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AUTOMOBILE Raser ratlos

»Bleifrei - nein danke«? Autofahrer mögen vom zwei Pfennige teureren Bleisprit offenbar nicht lassen. Nun soll verbleites Normalbenzin womöglich verboten werden. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Geduldig reihen sich Deutschlands Autofahrer, die schnellsten Autobahn-Raser der Welt, in die Warteschlangen an den Zapfsäulen für Blei-Kraftstoff ein. An der Bleifrei-Theke, ein paar Meter weiter, würden sie meist sofort bedient werden - aber nix da, sie wollen nicht.

Westdeutschlands Automobilisten, verwunderte sich das Kraftfahrt-Magazin »auto, motor und sport«, nutzten »bei weitem nicht die gebotenen Möglichkeiten, bleifreien Kraftstoff zu tanken«. Der ADAC nannte »die abgesetzte Menge« an Bleifrei-Benzin »geradezu kläglich«.

Beklagt wird das Verhalten von, wie das Umweltbundesamt schätzt, acht bis zwölf Millionen Autofahrern. Anders als die Fahrer von Katalysatorautos, die Bleifrei tanken müssen, haben diese Automobilsten die freie Auswahl: Ihre Vehikel sind so eingerichtet, daß sie nach Ansicht der amtlichen Umweltschützer schadlos auch Bleifrei tanken könnten.

Weil sie es gleichwohl nicht tun und nach wie vor teureren und (um sieben Pfennig je Liter) höher besteuerten Bleisprit verfeuern, sinken jedes Jahr ohne Not etliche Tausend Tonnen feinstverteilter, schadenträchtiger Bleipartikel auf Bauten und Bäume nieder, kassiert der Bundesfinanzminister nach Schätzungen allein 1986 zusätzlich rund 700 Millionen Mark als quasi freiwilliges Mineralölsteuer-Geschenk der Automobilisten. Nur rund zehn Prozent der im ersten Halbjahr getankten Vergaserkraftstoffe waren bleifrei, obwohl es gut und gern 40 Prozent hätten sein können - so hoch ist der Anteil von Pkw-Motoren in der Bundesrepublik, die bleifreies Benzin vertragen.

Warum die Kraftfahrer dem Umweltgift so unverbrüchlich die Treue halten, darüber rätseln die Fachleute seit Monaten. Sie einigten sich einstweilen auf eine naheliegende Vermutung, die Aral-Chef Klaus Marquardt so formulierte: »Zu wenige Autofahrer wissen, ob ihr Motor bleifrei fahren kann oder nicht.« Abgesandte des ADAC haben an der Tankstelle Blei-Tanker befragt. »90 Prozent«, so das Ergebnis, »wußten nicht oder nicht genau, was mit ihrem Auto möglich sei.«

Die beklagte Scheu vor Bleifrei wurzelt letztlich in jenen komplizierten Vorgängen im Innern der Triebwerke, die einst die Spritmixer dazu gebracht haben, dem Kraftstoff die vertrackten Bleiverbindungen beizumengen.

Blei sorgt zum einen, insbesondere bei hochverdichteten Motoren, für einen geordneten ("klopffesten") Ablauf des feurigen Geschehens im Brennraum. Bedeutsamer, insbesondere für ältere Motoren, ist aber die Rolle des Schwermetalls als hitzefester Schmierstoff an den Schäften der Motorventile, gleichsam den Atemöffnungen des Motors, und deren Führungen.

Seit einigen Jahren sind die Techniker dazu übergegangen, bei neuen Motorkonstruktionen Ventile zu verwenden, die ohne Bleischmierung auskommen. Da jedoch Motor-Grundtypen wegen ihrer außergewöhnlich hohen Entwicklungskosten meist 20 Jahre oder länger

mit nur geringen Veränderungen gebaut werden, dürfte es unvermeidlich noch auf Jahre hinaus ein Nebeneinander von Triebwerken geben, die unbedingt Blei im Kraftstoff brauchen und solchen, die das giftige Metall nicht benötigen.

Welche der vielen hundert im Gebrauch befindlichen Motorentypen und -varianten nun aus fachlicher Sicht ohne Bedenken bleifreien Kraftstoff konsumieren können, geht aus Tabellen der Autoklubs und Fachzeitschriften oder aus einem »Bleifrei-Werte« betitelten 256 Seiten starken Kompendium der Deutschen Automobil Treuhand GmbH hervor. Wer keine Lust hat, sich durch Codezahlen und Fußnoten zu fieseln, kann sich Auskünfte vom Hersteller oder an der Tankstelle einholen.

Aber Mißtrauen gegen das unbekannte neue Gebräu ist unverkennbar; offenbar zahlen die Leute lieber zwei Pfennig mehr für den bewährten Gift-Kraftstoff, dem ihr Vertrauen gilt. »Vielleicht«, so eine junge Frau bei der ADAC-Befragung, »schadet Bleifrei der Motor-Lebensdauer?«

Verzwickt formulierte Richtlinien der Hersteller können solche Bedenken noch verstärken. Da faßt die Deutsche Automobil Treuhand »ohne jede Gewähr« Angaben und Empfehlungen von Herstellern und Importeuren zusammen, deren Befolgung einzelnen Autofahrern womöglich eine Motorreparatur einträgt. VW beispielsweise verbreitet, alle seit 1977 gefertigten Modelle mit Motoren für Normalkraftstoff vertrügen Bleifrei, der Käfer jedoch nur bedingt: Ihm müsse jede dritte Tankfüllung aus der Bleispritsäule verabreicht werden.

Ratschläge zum Intervall-Tanken - jede vierte Füllung lieber Blei, wird sogar für den Porsche 911 der Baujahre 1972 bis 1980 und Hunderte anderer Typen von Ford bis Fiat empfohlen - weckten Argwohn und begünstigen den Griff nach dem Bleisprit-Zapfer. Ein Werkstatt-Meister vieldeutig in vertrautem Kreise: »Das Intervall-Tanken machen doch nur die wenigsten - obwohl sie damit den Schaden strecken könnten.«

Derartige Äußerungen sind kaum geeignet, das Mißtrauen abzubauen - ebensowenig wie eine Empfehlung des Fachblatts »auto, motor und sport«. Die Bleifrei-Erlaubnis eines Herstellers für den jeweiligen Autotyp, schrieb das Blatt, sollte »möglichst schriftlich vorliegen«, dann werde bei einem etwaigen Schaden »die Durchsetzung der Ersatzansprüche« erleichtert.

Nun wollen sich die Politiker der Sache annehmen. Vorletzte Woche kündigten die SPD-Bundesländer Hessen und Hamburg einen Vorstoß gegen den Blei-Sprit an: Sie wollen im Bundesrat ein Verbot verbleiten Normalbenzins beantragen.

Wer dann nicht Bleifrei fahren will, müßte den viel teureren Superkraftstoff tanken - der mit dem verbotenen Stoff eines gemein hat: Sein Bleigehalt ist genauso hoch.

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