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TITANIC Ragender Zahn

Aus viertausend Meter Meerestiefe kamen schemenhafte Bilder zutage: Ist es die »Titanic«? Kann das Wrack gehoben werden?
aus DER SPIEGEL 37/1985

Gebannt starrten der Ingenieur Robert Ballard und seine Kollegen auf die Bildschirme in der engen Beobachtungszentrale an Bord des Forschungsschiffes »Knorr«. Plötzlich erschien auf den Monitoren ein riesiger Kessel mit den Feuertüren, dann sahen die Männer Teile einer Schiffsbrücke. Kurze Zeit später identifizierten sie einige Gepäckstücke, Geschirr, Konservenbüchsen. »Mein Gott, wir haben sie«, rief Ballard, »wir haben die 'Titanic' gefunden.«

Noch freilich bestreiten einige Experten, daß es sich bei den Wrackteilen tatsächlich um die Überreste des vor 73 Jahren gesunkenen Luxus-Liners handelt. Auch die spektakulären Videoaufnahmen, die Mitte letzter Woche von TV-Anstalten in aller Welt ausgestrahlt wurden, vermochten die Zweifler nicht restlos zu überzeugen.

Entgegnete Ballard, ein Mitarbeiter der amerikanischen Woods Hole Oceanographic Institution: »Ein Irrtum ist völlig ausgeschlossen.« Wie ein riesenhafter Zahn rage das 46 000-Tonnen-Schiff senkrecht und weitgehend unversehrt aus einer Schlucht am Meeresboden - in 3994 Meter Tiefe, 900 Kilometer südlich von Neufundland.

Prompt kündigten abenteuernde Geschäftemacher an, sie wollten das Wrack heben. Juristen rätselten, wem das Schiff gehöre, und wer Anspruch auf die in den Tresoren der »Titanic« vermuteten sagenhaften Schätze von Gold und Edelsteinen habe - die Rechtslage ist verzwickt.

Den Wissenschaftlern ging es bei dem Erkundungstrip allerdings nicht um Klunker und Edelmetalle; sie wollten vielmehr eine neue Generation von Suchgeräten erproben, die auch in tiefsten Meeresregionen Gegenstände von der Größe eines Einfamilienhauses aufspüren können - eine Technologie, an der vor allem die Militärs interessiert sind. »Die 'Titanic'«, so Ballard, »war dafür das richtige Testobjekt.«

Während ihrer Aktion kooperierten die Amerikaner mit dem staatlichen französischen »Institut zur Erforschung und Ausbeutung der Meere« (Ifremer), das ebenfalls ein Forschungsschiff, die »Suroit«, ins Suchgebiet entsandte. Die beiden Teams der franko-amerikanischen Expedition bedienten sich bei ihrer Explorationsarbeit völlig unterschiedlicher Techniken:

▷ Die Franzosen verwendeten ein Hochleistungs-Sonar, das von der »Suroit« Bahn für Bahn über den Meeresgrund geschleppt wurde. Das »Echo« der von dem Gerät ausgesandten und von geologischen Formationen und Gegenständen im Meer zurückgeworfenen Schallwellen ist so genau, daß daraus im Empfangsteil des Sonars ein photographisch klares Umrißbild der abgetasteten Formen entsteht - ein »akustisches« Bild.

▷ Die Amerikaner hingegen setzten einen von der Woods Hole Institution und der U.S. Navy entwickelten Unterwasser-Roboter ("Argo") ein. Das Gerät von der Größe eines Mercedes 190 ist mit superstarken Scheinwerfern und hochempfindlichen Video-Augen bestückt, die Fernsehbilder vom Meeresboden werden über ein Kabel nach oben übertragen. Der Unterwasserspion beherbergt überdies einen mit Greifarmen ausgerüsteten Kleinst-Roboter, der sich von seiner »Garage« lösen und ferngesteuert operieren kann.

Kaum war, Anfang letzter Woche, die Nachricht von dem Wrackfund bekannt geworden, protestierte die »Titanic Historical Society« gegen diesen »pietätlosen Eingriff«. Man solle »gefälligst aufhören, im Grab von so vielen Menschen herumzustöbern«, forderte auch die 80jährige Engländerin Eva Hart, eine der wenigen noch lebenden »Titanic«-Geretteten.

