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MEDIZIN Realitätsferne Spielerei

Ferdinand Köckerling, 47, Chefarzt für Chirurgie am Klinikum Hannover Siloah, über den zweifelhaften Nutzen der ersten transatlantischen Tele-Operation.
aus DER SPIEGEL 39/2001

SPIEGEL: In Straßburg hat ein Roboter die Gallenblase einer Patientin entfernt - der Operateur saß in New York an einem Steuerpult. Hätten Sie dieses Experiment gern unternommen?

Köckerling: Nein. Ich sehe wenig Sinn in solchen Eingriffen. Neben dem Roboter muss in jedem Fall ein Ärzteteam vor Ort bereitstehen, das mindestens so qualifiziert ist wie der Chirurg am Joystick. Es können zu jeder Zeit Komplikationen auftreten. Wenn etwa der Gallengang durchtrennt wird, ist die Korrektur sehr viel anspruchsvoller als die eigentliche Operation. Und da versagt jeder Roboter.

SPIEGEL: Der Automat ist also überflüssig?

Köckerling: Für Operationen im Bauchbereich braucht man ihn jedenfalls nicht. Anders ist es in der Herz- oder Neurochirurgie, wo der Arzt an sehr engen Stellen operieren muss. Ein Roboter liefert unbewegte Bilder vom schlagenden Herzen. Das ist ein Gewinn für den Operateur. Aber dann befindet er sich auch nicht auf einem anderen Kontinent, sondern nebenan im OP.

SPIEGEL: Wer trägt die Verantwortung, wenn bei einer Fern-Operation etwas schief geht?

Köckerling: Juristisch ist das äußerst schwierig: Der Verursacher einer Komplikation ist plötzlich nicht mehr verantwortlich für deren Korrektur. Wer also ist schuld, wenn der Patient hinterher ein Problem hat: der Operateur, dem der Fehler unterlaufen ist, oder der Arzt, der den Fehler mangelhaft korrigiert hat? Für den Patienten bringt eine transatlantische Operation überhaupt keinen Vorteil.

SPIEGEL: Ist sie dann nichts als Spielerei mit neuer Technik?

Köckerling: Auf jeden Fall hat ein solcher Eingriff nichts mit der Wirklichkeit in unserem Gesundheitswesen zu tun. Die deutschen Kassen zahlen den Krankenhäusern für eine minimal-invasiv durchgeführte Gallenblasenoperation etwa 4500 Mark. Der amerikanisch-französische Eingriff hat etwa 2 Millionen Mark gekostet. So etwas ist schlicht realitätsfern.

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