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Hautkrebs QUITTUNG NACH 20 JAHREN

Es ist schwarz, klein, aggressiv und ständig auf dem Vormarsch: Das maligne Melanom, auch Schwarzer Hautkrebs genannt, gilt den Onkologen als Krebs der neunziger Jahre. Mit Reihenuntersuchungen wollen die Ärzte die Tumoren in den Griff kriegen - und mit einer Absage an Sonnenkult und Bräunungswahn.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Ehedem gab es Tropenvölker, unter denen es als raffiniert galt, Gefangene stundenlang in der Sonne zu rösten. Wie verblüfft müssen ihre Nachfahren gewesen sein, als Invasoren vom Himmel kamen, um sich einer nur von gelegentlichen Waschungen unterbrochenen Form der Selbstfolterung zu unterwerfen.

Afrikaner, Polynesier oder Inder konnten beobachten, wie sich auf der Haut der Ankömmlinge - anders als auf ihrer eigenen - während des Schmor-Rituals ein bemerkenswerter Wandel vollzog: Der elfenbeinerne Farbton überzieht sich zunächst mit einem zarten Rotschleier. Dieser wandelt sich langsam in kräftiges Feuerrot. Später häuten sich die Opfergänger, zutage tritt eine empfindliche Zweithaut in samtenem Pink, die, wenn im nächsten Bratgang erneut überbacken, schließlich eine Schorfkruste bildet.

Warum die Bleichgesichter diesen Kult mit dem Sprichwort »Schönheit muß leiden« rechtfertigen, versuchen die Einheimischen gar nicht erst zu verstehen. Ihnen genügt es, daß die blassen, wohlhabenden Sonnenpilger für sie zur verläßlichen Einnahmequelle geworden sind.

62 Milliarden Mark transferierten deutsche Lichttouristen im Krisenjahr 1993 ins Ausland, 7,8 Prozent mehr als je zuvor. 47 Millionen Deutsche verbringen die wärmsten Wochen des Jahres dort, wo es noch wärmer ist.

Dieses Vergnügen wollen ihnen die Ärzte vergällen. Die Quittung für die allsommerliche Selbstverbrennung, warnen Dermatologen, komme bestimmt. Heute säßen in ihren Wartezimmern die Sonnenanbeter der sechziger und siebziger Jahre. Karibikreisende von heute würden sich dort im Jahre 2020 wiedertreffen.

»Er ist schwarz, klein, aggressiv, er befällt vor allem junge Menschen, er breitet sich aus, und er ist tödlich«, resümiert der Berliner Dermatologie-Professor Constantin Orfanos. Er spricht vom malignen Melanom, auch Schwarzer Hautkrebs genannt, und er ist sicher: »Das ist der Krebs der Neunziger.«

Denn beigemischt ins gleißende Gelb des Sonnenlichts sind unsichtbare Ultraviolettstrahlen, die das Erbgut der Hautzellen zertrümmern. Die meisten Zell-Leichen schilfern wenig später in Form verbrannter Hautfetzen ab. Doch in der Basalmembran, dem zellulären Fundament der Haut, können einige der Zellruinen überleben und Jahrzehnte später plötzlich unkontrolliert zu einer Geschwulst heranwachsen.

Vergleichsweise harmlos sind diese Tumoren, wenn sie aus einer entarteten Basal- oder Stachelzelle hervorgehen: Der Krebs bildet nie (Basaliom) oder erst spät (Stachelzellkarzinom) Tochtergeschwülste. Operationen sind deshalb fast immer erfolgreich.

Höchste Gefahr jedoch droht, wenn ausgerechnet jene zelluläre Schutztruppe, die die Haut vor dem Bombardement aus dem All schützen soll, von den Strahlen geschädigt ist (siehe Grafik): Die Pigmentzellen, die das UV-absorbierende Pigment Melanin produzieren, sind Einzelgänger. Anders als die Basalzellen neigen sie nicht dazu, sich miteinander zu verhaken, und streuen deshalb schon früh Metastasen in Lunge, Leber oder Gehirn.