Selten hat eine Katastrophe die Menschheit so bewegt und gleichzeitig so fasziniert wie der Untergang der »Titanic«. Denn was da um 2 Uhr 20 früh am Montag, dem 15. April 1912, nach einer Kollision mit einem Eisberg in den eisigen Fluten versank, war nicht nur das größte und luxuriöseste Schiff, das Menschenhand je gebaut hatte; die angeblich unsinkbare »Titanic« war auch die stählerne Inkarnation eines bedingungslosen Fortschrittsglaubens und eines unverbrüchlichen Vertrauens in die Technik - einer der Gründe, weshalb die »Königin des Ozeans« nur 16 Rettungsboote (Fassungsvermögen: je 65 Personen) an Bord hatte.

»Das Wrack ist mehr als ein Schiff«, so der amerikanische Psychologe Cyril Wade, »es ist ein Mythos.«

1517 der insgesamt 2207 Besatzungsmitglieder und Passagiere, darunter viele der reichsten Männer und Frauen der Welt, kamen bei dem bis heute größten Verkehrsunglück ums Leben. Die zweieinhalb Stunden, die ihnen vom Zeitpunkt der Havarie bis zum Tod blieben, wurden in sieben Filmen und mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder nacherzählt - etwa die anrührende Geschichte von der Frau des amerikanischen Kaufhaus-Königs Isidor Strauß, die einen Platz im Rettungsboot ausschlug: »Ich habe mein ganzes Leben mit meinem Mann gelebt, jetzt werde ich mit ihm sterben.«

Schon kurze Zeit nach dem Untergang planten die Familie Guggenheim und Angehörige anderer verschollener Millionäre, die »Titanic« heben zu lassen - in der Hoffnung, dem Meer wenigstens die Leichen der Ertrunkenen und vielleicht auch einige ihrer Wertgegenstände zu entreißen.

Es wurde nichts daraus, sowenig wie aus der japanischen Reiswein-Idee, den Rumpf des Dampfers so lange mit Ping-Pong-Bällen vollzupumpen, bis er an die Wasseroberfläche hinaufschwebe. Der texanische Ölmillionär Jack Grimm, der vorher schon nach dem Ungeheuer von Loch Ness gefahndet und den tibetanischen Schneemenschen dingfest zu machen versucht hatte, rüstete zwischen 1981 und 1983 gleich drei »Titanic«-Expeditionen aus - er fand auch den Luxus-Liner nicht.

Jetzt kündigte der texanische Querkopf an, er werde demnächst eine vierte »Titanic«-Bergungsfahrt unternehmen - nur weiß er noch immer nicht, wo er suchen soll. Denn Ballard, der letzte Woche fündig wurde, will die genaue Position des Wracks nicht preisgeben: »Die 'Titanic' darf kein Tummelplatz für Schatzsucher werden.«

Zu der Befürchtung freilich besteht ohnehin wenig Anlaß. »Allein der Gedanke an eine Hebung ist schon lächerlich«, so der Engländer Rick Wharton, einer der erfahrensten Bergungs-Experten der Welt (vor vier Jahren hatte er Gold im Wert von rund 100 Millionen Mark aus dem 1942 in der Barentsee gesunkenen britischen Kreuzer »Edinburgh« heraufgeholt).

Auch das Vorhaben, mit ferngelenkten Unterwasser-Robotern ins Schiffsinnere vorzudringen und dort die Pretiosen der Vanderbilts, Guggenheims, Rothschilds und Astors aufzupicken, ist illusorisch.

Denn als sich das Schiff aufrichtete, um dann Bug voran in die Tiefe zu schießen, rissen die 18 tonnenschweren Riesenkessel und die 50 000-PS-Motoren aus ihren Verankerungen und vereinigten sich - nach aller Wahrscheinlichkeit - mit 2000 Tonnen Kohle zu einem alles zerstörenden Inferno.

Der Amerikaner Clive Cussler hingegen, Autor eines Fiction-Thrillers ("Hebt die Titanic!"), glaubt, es sei zumindest »theoretisch möglich«, die »Titanic« zu bergen: Dazu benötige man allerdings, spöttelte er, »einen unvorstellbaren technischen Aufwand und einen Trottel, der zwei bis drei Milliarden Dollar ausspuckt«.

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