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Aids Rätselhafter Sieg

Einige Babys können eine Infektion mit Aidsviren erfolgreich bewältigen. Eine britische Forscherin lieferte jetzt den Beweis.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Schon 19 Tage nach seiner Geburt hegte Yvonne Bryson für ihren kleinen Patienten keinerlei Hoffnung mehr.

Die Ergebnisse der Labortests hatten die Befürchtung der Kinderärztin von der School of Medicine der University of California in Los Angeles (UCLA) bestätigt: Während der Schwangerschaft hatte sich die 33jährige Mutter des Neugeborenen mit dem HI-Virus angesteckt. Bei der Geburt hatte sie auch das Baby mit dem Virus infiziert.

Trübseliger noch als bei HIV-positiven Erwachsenen schienen damit die Aussichten des Säuglings zu sein: Schon in wenigen Jahren würde die tödliche Immunschwäche Aids ihn dahinraffen. Kinder, die bei der Geburt mit HIV infiziert sind, sterben spätestens im Alter von fünf oder sechs Jahren.

Doch als die UCLA-Forscher zwölf Monate später eine Kontrolluntersuchung vornahmen, bahnte sich eine medizinische Sensation an: Vergeblich spürten sie im Blut des Kindes verräterischen Antikörpern oder dem Erbgut des HI-Virus nach. Auch der Versuch, aus den Blutzellen des Kindes die tödlichen Viren zu züchten, mißlang.

Inzwischen, berichtete Bryson, sei der Junge sechs Jahre alt, er besuche gesund und munter den Kindergarten. Ihre Schlußfolgerungen verkündeten die UCLA-Forscher im März 1995 im US-Fachblatt New England Journal of Medicine: Das Kind habe die HIV-Infektion erfolgreich bekämpft und das Virus eliminiert; für die Entwicklung von Impfstoffen werde die Entdeckung von großer Bedeutung sein.

Unter den Fachgelehrten erhob sich schnell Widerspruch. Die HIV-Infektion des Kindes sei keineswegs sicher nachgewiesen worden, meinten neun britische Aidsforscher in einem Leserbrief an das Fachblatt Nature. Wie auch bei früheren Berichten über »angebliche Heilungen der HIV-Infektion bei Kindern« seien auch »die Schlußfolgerungen des Bryson-Teams voreilig«.

Doch nun scheinen Bryson und ihre Mitarbeiter rehabilitiert: Vorletzte Woche präsentierte die Londoner HIV-Epidemiologin Marie-Luise Newell der Fachwelt mindestens sechs weitere Heilungsfälle bei HIV-infizierten Kindern.

Rund 2,7 Prozent aller Kinder, die sich im Mutterleib oder bei der Geburt mit dem HI-Virus der Mutter infizieren, so rechnete Newell im britischen Medizinerfachblatt Lancet vor, können die Infektion aus eigener Kraft abschütteln. Verunreinigungen der Blutproben oder Laborfehler seien diesmal ausgeschlossen. »Das ist eine wirklich gut kontrollierte Untersuchung«, urteilt der Heidelberger Aidsexperte Klaus-Michael Debatin. Die neuen Ergebnisse, meint der Kinderarzt, »bestätigen die vorherigen Berichte«.

Die Newell-Truppe hatte das Schicksal von 219 Kindern verfolgt, in deren Blut sie nach der Geburt das HI-Virus nachgewiesen hatte. Bei sechs von ihnen waren HIV-Antikörper und Viren wenige Monate später verschwunden. Drei weitere Kinder bildeten zwar keine Antikörper mehr, doch fanden die Forscher noch immer HIV-Erbgut in ihrer Blutbahn. Gleichwohl, so versicherte Newell, seien alle neun Kinder vollständig gesund und zeigten keinerlei Anzeichen einer Aidserkrankung.

Ausnahmen wie diese sind in den letzten Jahren zu einer der meistdiskutierten Hoffnungen der Aidsforscher geworden. Denn auf rätselhafte Widerstandskräfte gegen das Virus waren sie auch bei anderen Gruppen potentieller HIV-Opfer gestoßen. So leben manche HIV-Infizierte schon seit 15 Jahren mit dem Virus. Ihr Immunsystem jedoch scheint davon unbeeinträchtigt.

Im vorigen Jahr entdeckte die britische Immunforscherin Sarah Rowland-Jones auch einige Prostituierte in Gambia, die trotz regelmäßigen Verkehrs mit HIV-infizierten Männern nicht von dem Virus befallen wurden.

Noch nie aber hatten die Ärzte einen Menschen beschrieben, der, nachdem das Virus einmal den Weg in seine Adern gefunden hatte, den Eindringling vollständig besiegt hatte. Daß nun ausgerechnet Babys diese Fähigkeit besitzen sollen, verblüfft die Aidsforscher vor allem deshalb, weil das Immunsystem von Neugeborenen noch unreif und den Angriffen der meisten Erreger gegenüber fast wehrlos ist.

Der rätselhafte Sieg der Kinder über die sonst unheilbare Krankheit könnte Impfstoff- und Medikamentenforschern einen Weg weisen, der Immunschwäche zu begegnen.

Vorerst aber besteht Erklärungsnotstand: Worauf beruht der Schutz jener wenigen Säuglinge, die eine HIV-Infektion überleben wie andere Kinder Mumps oder Masern?

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