Zur Ausgabe
Artikel 13 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PSYCHOLOGISCHER TRICK

Mit scheinbar paradoxen Methoden bringen münstersche Mediziner ihren Patienten das Schlafen bei.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Sie hat es mit Schlaftabletten und Antidepressiva versucht, ließ sich hypnotisieren und Akupunkturnadeln setzen; ging zur Gruppentherapie, machte Yoga und landete schließlich auf eigenen Wunsch sogar in der Psychiatrie. Ihr Ziel hat Margrit E., 67, damit nie erreicht: ganz einfach tief und fest zu schlafen.

Die blonde Hamburgerin hat eine Odyssee durch Arztpraxen hinter sich, in Deutschland und Amerika, wohin sie vor 35 Jahren ausgewandert war, um als Stewardess zu arbeiten. Auf der Schiffspassage nach New York hat sie zum ersten Mal sieben Nächte hintereinander kaum geschlafen. Damals hat sie das mit Aufgeregtheit und den ungewohnten Umständen an Bord abgetan. Als Stewardess war es anfangs ganz praktisch, scheinbar mit wenig Schlaf auszukommen. Später ist E. bei einem Heimaturlaub in Hamburg zusammengebrochen, musste stationär behandelt werden. Und blieb in Deutschland.

Die Schlafstörungen ist sie seither nicht losgeworden. Enttäuscht über Ärzte, hat sie vor vier Jahren angefangen, im Internet nach Hilfe zu suchen. In einem der Foren (www.schlafgestoert.de) stieß sie auf eine ungewöhnliche Therapie: die Schlafdiät. »Auf Schlaf zu verzichten, um endlich schlafen zu können, fand ich am Anfang ziemlich merkwürdig«, erzählt sie: »Aber was hatte ich schon zu verlieren?«

Amerikanische Mediziner haben Ende der achtziger Jahre die Methode der Schlafrestriktion erfunden. An der Uni-Klinik von Münster entwickelten der Psychologe und Schlafmediziner Tilmann Müller und seine Kollegen das Prinzip weiter.

Eigentlich handelt es sich um einen simplen psychologischen Trick: »Mit Patienten, die unter Höhenangst leiden, klettern wir auf den Kirchturm, und den Schlafgestörten verknappen wir die Zeit zum Schlafen. Die Gedanken kreisen dann nicht mehr ums Schlafenmüssen, sondern darum, wann man endlich ins Bett darf.« Eine gesunde Schlafdauer liegt bei sieben Stunden, egal, ob man Früh- oder Spätaufsteher ist. Müller reduziert bei seinen Patienten die maximale Schlafenszeit auf sechs, manchmal auch nur fünf Stunden.

Dieses »Schlaffenster« orientiert sich an den Lebensgewohnheiten der Schlafgestörten, die schon vor Beginn der Behandlung ein Tagebuch führen. Danach werden Einschlaf- und Aufstehzeit ermittelt: immer zur gleichen Zeit ins Bett und immer, auch an den freien Tagen, zur gleichen Zeit aufstehen. Viele Patienten müssen sich schon nach ein paar Tagen zum Wachbleiben zwingen. Sie sollen auch nicht fernsehen - zu groß ist die Gefahr, dabei einzunicken.

Während der Schlafdiät wird die innere Uhr neu programmiert, die nach langjährigen Schlafstörungen außer Takt geraten ist. Der Körper, erläutert Müller, gewöhne sich an das vorgegebene »Schlaffenster«, merke sich die Zeiten. In ihrem Schlaftagebuch notieren die Patienten, wie lange und wie gut sie geschlafen haben, wie oft sie auf waren, ob sie Medikamente genommen oder Alkohol getrunken haben.

Während die amerikanischen Kollegen den Aufenthalt im Bett nur zum Schlafen und allenfalls zum Sex vorsehen und bei längeren Wachzeiten das Aufstehen verlangen, ist Müller nicht so dogmatisch: »Alles was Spaß macht und beim Abschalten hilft, Sex, Lesen, Fernsehen: Hauptsache, das Bett wird nicht mehr als stressiger Raum empfunden.«

Müller und seine Kollegen behandeln in Münster rund 500 Patienten im Jahr stationär, ambulant werden bis zu 30 pro Woche betreut. Zwischen zwei und acht Wochen dauere es in der Regel, bis die Patienten auf die Schlafdiät reagierten. Danach werden sie langsam und in Schritten von 15 Minuten mehr pro Woche auf die normale Schlafdauer hingeführt.

»Man braucht viel Disziplin, um durchzuhalten«, berichtet Margrit E., die ehemalige Stewardess. Sie ist ein Lerchentyp, ging früher spätestens um 23 Uhr ins Bett. Jetzt muss sie bis Mitternacht warten; um wach zu bleiben, führt sie spät noch einmal ihren Hund aus.

Vor Rückfällen sind auch Müllers Patienten nicht gefeit, etwa wenn sie am Wochenende die festgelegte Schlafenszeit überschreiten. Auch völlige Medikamentenfreiheit kann der Psychologe nicht versprechen: »Etwa die Hälfte der Patienten braucht auch mit der Schlafrestriktion weiter medikamentöse Unterstützung.«

Margrit E. macht jedenfalls weiter mit der Schlafdiät. Nach 35 Jahren Suche hat sie etwas gefunden, das ihr wirklich hilft. »Nicht in jeder Nacht, aber immer öfter.«

BARBARA SCHMID

Zur Ausgabe
Artikel 13 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.