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Tschernobyl Puppe in der Puppe

Nur mit einem neuen Riesensarkophag, der auch den Reaktor 3 umschließt, kann die Tschernobyl-Gefahr gebannt werden.
aus DER SPIEGEL 14/1995

Mit 300 000 Tonnen Beton und 7000 Tonnen Stahl war das 61 Meter hohe Gebäude in der Rekordzeit von acht Monaten hochgezogen worden. Hinter den meterdicken Mauern des gewaltigsten Grabmals der Neuzeit sollte die strahlende Ruine des Reaktors 4 von Tschernobyl versiegelt werden - auf ewig, wie seine Bauherren bei der Fertigstellung des Betonblocks im November 1986 verkündeten.

Doch diese Hoffnung trog. Allenfalls 30 Jahre, hieß es schon wenig später, werde der »Sarkophag« die hochradioaktive Strahlung zähmen können. Seit Mitte letzten Monats ist auch diese Prognose hinfällig.

Statiker und Bauingenieure, Nuklear- und Strahlenschutzexperten von französischen, britischen und deutschen Firmen waren im April letzten Jahres von der Europäischen Kommission beauftragt worden, die »Stabilität des Sarkophags« und die darin enthaltenen »beschädigten Reste des Reaktors 4« zu untersuchen.

Mitte März reisten Vertreter der Arbeitsgemeinschaft »Alliance« unter Leitung des französischen Bauunternehmens Campenon Bernard nach Kiew, um ukrainischen und russischen Experten die Ergebnisse ihrer Untersuchung und die notwendigen Maßnahmen zur dauerhaften Bewältigung des Tschernobyl-Desasters mitzuteilen.

Das Fazit der dreitägigen Fachtagung beschwört abermals die Ängste vor den unkalkulierbaren Folgen unsichtbarer radioaktiver Strahlenwolken herauf, die im Frühjahr 1986 über die heutige Ukraine und Belorußland, aber auch über mehrere Länder Mittel- und Nordeuropas hinweggezogen waren.

Wie aus einer Kurzfassung des Alliance-Berichts hervorgeht, den die Brüsseler Auftraggeber Ende letzter Woche noch unter Verschluß hielten, ist höchste Eile geboten. Der seinerzeit »mit viel Unbefangenheit und Mut« erbaute Sarkophag, heißt es in der Geheimstudie, die der Londoner Sektion von Greenpeace zugänglich wurde, weise »deutliche Verfallszeichen« auf. Dies sei eine Folge sowohl des »hohen Bautempos« beim Errichten des Schutzmantels wie auch der »extremen radioaktiven Bedingungen« im Gebäudeinnern.

Dort bröselt der Beton, durch Hunderte von Ritzen und Löchern dringen Regen und Schnee, die hohe Luftfeuchtigkeit im Innern des Bauwerks fördert die Korrosion von Stahlträgern und Metalldach.

Darüber hinaus besteht, wie die Alliance-Experten warnend feststellen, »ein erhöhtes Einsturzrisiko«, von dem der Sarkophag, vor allem aber der nach wie vor mit Vollast betriebene Reaktor 3 bedroht ist. Er liegt, nur durch den sogenannten Block B getrennt, unmittelbar neben der strahlenden Ruine.

In dem schmalen Versorgungsgebäude B befinden sich der Abluftschornstein sowie elektrische Leitungen und ein verzweigtes Rohrsystem. Die Festigkeit dieses Blocks war ursprünglich durch die beiden anliegenden Reaktorgebäude gewährleistet. Durch die Explosion vor nunmehr neun Jahren verlor Block B eine Seitenstütze. Seither lastet auf seinen Grundpfeilern ein fünfmal höheres Gewicht als nach den Bauplänen zulässig.

Krachte Block B zusammen, könnte der hochaufragende Schornstein das Dach des Sarkophags durchschlagen und die darunter gefesselte Radioaktivität freisetzen. Oder aber: Block B fällt in das anliegende Gebäude mit dem Reaktor 3 und bringt dabei die Trennwand mit den daran befestigten Leitungen des Kühlwasserkreislaufs zum Einsturz - ein zweiter GAU wäre in diesem Fall nicht auszuschließen.

Wie realistisch die Einsturzgefahr ist, ergaben die vom Alliance-Konsortium bewerteten seismischen Studien: Im Gebiet von Tschernobyl ereignet sich durchschnittlich alle 10 000 Jahre ein Beben der Stärke 7, alle 100 Jahre eines der Stärke 6, und zwischen Beben mit dem Richterskalenwert 5 vergehen durchschnittlich nur 27 Jahre. Schon ein leichter Erdstoß würde hinreichen, Block B ins Wanken zu bringen, wie die Studie feststellt.

Die marode Bausubstanz und die Erdbebengefahr machen nach Ansicht der Alliance-Experten eine »schnelle Lösung unverzichtbar«. Vordringlich müsse, wie die westeuropäischen Abgesandten ihren östlichen Kollegen in Kiew klarzumachen suchten, »mit dem Bau eines zweiten Schutzgebäudes unverzüglich begonnen werden«. Dieser neue, ungleich größere Strahlensarg müsse »innerhalb von höchstens fünf Jahren fertiggestellt« und so konzipiert werden, daß er für »ein Minimum von 100 Jahren« das Ausbrechen radioaktiver Strahlung verhindert.

Das neue Schutzgebäude soll, nach Art einer russischen Matrjoschka-Puppe, als Superbau über den bestehenden Sarkophag und den Kraftwerksblock 3 gestülpt werden. Unter dieser gigantischen Käseglocke könnte dann mit dem Abriß der strahlenden Ruine begonnen werden.

Das Abtragen des havarierten Kraftwerkblocks wird Jahrzehnte dauern. Über die Kosten macht der Kurzbericht keine Angaben, wohl aber über den dabei zu bewegenden radioaktiven Schutt.

Abtransportiert und hernach sicher verwahrt werden müssen 300 000 Kubikmeter Atommüll, der schon während des Sarkophag-Baus anfiel, weitere 500 000 Kubikmeter, die bei seinem Abbruch entstehen werden, und vor allem jene 40 000 Kubikmeter hochradioaktiven Mülls, dessen Strahlung noch in 10 000 Jahren das Leben auf der Erde bedrohen würde.

»Westeuropa droht eine neue Strahlenkatastrophe«, resümierte der Londoner Observer den gegenwärtigen Stand des Risikos. Ukrainische Wissenschaftler und Politiker reagierten gelassen auf die Alliance-Studie. Tschernobyl-Betriebsdirektor Sergej Paraschin stufte das Gutachten als »unrealistisch« ein und versicherte: »Das Tschernobyl-Atomkraftwerk arbeitet normal.« Der ukrainische Präsident Leonid Kutschma erklärte erneut, eine Schließung des gefahrenträchtigen Reaktors sei aus technischen und wirtschaftlichen Gründen »derzeit nicht möglich«.

Für mehr Druck auf die Ukrainer könnte eine Untersuchung sorgen, die von der WHO zusammen mit ukrainischen und russischen Medizinern erstellt und vorletzte Woche im British Medical Journal veröffentlicht wurde.

Die Studie belegt erstmals stichhaltig einen direkten Zusammenhang zwischen der Reaktorkatastrophe und dem Schilddrüsenkrebs von Kindern, die in den radioaktiven Fallout-Zonen Belorußlands und der Ukraine leben: Bis 1994 erkrankten bis zu hundertmal mehr Kinder an diesem Leiden als in der Zeit vor dem Reaktorunglück. Y

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