oldenburg. Drei Tage lang habe das Tier »allein und völlig verstört« neben dem Leichnam gesessen.

Ergebnis der Tragödie war ein manifestes Trauma. Mikki, ins Tierheim verfrachtet, verlor die Stimme. Er konnte nicht mehr bellen. Auch in seinem neuen Zuhause machte der Hund anfangs die Schnauze nicht auf. Erst nach vier Monaten erklang das erste zaghafte Kläffen. »Was hab' ich mich da gefreut«, sagt Oldenburg.

Mittlerweile hat sich die Situation gewandelt. Der zottelige Knirps bellt jetzt permanent, grundlos und bei jeder Gelegenheit. Ob Wurstverkäufer, Bäume oder Regenschirme, alles jault der Köter an. »Da steigert er sich dann immer mehr hinein«, klagt die Halterin, »bis er schließlich Atemnot und Herzprobleme kriegt.«

Solche Nervenbündel zu kurieren, hatten sich bislang nur die Naturheilkundler zugetraut. Hunderte von selbsternannten Tierpsychologen und Esoterikern offerieren in der Republik ihre Dienste. Sie behandeln seelisch zerrüttete Cockerspaniel mit Akupunktur. Verspannte Angorakatzen werden auf Diät gesetzt.

Viola Rodhorst, die in Hamburg eine großräumige Tierpraxis betreibt, behandelt Kaninchen und Meerschweinchen mit Bioresonanztherapie und Laserakupunktur. Gern flößt die Expertin ihren behaarten Patienten homöopathische Mittel ein. Bachblüten, eine Mischung aus 38 Kräutern, sind derzeit der Renner. Andere Veterinär-Gurus bieten Massagen und sogar Yoga-Übungen für gestreßte Hunde an.

An diesem blühenden Nebenzweig des Gesundheitswesens will die Schulmedizin nun mitverdienen - mit High-Tech-Präparaten, die aufs zentrale Nervensystem wirken. Einige der neuen Tiermedikamente erhöhen den Dopamin- oder Serotoninspiegel im Gehirn. Der Wirkstoff aus der Hundearznei Selgian wird erfolgreich bei Parkinson-Kranken eingesetzt.

In den Zoos kommen die schlagkräftigen Stimmungsaufheller schon seit längerem zum Einsatz. Umfragen in britischen und amerikanischen Tierparks ergaben, daß verhaltensgestörte Känguruhs, Gorillas und selbst Killerwale mit Humanarzneien wie Valium behandelt werden. Es bestehe »das Recht, Psychopharmaka kurzfristig zu nutzen«, glaubt der Zoo-Arzt John Lewis - allerdings nur, um den »wahren Grund der Depression« zu ermitteln.

Viele Kollegen beurteilen die Entwicklung skeptischer. Das Haustier werde chemisch »zugerüstet und instrumentalisiert«, meint die Kieler Veterinärexpertin Dorit Feddersen-Petersen. Andere Mahner plädieren dafür, die Pillen nicht dem Tier, sondern seinem Halter einzuflößen, denn der ist meistens schuld, wenn Waldi spinnt oder Felix die Gardine hochläuft.

Schon die beengte Umgebung in manchen Heimzoos lädt zum Krankwerden ein. Ausgewachsene Krokodile, Vogelspinnen, Affen oder große Jagdhunde hält sich der Bürger in der Mietwohnung. In München stieß die Polizei in einem Kellerschlag auf sechs verwahrloste Würgeschlangen.

Clomicalm von Novartis trifft da den Zeitgeist. Speziell für Trennungsängste von Hunden konzipiert, könnte es vielen Singlehaushalten aus der Bredouille helfen: Hundehalter, die solo leben, durchleiden nicht selten »entsetzliche Dramen«, wie die Expertin Mertens berichtet.

Einen besonders krassen Fall von Trennungsangst hat Kerstin Kleineheismann aus Stadthagen bei Hannover durchgemacht. Kaum griff die Steuerberaterin zur Jacke, um die Wohnung zu verlassen, machte sich Hund Tessi über die Einrichtung her: »Das Sofa hat er zerbissen, Schuhe zerknabbert, Federbetten zerbissen und überall Pfützen gemacht«, klagt die Frau.

Der Fall schien hoffnungslos, bis Kleineheismann an das neue Novartis-Präparat geriet. Seit Anfang Januar mischt sie ihrem Collie-Mischling nun täglich ein graues Dragee ins Futter. Das Tier hat seine Angst verloren.

Als Ruhigmacher will Novartis seine appetitlich schmeckende Hundepille (sie ist mit Fleischaroma veredelt) allerdings nicht einstufen. Parallel zur Arzneikur liefert der Hersteller eine Broschüre mit strengen Verhaltenstips für den Besitzer. Clomicalm mache den Hund nur »empfänglicher für die Lerntherapie«, so Novartis-Sprecher Peter Burckhardt.

Keine Frage: Mit der Entwicklung von chemischen Muntermachern fürs Heimtier haben die Arzneimittelhersteller einen Coup gelandet. Ein weites Feld von lukrativen Plagen breitet sich vor ihnen aus. Das Finanzblatt »Economist« schätzt, daß der US-Markt für veterinäre Psychopillen bald einen Umsatz von jährlich rund einer Milliarde Dollar erreichen wird.

Nur bei aggressiven Hunden kommt die Neuroforschung nicht recht voran. 35 000 Bißverletzungen hat der Deutsche Städtetag fürs letzte Jahr aufgelistet. Bevorzugte Opfer sind Kinder und Briefträger. Auch der engste Familienkreis wird nicht geschont. »Wer seinem Hund nicht Gehorsam beibringt, wird schnell zum Untertan«, sagt Felicia Rehage.

Anschaulich beschreibt die Tierärztin aus Bad Nenndorf, wie sich allzu laxe Führung zur großen Erziehungspanne aufschaukeln kann: »Erst läßt der Hund niemand an den Futternapf und knurrt beim Streicheln, dann verdrängt er Herrchen vom Fernsehsessel.«

Läßt der Besitzer diese Dreistigkeiten durchgehen, folgt meist das schlimme Ende. Der Hund strebt an die Spitze der Familienhierarchie - und schnappt zu.

Kampfhundezüchter locken solch bösartiges Gebaren bewußt hervor. Schon früh werden die Welpen in dunkle Zwinger gesteckt. Stockschläge machen sie aggressiv. Auf Laufbändern trainieren sich die Beißmonster Muskelpakete an. Einige Zuchtlinien des Pitbulls wurden so über Jahrhunderte zu »Psychopathen« umgepolt, wie Tierärztin Rehage zugibt. Erst vorletzte Woche zerfleischte ein Kampfhund auf Mallorca ein vierjähriges Kind (siehe Kasten).

Doch womöglich werden die Seelenchemiker auch dieses Problem in den Griff kriegen. An der Anti-Beiß-Droge wird bereits gearbeitet. Die Spezialistin Mertens behandelte jüngst eine Gruppe von cholerischen Hunden mit schwacher Impulskontrolle. Alle Tiere hatten bei plötzlichen Wutanfällen ihre Besitzer verletzt.

Während der Studie wurde den vierbeinigen Rambos das Antidepressivum Prozac ins Fressen gemischt - mit durchschlagendem Erfolg. Die Modedroge, so scheint es, macht auch Hasso happy. Mertens: »Die Tiere zeigten sich hernach friedfertig und ausgeglichen.« MATTHIAS SCHULZ

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