Zur Ausgabe
Artikel 69 / 84

MEDIZIN Rätselhafter Elefant

Eine mysteriöse Rückbildung des Gehirns, die »Alzheimer-Krankheit«, fordert immer mehr Opfer. Rollt, wie Ärzte fürchten, eine »Epidemie der Verblödung« auf uns zu? *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Es beginnt ganz harmlos, mit einer leichten Vergeßlichkeit und mit Störungen bei der Wortfindung. Daß die Urteilsfähigkeit nachläßt, erkennt man an den starken Gemütsbewegungen in Problemsituationen - der Kranke neigt zu Aufregung oder Rückzug.

Nach einigen Jahren ist das Stadium der »milden Demenz« erreicht. Der geistige Verfall, die Verblödung, wird offenkundig: Der Kranke verwechselt Zeiten und Bekannte, läßt seine Hobbys friedlich einschlafen, kauft falsch ein und hat Probleme, kompliziertere Speisen zuzubereiten. Es bereitet immer mehr Mühe, die Geldscheine auseinanderzuhalten und sich zu erinnern, ob die Herdplatte abgestellt und die Haustür zugeschlossen ist. Glückliche Naturen wirken in diesem Stadium der Erkrankung kindlich-heiter. Doch das bleibt nicht so.

Wer älter wird, weil das Herz und die anderen inneren Organe noch gut funktionieren, erreicht nach fünf bis zehn Jahren den Zustand der »fortgeschrittenen Demenz«. Der Kranke kann sich nicht mehr selbst anziehen, weil er nicht mehr weiß, wie eine Jacke geschlossen

oder eine Schleife gebunden wird. Er ist, wie die Nervenärzte sagen, »über Ort, Zeit und Situation vollständig desorientiert«, erkennt die Enkel nicht, kann seinen Namen nicht mehr schreiben.

Am Ende gibt es keine gesprächsweise Verständigung mehr, denn der Patient stößt nur noch einzelne, gestotterte Silben hervor. Er versteht die Welt nicht mehr, kann den Löffel nicht zum Munde führen und braucht in allem Hilfe. Spätestens dann stellen sich beim Kranken Angst und Mißtrauen ein, Aggressivität und Reizbarkeit.

Das Gehirn ist auf ein Drittel geschrumpft. Bei der Sektion - erst dann, nicht früher - wird die Verdachtsdiagnose endgültig gesichert: »Morbus Alzheimer«, die Alzheimersche Krankheit.

Das Leiden, benannt nach dem deutschen Psychiatrieprofessor Alois Alzheimer (1864 bis 1915), breitet sich in den Ländern der westlichen Welt unaufhaltsam aus. »Eine Demenz-Epidemie kommt auf uns zu«, prophezeit der britische Nervenarzt David Kay. »Ganze Staaten« werde das Leiden »arm machen«, rechnet die »Medical Tribune« hoch, denn der unheilbare Morbus Alzheimer sei »die Krankheit der Zukunft«.

Die Patientenzahlen sind in der Tat alarmierend. Während die Experten bisher von rund 400000 bundesdeutschen Alzheimer-Patienten ausgingen, schätzt der Berliner Nervenarzt Hans Gutzmann die Zahl der Erkrankten auf zwei Millionen. In den Vereinigten Staaten werde es, so die apokalyptischen Prognosen, im Jahr 2000 etwa zehn Millionen Alzheimer-Kranke geben.