Das maligne Melanom hat für die Ärzte seit je die Aura des besonders Bedrohlichen: Kaum ein Tumor widersetzt sich hartnäckiger der pharmazeutischen Phantasie, keiner sendet unberechenbarer tödliche Tochterzellen in die Lymphe. Ein oder zwei Millimeter tiefe Wurzeln des Krebses reichen aus, um die Überlebenschance drastisch sinken zu lassen.

»Bloß nicht berühren«, so hieß lange die übervorsichtige Devise der Ärzte im Vorfeld der Bemühungen, das Melanom durch Radikalamputationen auszumerzen.

Inzwischen wagen die Ärzte erneut eine Radikalkur: Zellgifte, Immuntherapien, Antikörper, schließlich die Gentherapie - fast jede neue Hoffnung im Kampf gegen den Krebs wurde zunächst am Melanom erprobt. Und immer wieder wies der Schwarze Krebs der Haut die Ärzte in die Schranken.

Wie zum Spott auf die Heilkunst steigen die Melanomzahlen fast überall auf der Welt. Schon spricht die New York Times von einer »Epidemie«, die ihren »Höhepunkt noch nicht erreicht« habe. Zwar geht bei den Warnungen vor der »Seuche Hautkrebs« häufig unter, daß die Gesamtzahl der Melanome gering ist. Zwölfmal häufiger werden bei Männern Lungen-, bei Frauen Brustkrebse diagnostiziert.

Doch die Fallzahlen steigen, vor allem bei jungen Patienten. Unter den 25- bis 29jährigen Frauen ist das Melanom bereits zum häufigsten aller Krebse geworden, bei den 30- bis 34jährigen wird seine Häufigkeit nur vom Brustkrebs übertroffen.

Etwa 10 000 neue Melanome werden in Deutschland alljährlich diagnostiziert, doppelt so viele wie noch 1980. In derselben Zeit ist die Zahl der harmloseren Basaliome und Spinaliome sogar auf mehr als 100 000 gestiegen. Hautkrebs ist damit der Krebs, der sich noch vor dem Lungenkrebs am schnellsten ausbreitet.

Jetzt lassen Erhebungen der Uni Bochum noch Schlimmeres befürchten: In der weltweit größten Hautkrebs-Studie wurden an der Ruhr-Universität 25 000 Beschäftigte aus 50 Betrieben untersucht. Alarmierender Befund: 429 von ihnen hatten Hautkrebs, fast jeder dritte Krebs war ein malignes Melanom. Obwohl die Untersuchung nicht repräsentativ ist, fürchtet Peter Altmeyer, der Leiter der Studie, es bahne sich bereits der nächste Schub der Hautkrebs-Epidemie an.

Getrübt wird die Sehnsucht nach Licht und Bräune auch von anderen Schreckensmeldungen: Die bislang als mild gepriesenen Sonnenbänke sollen Krebs verursachen. Sonnencremes, heißt es, böten nur trügerischen Schutz. Und vor allem: Der natürliche Strahlenschutz der Erde, die Ozonschicht, dünnt aus.

Eckhard Breitbart, Dermatologe an der Universität Hamburg, schürt die Ängste. Zwei Ratschläge propagiert er, die den Siegeszug der bösartigen Hautwucherungen stoppen sollen: *___Der Sonnenkult müsse als modische Verirrung entlarvt ____werden; vornehme Blässe soll das Schönheitsideal der ____Zukunft sein. *___Den Krebs gelte es aufzuspüren, bevor er im Bindegewebe ____Wurzeln schlägt. Nur ein systematisches ____Früherkennungsprogramm könne das ermöglichen.

