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TIERMEDIZIN Reiten oder essen?

Tierärzte beklagen einen Arznei-Notstand im Pferdestall - immer mehr Medikamente werden verboten. Der Grund: EU-Bürokraten stufen alle Reitpferde als Schlachtvieh ein. Bekommen die Rösser bald elektronische Pässe unter die Haut gepflanzt?
aus DER SPIEGEL 7/1998

Zitternd steht die Schimmelstute in ihrer Box. Sie atmet heftig, ihr Fell ist verschwitzt. Plötzlich tritt sie gegen ihren Unterleib und wirft sich ins Stroh. Das Tier stöhnt leise, wälzt sich von einer Seite auf die andere.

Patienten mit solchen Bauchschmerzen behandelt der praktische Tierarzt Olaf Neuberg aus Oelstorf in der Lüneburger Heide jeden Tag. Rasch mißt er am Unterkiefer den Puls, untersucht die Schleimhäute, horcht mit seinem Stethoskop, »wie stark es im Darm gurgelt«. Dann streift er sich einen bis an die Schulter reichenden Plastikhandschuh über, schiebt seinen Arm in den After und tastet von innen her den Darm ab. Seine Diagnose: »Die Stute hat eine Krampfkolik.«

Der Tierarzt spritzt ihr ein Medikament mit dem Schmerzmittel Metamizol. Schon nach wenigen Minuten hören die Krämpfe auf. Die Stute schnaubt zufrieden ab - unbehandelt wäre sie vielleicht in ein paar Stunden tot gewesen.

Der Krampflöser Metamizol, da sind sich die Fachveterinäre einig, rettet jedes Jahr Tausenden von Pferden das Leben. Ohne Verabreichung des Schmerzmittels können Krämpfe zu einer lebensgefährlichen Darmverstopfung oder -verschlingung führen. Schlimmstenfalls muß der Bauch dann aufgeschnitten werden; auch heute noch kommen viele Pferde bei einer solchen Kolik-Operation um. »Das Notfallmedikament Metamizol ist derzeit durch kein anderes zu ersetzen«, bestätigt der Leipziger Pharmakologieprofessor Fritz Ungemach, Arzneimittelexperte der Bundestierärztekammer.

Doch geht es nach den Plänen von EU-Bürokraten, kann Kolik-Pferden bald nicht mehr mit Metamizol geholfen werden: Bereits zum 1. Januar sollten alle Medikamente mit diesem Wirkstoff ihre Zulassung verlieren. Nur wegen eines Formfehlers darf das Mittel vorerst weiter verkauft werden.

Für zahlreiche andere Standardmedikamente haben die Eurokraten schon jetzt Anwendungsverbote verhängt. So ist es seit Anfang des Jahres untersagt, humpelnde Rösser mit Phenylbutazon ("Bute") zu behandeln. Das preiswerte und gut verträgliche Mittel, gleichsam die Aspirin-Tablette der Pferdemedizin, stoppt Entzündungen und lindert Schmerzen. Mit dieser Allzweckwaffe kurierten Tierärzte bislang Lahmheiten aller Art; vor allem älteren Pferden mit chronischen Gelenkentzündungen verhalf Bute zu einem schmerzfreien Rentnerdasein.

Auch das bewährte Pilzmittel Griseofulvin mußten die Pferdedoktoren vor wenigen Monaten aus ihrem Sortiment nehmen. Besonders bei hartnäckigem Pilzbefall müssen die Besitzer jetzt abwarten, bis das Immunsystem der Tiere die Krankheit selber besiegt. Dabei kann es passieren, daß ein Pferd monatelang nicht reitbar ist. An manchen Körperstellen bleiben Narben zurück, das Fell wächst nicht mehr nach. »In Extremfällen sehen die Pferde aus wie von Motten zerfressen«, berichtet Neuberg.

»Eine wichtige Waffe nach der anderen wird uns aus der Hand geschlagen«, klagt der Münchner Infektionsmediziner Professor Peter Thein, einer der führenden deutschen Pferdeveterinäre. Thein fürchtet, daß in den nächsten drei Jahren ein Großteil aller Medikamente verboten werden könnte.

»Die medizinische Versorgung der Gesellschafts- und Sportpferde«, so warnte unlängst auch der Bundesverband der praktischen Tierärzte in einer Resolution, sei »auf das schwerste beeinträchtigt«.

