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BOTANIK Regensicher durch den Regenwald

Im Südwesten Englands wächst der größte künstliche Dschungel der Welt heran. Das »Projekt Eden«, ein Paradiesgarten im Gewächshaus, ist das verwegene Werk eines ehemaligen Rockmusikers. Schon jetzt stehen die Besucher vor den Riesenkuppeln Schlange.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Nachts, wenn das Publikum fort ist, werden die Urwaldgiganten geschaukelt. Aus meterdicken stählernen Rüsseln faucht ringsum warme Luft in die Kuppeln. Und schon schwanken Ölpalmen, Balsabäume und himmelhohe Bambusse geruhsam knarzend im Kunstwind.

»Das ist ihre Abendgymnastik«, sagt Tim Smit, 45. »Sie brechen uns sonst eines Tages zusammen.«

Solche Probleme hat vorher noch niemand gehabt. Der britische Unternehmer Smit ist der Erste, der einen Regenwald in einem geschlossenen Raum zu voller Höhe emporwuchern lässt. Und er baut dafür das mit Abstand größte Gewächshaus der Welt: Die gewaltigen Kuppelbauten, bis zu 50 Meter hoch, erstrecken sich über fast einen Kilometer.

Die Bäume haben es in diesem Heim viel gemütlicher als draußen; sie schießen deshalb zu schnell in die Höhe und bleiben dünn und schwach. Da hilft nur das Schaukeln: Es stärkt die Stämme, und das Wurzelwerk krallt sich fest.

Die Regenwaldkuppeln liegen halb versteckt in einer verlassenen Kaolingrube an der Südwestküste Englands, in der Grafschaft Cornwall. Wo früher Porzellanerde geschürft wurde, entsteht nun ein Paradiesgarten mit Wäldchen, Gemüserabatten, Orchideen und Plantagen: das »Projekt Eden«.

Tim Smit plant nicht nur ein Inventar des Pflanzenreichtums. Der herkömmliche Botanische Garten, findet Smit, ist langweilig genug. Dort beäugt das Publikum die abertausendste Varietät der Rose neben dem seltenen Bromelien-Hybriden. Und im Boden stecken - »wie auf dem Friedhof«, sagt Smit - die Tafeln mit der lateinischen Artbezeichnung.

In der alten Grube will Smit dagegen ein »lebendes Theater der Pflanzen« aufführen. Hier kommen nur Gewächse auf die Bühne, sagt er, »die eine Geschichte zu erzählen haben«.

Am besten geht das im Ensemblespiel: Da rauscht ein Hain von Ölpalmen, in deren Schatten Gemüse gezogen wird wie im westlichen Afrika. Dazu kleine Plantagen von Bananen, Zuckerrohr oder Tee, wo etliches über den Anbau zu erfahren ist. Und wer einem der Pfade durch den Dschungel folgt, steht plötzlich vor einem malaysischen Hausgarten und darf, mit etwas Glück, von den 20 Arten der Passionsfrucht kosten. Im Ensemble gibt es aber auch Solisten. Zum Beispiel die Seychellennusspalme mit ihrer bombastischen, bis zu 20 Kilogramm schweren Nuss, deren eingekerbte Gestalt etwas Hinterbackenartiges hat. Ein geborener Publikumsliebling. Die Palme ist vom Aussterben bedroht, weil die Touristen in ihrer Heimat gern die Schalen kaufen.

Auch dieses Gewächs trägt seinen Teil zur Hauptfrage bei: Was machen die Menschen aus der Pflanzenwelt? Wo kommen all die Drogen, Seile, Gewürze, Kleider, Farben und Autoreifen her? Das »Projekt Eden« will das in vielerlei Szenerien zeigen - bis hin zum Ylang-Ylang-Baum, aus dem der Zauberduftstoff für Chanel No. 5 gewonnen wird.

Die Eröffnung ist für das kommende Frühjahr geplant. Im Inneren der Kuppelbauten, entworfen von dem Architekten Nicholas Grimshaw, sind gerade die Pflanzgärtner am Werk. Die ersten Baumgruppen stehen noch etwas verlegen in der kathedralischen Weite beisammen. Planierraupen ebnen gewundene Wanderwege, und Kräne senken meterhohe Palmen in ihre Setzgruben.