Dabei wollen sich die Ärzte den Umstand zunutze machen, daß sich der Hautkrebs in einem wesentlichen Punkt vorteilhaft vom Brust-, Hirn- oder Darmkrebs unterscheidet: Er ist sichtbar. Beginnt ein Mal auf der Haut zu wachsen, so steht es alsbald unter Krebsverdacht: Eine unregelmäßige, an den Rändern verschwimmende Gestalt und der uneinheitlich schwarz-braune Farbton verraten es als bösartig.

Ehe mit Reihenuntersuchungen begonnen werden könne, so Breitbart, sei es wichtig, die Risikogruppen einzugrenzen, die besonders sorgfältiger Kontrolle unterworfen werden müßten. Ist der Matrose, die Nonne oder der Bergsteiger am meisten von der Sonne gefährdet? Der Sommersprossige, die Rothaarige oder jemand, dessen Mutter an einem Melanom gestorben ist? Bei der Suche nach Antworten ist die Forschung ein gutes Stück vorangekommen. Aus der einfachen Formel »Sonne macht Hautkrebs« ist eine komplizierte Wissenschaft geworden.

Wie das sichtbare Licht nach Farben, so wird das ultraviolette nach Buchstaben sortiert. Das vergleichsweise langwellige UV-A-Licht dringt bis tief in die Haut. Dort zermürbt es das Bindegewebe, bis ledrige Runzeln die gegerbte Haut durchziehen. Das energiereichere UV-B-Licht hingegen bleibt schon in der obersten Hautschicht stecken. Niedrig dosiert, regt es dort die Bildung von Vitamin D an. Zugleich aber reicht seine Energie, um die Erbmasse in den Zellen zu schädigen.

Dieses Zerstörungswerk ist, kaum ein Experte bestreitet das, Ursache der Basal- und Stachelzellkarzinome. Die Entstehung der Melanome zu verstehen ist schwieriger: Warum bilden sie sich bei Männern meist auf Rücken und Bauch, bei Frauen auf den Beinen, obwohl die Sonne doch meist auf Hände, Gesicht und Nacken brennt? Warum sind Sekretärinnen häufiger unter den Opfern als Bauarbeiter?

Antworten auf diese Fragen könnten Wissenschaftler geben, die die Wirkung von UV-Licht auf das Immunsystem erforschen. Denn ultraviolette Strahlen vermögen die Körperabwehr zu verwirren; die besonders empfindlichen Langerhans-Zellen, eine Art Vorhut der Abwehr in der Haut, gehen unter UV-Beschuß sogar ganz zugrunde. Möglicherweise wird damit der Körper wichtiger Waffen im Kampf gegen den Krebs beraubt, so daß Melanome unbehelligt von den Attacken des Immunsystems heranwachsen können.

Wenn sich diese Vermutung bestätigt, wären die Konsequenzen dramatisch. Denn auch UV-A-Licht würde dann die Entstehung von Krebs begünstigen. Sonnenschutzmittel, die oft nur vor harter UV-B-Strahlung schützen, die bräunenden UV-A-Strahlen jedoch passieren lassen, wiegen die Sonnenbadenden womöglich in einem falschen Gefühl der Sicherheit und vergrößern damit sogar noch die Krebsgefahr.

Auch die Bratröhren in den Sonnenstudios könnten sich als Brutanlagen zur Krebsaufzucht erweisen. Denn während der UV-B-Anteil praktisch vollständig aus dem Licht der Solarien herausgefiltert wird, ist der UV-A-Anteil bis zum 1000fachen des Sonnenlichts erhöht. »Sonnenbänke sind gefährlich«, warnt der Dermatologe Claus Garbe vom Klinikum Steglitz in Berlin. In Tierversuchen hätten sie sich als »eindeutig krebsauslösend« erwiesen.

Ob das auch für Menschen gilt, wird zur Zeit in einem unfreiwilligen Großversuch getestet: 16 Prozent der Jugendlichen geben an, Sonnenstudios zu besuchen; unter den 18jährigen Mädchen sind es sogar 56 Prozent. Die Folgen werden sich erst in 20 Jahren auf ihrer Haut ablesen lassen.