Der »degenerativen Hirnerkrankung von enormer sozialer Bedeutung«, wie die »Ärztliche Praxis« es Ende April umschrieb, stehen die Ärzte völlig hilflos gegenüber: *___Bisher gibt es keine Untersuchungsmethode, mit der die ____Alzheimer-Krankheit zu Lebzeiten mit Sicherheit erkannt ____werden könnte; die Diagnose wird »per exclusionem« ____gestellt, durch Ausschluß aller anderen möglichen ____Ursachen von geistigem Verfall. *___Die Suche nach der Ursache des Leidens, seit achtzig ____Jahren betrieben, hat nur Widersprüche zutage ____gefördert; angeschuldigt wurden, allein oder in ____Kombination, unter anderem »langsame Viren«, Vergiftung ____durch Aluminium, Mangeldurchblutung des Gehirns und ____Erbfaktoren - bewiesen ist nichts. *___Es gibt keine Behandlungsmethode, die den naturhaften ____Ablauf der Krankheit beeinflußt - versucht worden ist ____von Aspirin bis zur Frischzellen-Injektion alles, was ____gut ist oder teuer; vergeblich.

Die »Alzheimer-Forschung«, schreibt die »Ärztliche Praxis«, sei um jahrzehnte gegenüber anderen Forschungsrichtungen zurück. Die Alzheimer-Wissenschaftler erinnerten an Blinde die einen »Elefanten betasten und daraus schließen, daß er ziemlich genau einer Wand einem Speer, einer Schlange, einem Baum, einem Fächer oder einem Seil gleicht - je nachdem, welchen Teil des Elefanten sie zufällig berührt hatten«.

Im vergangenen Monat entdeckte der amerikanische Neurologe Peter Davies einen bisher unbekannten Teil des Rätsel-Elefanten. Davies isolierte aus dem Gehirn von Alzheimer-Patienten einen Eiweißstoff, der bei Gesunden nicht vorkommt und nicht bei Patienten, die an anderen Hirnleiden erkrankt sind. Das Protein - Molekulargewicht: 68000 - könnte, so hofft sein Entdecker, endlich eine zuverlässige Diagnose der Krankheit zu Lebzeiten möglich machen.

Bisher werden Alzheimer-Patienten, von Ärzten und Angehörigen gleichermaßen, oft jahrelang mit falschen Vermutungen traktiert. Der Hollywood-Star Rita Hayworth, prominentes Opfer der mysteriösen Krankheit, galt zu Unrecht lange Zeit als Alkoholikerin. Andere Opfer, mehr Frauen als Männer, werden als »verkalkt« klassifiziert.

Zwar können auch mangelhafte Blutversorgung des Gehirns durch eine Verengung der Adern (Arterienverkalkung) oder andere Leiden zu den gleichen Symptomen wie der Morbus Alzheimer führen (siehe Graphik). Doch bei den meisten anderen Kranken ist die senile Demenz, die Vergreisung oft weit vor der Zeit, eine Folge der Alzheimer-Degeneration. Als ihr biologisches Zeichen gilt die Ansammlung kleinster, nur mikroskopisch sichtbarer Fäserchen ("Fibrillen") in den Nervenzellen.

»Die grausame Realität des Krankheitsprozesses« werde von den Angehörigen, sagt der Münchner Psychiatrieprofessor Hans Lauter, oft »verleugnet und verdrängt«. Dennoch sind die Kranken zu Hause am besten aufgehoben. In den eigenen Wänden bleibt die »Orientierung zur eigenen Person«, wie die Ärzte das nennen, am längsten erhalten.

Aber auch da schwindet sie unaufhaltsam - die Erinnerung, von der der romantische Dichter Jean Paul (er wurde nur 62) behauptet hat, sie sei »das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können«.

[Grafiktext]

KRANKHEIT DER ZUKUNFT Ursachen der senilen Demenz Ursachen unbekannt Mehrere Ursachen (meist Schlaganfälle plus Alzheimersche Krankheit) Parkinsonsche Krankheit Hirntumore oder andere Neurologische Erkrankungen »Kleine« Schlaganfälle Symptome, die den Anzeichen einer senilen Demenz ähneln, können auch durch Medikamenten-Nebenwirkungen, Depressionen, Erkrankungen der Schilddrüse, Alkoholismus oder Anämie ausgelöst werden.

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 69 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.