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»Rechnung jetzt oder später«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Mann, 44, leitete bis 1990 das Aids-Sonderprogramm bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Nach Meinungsverschiedenheiten über die Aids-Politik der WHO gründete der amerikanische Epidemiologe an der Harvard Medical School in Boston eine unabhängige Aids-Forscherorganisation.

SPIEGEL: Herr Professor Mann, vor drei Jahren noch gingen Sie davon aus, daß sich bis zum Ende des Jahrzehnts 30 Millionen Menschen mit dem Aids-Virus anstecken würden. Heute liegt Ihre höchste Schätzung bei 110 Millionen. Woher kommt dieser Sinneswandel?

MANN: Die höhere Zahl spiegelt unser gewachsenes Wissen über die Ausbreitung der Pandemie wider. Ende der achtziger Jahre gab es beispielsweise erst sehr wenige HIV-Infizierte in Indien, Thailand oder Burma. Heute tragen wahrscheinlich eine Million Inder das tödliche Virus in sich. Im südostasiatischen Raum hat die Seuche in den letzten Jahren explosionsartig zugenommen. Das gleiche gilt für Brasilien oder die Länder der Karibik.

SPIEGEL: Die offiziellen WHO-Schätzungen liegen erheblich niedriger; die Fachleute dort rechnen mit 40 Millionen Infizierten im Jahr 2000. Handelt es sich um einen Rechenfehler?

MANN: Wohl kaum. Die vorsichtige WHO-Schätzung überrascht nicht. Vergessen Sie nicht, daß die Veröffentlichungen der Weltgesundheitsorganisation nur nach Zustimmung ihrer Mitgliedsländer erfolgen. Die WHO würde Länder wie etwa die Türkei, Indonesien oder Pakistan in Verlegenheit bringen, wenn sie mitteilt, diese Staaten seien hochanfällig für die Ausbreitung der Seuche. Wir hingegen, als eine Gruppe unabhängiger Experten, können dies tun. Sie würden zum Beispiel auch über die Zahl von politischen Gefangenen ganz unterschiedliche Antworten erhalten, je nachdem, ob Sie Amnesty International oder die betreffenden Regierungen fragen.

SPIEGEL: Bedeutet die von Ihnen genannte Zahl von 110 Millionen HIV-Infizierten, daß der Krieg gegen Aids verloren ist?

MANN: Wir befinden uns in einem kritischen Stadium der Pandemie. Während die Seuche sich rapide ausbreitet, lassen die Anstrengungen, sie einzudämmen, stark nach. Die globale Verantwortung schwindet. Diese verhängnisvolle Entwicklung muß unbedingt umgekehrt werden. Denkbar wäre es beispielsweise, nach dem Vorbild der grünen Bewegung für die Umwelt nun auch Parteien für die Gesundheit ins Leben zu rufen. Solche »Blauen Parteien« könnten den Kampf gegen Aids wieder stärker ins öffentliche Bewußtsein rücken.

SPIEGEL: Durch Parteiengründungen läßt sich die Seuche wohl kaum eindämmen. Glauben Sie wirklich, daß Sie menschliches Verhalten, noch dazu im Bereich der Sexualität, zu ändern vermögen?

MANN: Sicher, unsere Forschergruppe hat Vorbeugeprogramme auf der ganzen Welt unter die Lupe genommen. Dabei fanden wir heraus, daß sich durchaus Verhaltensänderungen bewirken lassen. Die Rate der Neuinfektionen geht zurück, sofern drei Voraussetzungen erfüllt sind: Die erste Säule umfaßt Aufklärung und Erziehung, die zweite gesundheitliche Versorgung und Betreuung, die dritte beinhaltet die Verbesserung des sozialen Umfeldes.

Für die Aids-Bekämpfung gilt das gleiche wie im Kampf gegen die Drogen: Auch dort verhallt der Appell »Stoppt den Gebrauch von Drogen«, wenn man nicht gleichzeitig genügend Entzugsplätze bereitstellt.

SPIEGEL: In welchem Land gibt es denn schon ein Aids-Programm, das diese drei Voraussetzungen erfüllt und Erfolg damit hat?

MANN: Ein Beispiel ist Zaire. In diesem Land wurden die Prostituierten von der Notwendigkeit des Kondomgebrauchs überzeugt. Sie erhielten kostenlos Kondome, wurden medizinisch betreut und durch flankierende soziale Maßnahmen unterstützt. Die Zahl der jährlichen Neuinfektionen unter den Prostituierten sank daraufhin von 18 Prozent auf 2 Prozent.

SPIEGEL: In den westlichen Industrieländern ist eine Tendenz zu erkennen, daß die Zahl der Infektionen unter den Heterosexuellen ansteigt. Muß Ihre Drei-Säulen-Theorie auch in diesem Fall umgesetzt werden?

MANN: Sie gilt überall. Ein Beispiel: Es ist zwar eine fabelhafte Idee, dazu aufzurufen, daß Leute sich einem Aids-Test unterziehen. Aber wenn die Infizierten dann hinterher nicht beraten und die Kranken nicht betreut werden, ist auch der Test sinnlos.

SPIEGEL: Weder ist ein Impfstoff in Sicht, noch gibt es eine Möglichkeit, die Krankheit zu heilen. Die Ausbreitung der Seuche verläuft ungebremst. Haben die bisherigen Strategien versagt?

MANN: Ja, ich glaube, wir müssen unsere Betrachtungsweise von Aids radikal ändern. Wer glaubt, es nur mit dem Virus zu tun zu haben, brauchte sich ja in der Tat nur auf die Entwicklung eines Impfstoffes zu konzentrieren. Wer aber zu dem Schluß gelangt, daß Aids auch etwas mit dem Verhalten von Menschen zu tun hat, muß sich zugleich mit den sozialen und gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen.

In Wahrheit sind es soziale Schwachstellen, die bestimmte Länder besonders verwundbar für den HIV-Erreger machen. Die bisherigen Aids-Programme der Regierungen sind oftmals isoliert von anderen Gesundheitsprogrammen und haben kaum Verbindung zu privaten Initiativen.

SPIEGEL: Die Vereinigten Staaten geben pro Kopf jährlich rund vier Mark für den Kampf gegen Aids aus, die am stärksten von der Seuche betroffenen Entwicklungsländer lediglich ein paar Pfennige. Eine Aufstockung der Entwicklungshilfe ist in Zeiten knapper Kassen nicht zu erwarten. Bei welchen Entwicklungshilfe-Programmen würden sie, zugunsten der Aids-Bekämpfung, streichen?

MANN: Bei der Rüstung. Im Ernst gesprochen: Natürlich sind Hilfen für die Landwirtschaft oder der Aufbau von Bewässerungssystemen wichtig. Aber vor allem brauchen wir gesunde Menschen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eines Landes und der Gesundheit seiner Bewohner.

SPIEGEL: Wo soll das Geld für den Kampf gegen die Pandemie Aids herkommen?

MANN: Das spielt eine ziemlich untergeordnete Rolle. Die reichen Industrieländer werden die Rechnung so oder so zu zahlen haben, entweder jetzt oder später. Im Augenblick sind die Kosten noch überschaubar, sie werden ins Astronomische wachsen, wenn wir weiter abwarten.

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