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AUTOMOBILE Rappelnder Rochen

Aus dem jüngsten Entwurf des Design-Rebellen Luigi Colani wurde ein Dreirad, das doppelt so schnell aussieht, wie es ist. Nun tobt der Meister.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Sicher gibt es Gebrauchsdesign, das nicht von Luigi Colani stammt. Aber was für welches?

Das meiste sei »Rotz«, so das Urteil des Künstlers. Colani ist 78 und zweifellos ein Mann von globaler Prominenz. Dass sein Ruhm weniger auf konkreten Werken fußt als auf markiger Manöverkritik im Feld der Formenlehre? Ach, das behaupten nur »Pfeifen«, Menschen ohne Sinn für die Magie dieses Lebenswerks.

Unvergessen ist Colanis Ruder-Achter für die deutsche Olympiamannschaft von 1972. Das Sportgerät war derart strömungsoptimiert, dass es, kaum vom Stapel gelaufen, zum U-Boot wurde. Auch die Transportbranche versuchte Colani mit aerodynamischen Lastwagen zu beglücken. Ihre vollverglasten Fahrerhäuser ließen Trucker bei Sonnenschein in subtropischer Hitze köcheln.

Eines der größten aller Segelflugzeuge verdankt die Welt ebenfalls Luigi Colani; es war ein Auftrag für »die Superidioten von der Nasa«, die das kaum manövrierbare sechsflügelige Luftgefährt nach kurzer Erprobung fallenließen - aus schierer Flugangst: »Die Piloten«, erinnert sich der Meister, »standen bis zum Hals in ihrer Pisse.«

Wer sollte diesen Mann nicht ehren?

Mit seinem jüngsten Werk widmete sich der gebürtige Berliner nun wieder einmal dem Kraftfahrzeugbau, einer urdeutschen Disziplin von höchster volkswirtschaftlicher Relevanz. Nur leider, klagt Colani, seien die heimischen Autodesigner »mit den Händen an der Hosennaht eingepennt«.

Um die Zunft nun zu wecken, schuf er ein Dreirad mit Kunststoffkarosserie, deren rochenartige Gestalt bewährtes Biodesign aufnimmt: »Getier und Pflanzenwelt in Gewässern« nennt Colanis Website als Vorbilder. Auch ein Produzent bot sich an: Der Maschinenbauer Martin Preuss, Eigner einer Sieben-Mann-Firma in Plankstadt bei Heidelberg, schuf inzwischen zwei Exemplare, nannte sie »Street Ray« (Straßenrochen) und steht bereit, auf Anfrage auch weitere zu fertigen.

Zum Stückpreis von 25 000 Euro, dem Gegenwert eines gut ausgestatteten Mittelklassewagens, liefert Preuss ein einsitziges Gefährt von erhabener Schlichtheit. Auf störendes Beiwerk wie Windschutzscheibe, Dach oder Fenster wurde verzichtet. Eingestiegen wird wie in ein Formel-1-Auto von oben unter Entnahme des Lenkrads. Als mögliche Klientel nennt Preuss »Leute, die Spaß an Technik und Design haben«.

Allerdings sollten diese nicht den Rausch der Geschwindigkeit suchen. Die Karosserieform lässt zwar vermuten, dass hier ein Raketendreirad an der Schallmauer rüttelt; die Wahrheit jedoch ist Käfer-Tempo. Preuss montierte einen 40-PS-Rollermotor in den Street Ray. Der bringt den Rochen auf 140 Stundenkilometer - und Luigi Colani auf die Palme.

»Ein Riesenfehler«, donnert der Formenfilou. »Jetzt sagen die Leute alle: ,Hihi, der Colani, der baut Kabinenroller.' Ja Scheiße, das war doch gar nicht so gewollt.«

Preuss kann diese Kritik nachvollziehen. Gespräche mit Interessenten enden oft bei der Frage nach der Höchstgeschwindigkeit: »Da rümpfen die Leut dann die Nas.« Doch was soll er tun? Das Fahrzeug verträgt nicht wirklich mehr. Schon bei Schritttempo auf unebener Straße beginnen die Rochenflügel eindrucksvoll zu rappeln.

Die europäischen Zulassungsvorschriften geben Herstellern von Dreirädern großen Spielraum. Der Gesetzgeber fordert noch nicht einmal Crash-Versuche. Das macht die Entwicklung erheblich billiger, entlässt den Konstrukteur jedoch nicht aus der Produkthaftung.

Im Versuchsbetrieb mit länger übersetztem Getriebe wagte sich Preuss einmal deutlich über die 140 hinaus. »Das ist subjektiv kein schönes Fahren mehr«, erklärt er. Der Wagen fühle sich dann vorn »schon arg leicht« an. Hat Colani versehentlich ein Flugzeug entworfen?

Alles Quatsch, konstatiert der Designer und plädiert für ein schweres Motorradtriebwerk: »Mit so einem Hayabusa-Motor könnte das Ding 300 gehen und mehr, das ist ja aerodynamisch dafür ausgelegt.« Die Vorbehalte des Technikers Preuss seien durchaus ehrenwert, aber eben doch störend: »Diese Leute sind viel zu ordentlich und sauber für die Automobilwelt. Die machen alles so liebevoll, verdammt. Wenn man da nicht ständig mit Arschtritten dazwischengeht, dann wird das nichts.«

Eine solche Form der Zusammenarbeit strebt der Plankstädter Fahrzeugbauer bei allem Respekt nicht an. Gleichwohl entwickelt er derzeit ein Dreirad, das den dynamischen Eckdaten der Colani-Vision nahekommen könnte: Es soll über 170 PS haben und damit gut 280 km/h erreichen.

Skizzen immerhin existieren. Sie zeigen ein Fahrzeug, dessen Form sich am klassischen Rennwagen-Design mit schlankem Karosseriekörper und freistehenden Rädern orientiert. Ein Mitwirken von Herrn Colani, sagt Preuss, sei diesmal nicht vorgesehen. CHRISTIAN WÜST

* Die Zwillingsräder im Heck gelten zulassungsbehördlich alsein Rad.

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