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PSYCHOLOGIE Qualen der Hölle

Die Krankheit steht noch in keinem Lexikon: »Affluenza«, die Geißel der Millionenerben. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Hartnäckig hält sich der Spruch, daß Geld zwar beruhigend, jedoch nicht beglückend wirke. Jetzt haben amerikanische Wissenschaftler auch den tröstlichen Teil des Satzes widerlegt.

Danach muß eine Millionenerbschaft als Schlag eines zürnenden Schicksals angesehen werden: Der reich geborene Nachwuchs trägt schwer an der Bürde seiner Abkunft: Neid und Mißgunst der Mitmenschen schlagen den Erben aufs Gemüt, irrationale Ängste und Schuldgefühle nagen an ihren Seelen. »Ich kenne keinen«, verriet ein amerikanischer Stiftungsmakler die verborgenen Qualen seiner Kundschaft, »für den es nicht die Hölle war.«

Zu einem ähnlichen Schluß gelangte auch der Psychoanalytiker John Levy. Direktor am Carl G. Jung-Institut in San Francisco, als er dem Seelenleben von Millionenerben nachspürte. Er befragte die jungen Reichen, ihre Eltern und Psychotherapeuten. Ein finanzstarker Geschäftsmann hatte ihm den Auftrag zur Innenbeschau der Geldadligen erteilt, aus Sorge um die Zukunft der eigenen Brut.

Der Wissenschaftler fand eine Krankheit, die noch kein medizinisches Lexikon verzeichnet: »Affluenza«, das Leiden an Reichtum und Überfluß. Es ist so unerbittlich wie eine bösartige Geschwulst. Den Opfern, welche es befällt, zieht es den Lebensnerv.

Geborenen Reichen, registrierte der Wissenschaftler, mangle es häufig an Selbstwertgefühl. Sie müßten ihr Leben kaum je aus eigener Kraft und ohne die Hilfe des Geldes meistern. Unsicherheit,

gelegentlich gar Panik, seien der Preis"Wenn ich mein Geld verlieren würde, äußerte einer der Befragten. »hätte ich keine Chance. Ich würde draufgehen.«

An den Folgen des Überflusses leiden die meisten ein Leben lang: Die Kraft, sich für Ziele einzusetzen und Entbehrungen zu erdulden, ist ihnen nur in Ausnahmefällen gegeben. Aus mangelnder Selbstdisziplin scheitern Beziehungen zu ihren Mitmenschen ebenso häufig wie berufliche Pläne.

Gewiß ist den Kindern der Reichen nur die Sensationsgier der Öffentlichkeit - wenn sie Opfer von Verbrechen werden (wie der aus dem Internat entführte Axel-Sven Springer oder der gekidnappte Paul Getty) oder wenn sie sich durch Schmuck- und Vergnügungssucht hervortun, wie der Krupp-Erbe Arndt von Bohlen und Halbach.

Millionenerben, so ergab die US-Studie, profitieren in der Regel wenig von ihren Eltern. Lernen früh Hoffnungslosigkeit und Lebensüberdruß kennen und leiden häufig an Ich-Schwäche - psychische Defizite, wie sie auch von Angehörigen sozial benachteiligter Schichten bekannt sind »Die Ähnlichkeiten«, vermerkte erstaunt der amerikanische Psychiater Roy Grinker über das Klassenphänomen,sind weit größer als die Gegensätze.«

»Zu viele reiche Eltern«, konstatiert Levy, ließen es ihren Kindern gegenüber an Liebe. Geborgenheit und guter Erziehung fehlen. »Was die Familie an Geld gewonnen hat«, schrieb Grinker im Fachblatt »The American Journal of Psychiatry«, »hat sie an Gefühlen und gelegentlich auch am gesundem Menschenverstand eingebüßt.«

Beispiele für gleichsam schichtenspezifische Kindesmißhandlungen brachten Wissenschaftler schon öfter ans Licht. So berichten die amerikanischen Psychiater Clarice Kestenbaum und Michael Stone vom Schicksal einer jungen Erbin, die das Grundstück der Eltern bis zum Alter von zwölf Jahren nicht verlassen durfte. Andere wohlhabende Zöglinge hatten ihre Eltern kaum je zu Gesicht bekommen oder hatten, wie ein später suizidgefährdeter, dollarschwerer Patient, als Kind nie mit ihnen an einem Tisch gesessen.

Damit das viele Geld doch zu etwas nutze sei, gibt Psychoanalytiker Levy seinen Auftraggebern Tips für die Erziehung des Nachwuchses: *___Vermögende Eltern sollten für ihre Kinder liebevolle ____Erzieher verpflichten, wenn ihr Terminplan sie schon am ____Umgang mit den Kleinen hindere; Hausbedienstete, Lehrer ____und Sporttrainer spielten häufig eine wichtige Rolle ____als Elternersatz und dürften keinesfalls ohne die ____Zustimmung der Jüngsten entlassen werden. *___"Genauso wie beim Sex müßten Fragen nach dem Woher des ____Reichtums ehrlich beantwortet werden; die Erben sollten ____tunlichst das Gefühl entwickeln, »daß sie eine ____Familientradition besitzen, auf die sie stolz sein ____können«. *___Die Söhne und Töchter sollten vom Luxus der Eltern ____ruhig losten, wenn ihnen der Sinn danach stehe: durch ____Taschengeld und Ferienjobs aber sollten sie sich schon ____in frühen Jahren an solides Wirtschaften gewöhnen.

Manche der Reichen, immerhin, kommen ohne professionelle Psycho-Hilfen zurecht, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit, so Levy, verschafften sie sich beispielsweise, indem sie sich durch extreme Sportarten wie Bergsteigen, Wildwasserfahren oder Fallschirmspringen in Situationen brächten, in denen ihnen »Geld nichts hilft«.

Andere gründen gemeinsam mit wohlhabenden Leidensgenossen Selbsthilfegruppen. Über den »Umgang mit geerbtem Geld« hält etwa die Kalifornierin Tracy Gary, 34, seit einigen Jahren Seminare - eine Millionenerbschaft hatte sie im Alter von 21 Jahren aus ihrem gewohnten Leben geworfen.

Vor allem Frauen sind der Eigengesetzlichkeit des Reichtums oft hoffnungslos unterlegen: »Sie haben Angst«, meint Millionärin Gary. »ihren Freunden und Liebhabern zu sagen, daß sie wohlhabend sind und wieviel Geld sie besitzen.« Viele seien überzeugt, daß nicht sie geliebt würden, sondern ihr Vermögen. Sie lebten deshalb allein und hätten wenig Freunde.

Gegen solch unverschuldetes Mißgeschick weiß Seelenkundler Levy ein beinahe idiotensicheres Mittel: Viele wohlhabende Eltern, berichtet er, hätten ihren Erben die »Angst des Reichtums« erspart, indem sie ihnen nichts oder nur wenig vermachten. Andere drehten den Geldhahn nach dem Ende der Ausbildung unwiderruflich zu oder rückten den Reichtum nur in homöopathischen Dosen heraus.

Aber auch da ist in den Augen des Gelehrten Vorsicht geboten. Es sei »nicht in Ordnung, so das Zitat eines besorgten Reichen, die Jungen »erst aufs Steak zu bringen und sie dann zum Hamburger zu verdonnern«.

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