Schuld an dem Arznei-Notstand im Pferdestall hat das sture Schubladendenken der europäischen Agrarbürokraten: Für sie ist jedes Pferd nur ein Stück Schlachtvieh wie Rind und Schwein - ganz egal, ob das einzelne Roß tatsächlich einmal in der Wurst endet oder nicht.

In Ländern wie Italien oder Belgien macht eine solche Einstufung noch halbwegs Sinn. Dort gilt Pferdegulasch als Delikatesse. In Frankreich werden Kaltblüter sogar wie Mastschweine nur für den Kochtopf gezüchtet. Über 300 000 Pferde auf dem europäischen Kontinent landen so jedes Jahr beim Roßschlachter (siehe Grafik). In England, Deutschland und den skandinavischen Ländern hingegen ist Pferdefleisch verpönt. Die Deutschen reiten ihre Pferde, aber sie essen sie nicht.

»In Europa wird alles über einen Kamm geschoren«, ärgert sich Veterinär Thein. »Daß in Brüssel auch alle Reit- und Sportpferde ohne Ausnahme als bloße Fleischlieferanten eingestuft werden, hat für uns Pferdemediziner verheerende Folgen.«

Eingeleitet wurde die Misere vor sieben Jahren. Um die Verbraucher besser vor schädlichen Pharmarückständen in Steak und Salami zu schützen, beschloß der EU-Ministerrat mit seiner Verordnung 2377/90, es seien für alle an Schlachttiere verabreichten Medikamente künftig »Rückstandshöchstmengen« festzusetzen, deren Wert im Fleisch nicht überschritten werden darf. Die Pharmafirmen waren damit gezwungen, auch für ihre seit Jahren zugelassenen Präparate neue, aufwendige pharmakologische Studien vorzulegen.

Arzneimittel für Rinder, Schweine und Geflügel sind ein Riesengeschäft. Allein mit Medikamenten für diese schlachtbaren Haustiere werden weltweit 16 Milliarden Mark im Jahr umgesetzt. Die Pharmaindustrie beeilte sich deshalb, die einschlägigen Präparate auf Rückstände im Fleisch zu testen; etliche Medikamente haben eine neue Zulassung erhalten.

Doch für die Pferdemedizin erwies sich die Rückstandsverordnung als Katastrophe. Was die Brüsseler Bürokraten nicht bedachten: Den 40 Millionen gemästeten Rindern und Schweinen in Deutschland stehen - trotz wieder stark steigender Geburtenrate - nur rund 700 000 Pferde gegenüber. Mit den kranken Rössern ist deshalb weit weniger Geld zu verdienen.

»Es lohnt sich nicht, Millionenbeträge für aufwendige pharmakologische Studien auszugeben, wenn wir mit einem Pferdearzneimittel nur ein paar hunderttausend Mark Umsatz erzielen«, erläutert Veterinär Albrecht Fenner vom Chemiekonzern Boehringer-Ingelheim. »Der Markt ist einfach zu klein.«

Bei Pferdearzneien verzichten die kühl rechnenden Pharmafirmen deshalb meist auf teure Rückstandsstudien und lassen die Brüsseler Fristen ungerührt verstreichen. Nach und nach verlieren die Medikamente die Zulassung und dürfen nicht mehr vertrieben werden. »Ein Irrsinn«, schimpft Reinhard Jacobi, Chef der Pferdeklinik Barkhof bei Bremen. »Durch die wenigen tausend Schlachtpferde werden wir zunehmend daran gehindert, die Hundertausende von Reitpferden optimal zu behandeln.«

Etliche hundert Mark gibt jeder Pferdenarr in Deutschland durchschnittlich im Monat aus, damit es seinem Vierbeiner gutgeht. Wird das Pferd krank, scheuen die meisten Besitzer weder Mühen noch Kosten, es wieder fit zu kriegen.