Wenn die Bäume ausgewachsen sind, erhebt sich ihr Kronendach vor dem Halbrund eines theatralischen Felssturzes. Ein Wasserfall rauscht in Kaskaden 25 Meter tief in ein Flüsschen hinab, das sich vielfach schlängelt, ehe es in einen Mangrovensumpf mündet. Die Luft ist heiß und feucht. Aus 180 Nebelwerfern unterm Kuppeldach sinken schwere Dampfschleier nieder. Hoch droben im Gegenlicht kriechen jetzt noch die Arbeiter wie Spinnen an den stählernen Streben und Speichen entlang. Das Wabengitter ist bespannt mit Luftkissen aus einer Wunderfolie namens ETFE, die so durchsichtig ist wie Glas, aber hundertmal leichter. Nur so ließ der kühne Bau sich verwirklichen, der bis zu 110 Meter ohne Stützen überwölbt. »Wenn es hagelt«, sagt Smit, »dann ist das ein Geprassel hier drinnen wie in einer riesigen Snare Drum.«

Der gelernte Archäologe spielte früher Keyboard in einer Rockband, schrieb eine Menge Songs und hatte Erfolg als Produzent von Musikern, von denen er nicht allzu viel hielt, darunter die singende Schmalznudel Barry Manilow.

Anfang der Achtziger landeten zwei seiner Werke in der französischen Hitparade auf Platz eins und zwei. »Das war der schlimmste Tag in meinem Leben«, sagt er. »Ich gondelte in einer Limousine über die Champs-Élysées, der Champagner schäumte, und ich zerfloss in Tränen.«

Dem Vielbewanderten geht es nur gut, solange er in die Zukunft stürmt - hinter ihm her die Depression, die ihn ereilt, sobald etwas fertig ist. Vor zehn Jahren nahm sein Dasein die entscheidende Wende. Da stieß er eines Tages in Cornwall auf die Ruine einer Gartenanlage, nur 20 Kilometer von der Grube entfernt, in der jetzt das Eden-Projekt heranwächst.

Das Landgut Heligan gehörte über Jahrhunderte dem Geschlecht der Tremaynes. Dann kam der Erste Weltkrieg. Kaum einer der vormals 22 Gartenarbeiter hat ihn überlebt. Bald darauf starb auch der letzte Erbe, und die Ländereien verwilderten.

Auf dieser verwunschenen Stätte verbrachte der Archäologe Smit die nächsten Jahre seines Lebens. Es gelang ihm, Dutzende von freiwilligen Helfern zu entflammen und am Ende auch noch Leute mit Geld. Bald kämpften sich Räumtrupps mit Spitzhacken und schwerem Gerät durchs Gestrüpp, rissen Bäume mitsamt den Wurzeln aus, fanden mit Metalldetektoren Hunderte alter Pflanzschilder im Boden und legten nach und nach den riesigen alten Garten frei.

Heute lustwandeln die Besucher wieder zwischen Taschentuchbäumen und kunstvoll verflochtenen Eichenpärchen. Im Mittelpunkt aber steht der Nutzgarten. Früher lieferte er fast alles, was Herrschaft und Gesinde brauchten, bis hin zu Melonen und Wein. Nun wird der Garten wieder bearbeitet wie ehedem. Zu sehen ist die komplette Subsistenzwirtschaft eines viktorianischen Landgutes. Es war dieses verschollene Lebensmodell, das die Restauratoren am meisten bezauberte.

Sogar der alte Ananasgraben ist wieder in Betrieb, originalgetreu beheizt von kompostierendem Pferdemist. 200 Schubkarren voll schaufeln die Arbeiter alle fünf Wochen in die Heizkammer; länger hält die Wirkung nicht an. Früher musste auch noch ein Gartenbursche in der Nähe schlafen und alle zwei Stunden die Temperatur prüfen, weil oft genug eine Anlage in Flammen aufging. Aufwendiger wurde kaum je eine Südfrucht gepäppelt: Nach heutigen Löhnen hätte ein Exemplar rund 600 Mark gekostet.

Das Publikum war auf Anhieb entzückt von den »Lost Gardens of Heligan«. Letztes Jahr kamen 350 000 Besucher. Und der ruhelose Smit rettete sich flugs ins nächste Großvorhaben, das »Projekt Eden«.

Der Erfolg bleibt ihm, wie es scheint, auf den Fersen. Schon jetzt stehen vor der Grube jeden Tag Tausende von Besuchern Schlange; insgesamt 430 000 waren es in diesem Jahr. Sie zahlen zehn Mark Eintritt, obwohl sie noch nicht einmal in die Kuppeln hinein dürfen. Es genügt ihnen, der Entstehung des »achten Weltwunders« beizuwohnen, wie die britische Tageszeitung »Independent« unlängst orgelte.