Besonders beunruhigend wirkt, daß gerade die Haut von Kindern und Jugendlichen gefährdet ist: Der erste Krebskeim entsteht oft sehr früh. Jahrzehnte kann die geschädigte Zelle überleben, ehe sie zu wuchern beginnt.

Als Beleg für die Bedeutung der verborgenen Frühschäden gilt eine Untersuchung von Hamburger Kindern. Bei 7000 Kindern im Einschulungsalter wurden die Pigmentmale auf der Haut gezählt. Das Ergebnis: Je häufiger ein Kind einen Sonnenbrand hatte, desto mehr der kleinen Flecken finden sich auf seiner Haut.

Zwar sind die Pigmentmale selbst völlig harmlos. Doch ihre Gesamtzahl gilt als sicherster Indikator für ein späteres Hautkrebsrisiko. Wer mehr als 50 Male auf der Haut trägt, dessen Risiko ist fünffach erhöht. Bei mehr als 60 Malen steigt das Risiko gar auf das 15fache.

Um die Kinder davor zu bewahren, daß sie dem Sonnenkult zum Opfer fallen, haben die Hautärzte dem Schönheitsideal des gebräunten Freizeitmenschen den Kampf angesagt. Mit drastischen Kampagnen ("Zwei Wochen Mallorca, Hotel und Hautkrebs inklusive") suchen sie ihr Ansinnen ins Bewußtsein zu hämmern. Auf ihren Tagungen erwecken sie zuweilen den Eindruck, als würden sie die Sonne am liebsten ganz verdunkeln.

Studenten der Hamburger Modeschule JAK entwarfen im Auftrag der Universitätsdermatologen Kindermode für den Strand, die einem neuen Strahlenbewußtsein Rechnung tragen soll: Bunte Harlekingewänder sollen die Kleinen darüber hinwegtrösten, daß sie nicht mehr nackt am Strand tollen dürfen. Angesichts der Fleischschau an den Stränden nehmen sich diese Kreationen jedoch eher wie Versuche aus, die züchtige Bademode der Jahrhundertwende wiederzubeleben.

Solange blasse Urlaubsheimkehrer als Versager empfangen werden, Braun hingegen als Signalfarbe für sexuellen Erfolg gilt, wird die Furcht vor dem Krebs kaum einen Urlauber in den Schatten treiben.

Es sei denn - paradox genug -, das Ozonloch kommt den Hautärzten zu Hilfe. Seit bekannt ist, daß Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) den natürlichen Schutzschild der Atmosphäre anfressen und damit mehr gefährliche UV-B-Strahlen bis zur Erde vordringen können, geht erstmals die Angst unter den Sonnenanbetern um.

Dabei steht außer Zweifel: Verantwortlich für den Anstieg der Hautkrebszahlen ist das Ozonloch nicht. Zwar wurde gerade in Australien, wo der Ozonfraß am bedrohlichsten fortschreitet, der Hautkrebs zu einer ernsthaften Bedrohung der Volksgesundheit; in Queensland, bekannt als Welthochburg des Melanoms, hat der Schwarze Hautkrebs sogar die Killer Brust- und Lungenkrebs überholt.

Doch Ursache für diese Entwicklung ist ausschließlich die blasse Keltenhaut der Australier, der landesübliche Freizeitkult und das Subtropenwetter. Der Ozonschwund hingegen wird sich erst im nächsten Jahrhundert in der Krebsstatistik bemerkbar machen.

Ob es demnächst auch in Europa und Amerika dazu kommen wird, ist noch unklar. Zwar dünnt auch hier die Ozonschicht aus. Doch mit Staub und Schwefeldioxid hat der Mensch einen optischen Filter zwischen sich und die Sonne gezogen, der großenteils auffängt, was der löchrig gewordene Ozonschild durchläßt. Y

[Grafiktext]

_153_ Wirkung von UV-Licht auf die menschliche Haut

[GrafiktextEnde]

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