Die Tierhospitäler haben sich deshalb in den letzten Jahren mit aufwendigen High-Tech-Apparaten hochgerüstet. Einige Pferde-Spezialkliniken sind inzwischen besser mit Computertomographen, medizinischen Laserkanonen und Endoskopen ausgestattet als das benachbarte Kreiskrankenhaus. Selbst viele Landtierärzte verfügen bereits über Geräte, mit denen sie verletzte Pferdebeine routinemäßig röntgen oder mit Ultraschall durchleuchten können. »In der Diagnostik sind wir der Humanmedizin dicht auf den Fersen«, erklärt Kliniker Jakobi. »Und nun soll die Therapie scheitern, weil uns die Medikamente fehlen?«

»Eine furchtbare Situation«, sagt Peter Cronau, Chefveterinär der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) und zugleich Leiter einer Pferdeklinik in Bochum. »Aber niemand kann von uns verlangen, die Pferde leiden zu lassen. Damit würden wir im übrigen auch gegen das Tierschutzgesetz verstoßen.«

In ihrer Not setzen sich deshalb immer mehr Tierärzte über die Einstufung von Pferden als Schlachtvieh hinweg und tun einfach so, als wären ihre wiehernden Patienten Hobbytiere wie Hunde und Katzen. Denn sogenannte Hobbytiere, die nicht der Fleischgewinnung dienen, dürfen mit allem versorgt werden, was hilft - notfalls auch mit Präparaten aus der Humanmedizin. Sicherheitshalber lassen sich die Veterinäre von den Pferdebesitzern schriftlich bestätigen, daß ihr krankes Tier niemals beim Metzger enden wird.

Ob diese Vorgehensweise juristisch wasserdicht ist, darüber sind sich die Experten zwar uneinig. »Wir haben aber keine Wahl«, sagt Cronau. Ohne den Trick könnten Pferde nicht einmal in Vollnarkose operiert werden. Denn das in Pferdekliniken eingesetzte Narkosegas Halotan stammt ebenso aus der Humanmedizin wie einige Augensalben, die schon viele Reitpferde vor der Erblindung bewahrt haben; für »lebensmittelliefernde Tiere« sind all diese Präparate strenggenommen verboten.

Auch viele der für Schlachttiere nicht mehr zugelassenen Medikamente lassen sich auf dem Pharmamarkt ohne Probleme beschaffen. »Wir Tierärzte stehen immer mit einem Bein im Gefängnis«, sagt FEI-Chefveterinär Cronau. »Und je mehr Pferdearzneien verboten werden, desto mehr werden wir in die Illegalität getrieben.«

Mit technischen Hilfsmitteln will der Bonner Gesundheitsminister den Pferdedoktoren jetzt aus ihrer Notlage helfen. Seehofers Beamte formulieren derzeit einen Vorschlag für die Brüsseler EU-Kommission: Jedes einzelne Pferd, so die Idee, wird dauerhaft gekennzeichnet - entweder als (frei behandelbares) Hobbytier oder als (eingeschränkt behandelbares) Schlachttier.

Bei der ersten Therapie mit einem nicht zugelassenen Medikament könnte dem Pferd ein Mikrochip unter die Haut gepflanzt werden; nach dieser Kennzeichnung darf es nicht mehr verwurstet werden.

Im Trabrennsport werden elektronische Pässe schon seit Jahren eingesetzt, um Betrügereien zu verhindern: Weil die Traber einander oft so ähnlich sehen, ließ sich früher kaum kontrollieren, ob das Pferd, das an den Start ging, wirklich angemeldet war. Der Chip kostet unter 100 Mark.

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in Warendorf lehnt eine Unterscheidung zwischen Reit- und Schlachtpferden allerdings ab. »Wir sind dagegen, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft einzuführen«, sagt FN-Sprecher Thomas Hartwig. »Pferde sollten vor dem Gesetz überhaupt nicht mehr als Schlachttiere gelten, sondern als Freizeitpartner wie Hund und Katze.«

Und wenn der eine oder andere Pferdebesitzer doch einmal sein Gaul zum Metzger bringen wolle, müsse er eben belegen, daß die letzte Medikamenteneinnahme ausreichend lange zurückliegt. »Nach einem halben Jahr können Sie keinen Wirkstoff der Welt mehr im Fleisch nachweisen«, sagt Hartwig. »Aber solche einfachen Lösungen sind in Europa leider nur schwer durchzusetzen.«

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Geschlachtete Pferde in Italien, Frankreich, Deutschland und

Großbritannien

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Geschlachtete Pferde in Italien, Frankreich, Deutschland und

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* Ludger Beerbaum mit seiner Stute Ratina Z bei derEuropameisterschaft in Mannheim 1997.

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