Die Schaulustigen setzen Helme auf und lassen sich in Traktorzügen durch den Schlamm karren. Sie spähen auf die blinkenden Bagger und Raupenschlepper im Talkessel hinab, lugen in die lichten Kuppeln und freuen sich auf den Tag, an dem sie sagen können: Wenn ihr wüsstet, wie es damals hier aussah!

Der beste Bauplatz für ein Riesentreibhaus war die alte Grube wahrlich nicht. Überall lauerten Quellen, die erst gestopft werden mussten. Die Felswand, an der die Regenwaldkuppeln lehnen, machte auch keinen guten Eindruck. Damit der Stein nicht abrutscht, trieben die Arbeiter 2000 Ankerbolzen bis zu zwölf Meter tief hinein. Am Ende mussten sie auch noch die Kuppeln selber mit mächtigen Heringen aus Stahl an den Erdboden nageln. Der Wind, der über die Grube fegt, könnte sie sonst emporreißen.

Ein Film zeigt dem Publikum das Werk des Planierens, Ausschachtens und Einrüstens als heroisches Spektakel. Wer will, kann danach im Shop naturbelassenen Ingwersirup und Ananasschösslinge kaufen. Im Besucherzentrum stehen Pavillons, die den Reichtum der Kautschukprodukte erläutern oder die bewegte Geschichte der Rauschmittel.

Und den Kindern bietet sich ein mechanisches Puppenspiel in Lebensgröße: Zu sehen ist eine Familie in der Küche, und der Reihe nach verschwindet krachend, klappernd, zischend alles in der Kulisse, was aus Pflanzen gemacht ist: Bücherbord, Bücher, Essen, Kleider, Tisch und Stühle. Am Ende wird die ganze Familie mangels Biomasse hinweggerafft.

Tim Smit scheut keineswegs solche simplen Spektakel. »Die Wissenschaft muss natürlich gewinnen«, sagt er. »Aber nur knapp.«

Botanische Akribie ist ihm, dem Laien, ohnehin fremd. Lieber macht er Ausstellungen über die großen Kontroversen der Gegenwart - von den Bananenkriegen der Neunziger über die Kakaopflücker, die teils heute noch wie Sklaven schuften, bis hin zur genetisch gedopten Landwirtschaft: Was spräche eigentlich gegen eine Pflanze, aus der oben Äpfel herauswachsen und unten Kartoffeln?

Nichts ist ausgeschlossen in seinem Riesengewächshaus außer der Tierwelt. In dem feuchtwarmen Dschungel könnte jede Art zur Plage werden. Höchstens, dass einmal eine abgezählte Legion von Schmetterlingen entsandt wird, um die Blütenpflanzen zu bestäuben. Aber nur Männchen, damit es keine Nachkommen gibt. Und eines Tages sollen im Unterholz ein paar Wachteln schlagen und handverlesene Geckos über die Bäume krauchen. Damit hat es sich.

Es ist schon schwer genug, die Pflanzen in Schach zu halten. Im wuchernden Gedränge des Regenwaldes hausen findige Kämpfernaturen, die mit allen Mitteln dem Licht entgegenstreben. »Manche Schösslinge«, sagt Smit, »kommen mit drei Minuten Licht am Tag aus. Die kann man kaum bändigen.«

Ein zweiter, etwas kleinerer Kuppelbau beherbergt die gemäßigt warmen Zonen: Pflanzen aus Südafrika, Kalifornien und dem Mittelmeerraum. Ein drittes Gewächshaus für die Wüsteneien der Welt soll später hinzukommen. Dies wird die wahre Herausforderung für die Botaniker: Die Pflanzen der Dürregebiete sind heikle Akrobaten des Mangelleidens; eine jede braucht ihren höchsteigenen Notstand. Einmal bewässert zur Unzeit, und sie geht zugrunde.

Tim Smit aber denkt längst schon wieder ans Anstiften neuer Projekte. »Das ist das Einzige, was ich wirklich kann«, sagt er. »So was wie Kriegsgeist schüren«, sagt er, »nur ohne Krieg. Übrigens, kennen Sie Fitzcarraldo?« Das ist der Mann, der ein Dampfschiff durch den Urwald und über ein Gebirge schleppen ließ. Ein entfernter Vetter im Geiste.

Das nächste Thema des Rastlosen ist die Krise der Weltmeere. Die besten Köpfe der Wissenschaft will er für die Suche nach Lösungen begeistern und zugleich dem Publikum die Attraktionen bieten, die es für die Sache gewinnen. Und welcher Ort wäre eines solchen Vorhabens würdig?

»Eine künstliche Insel vor der Westküste von England«, erwidert Smit, ohne zu zögern, »gespeist von einem Strömungskraftwerk.« MANFRED DWORSCHAK

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