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Ozon Reizendes Gas

Ozon-Werte bis zu 300 Mikrogramm wurden letzte Woche in Bayern gemessen. Müssen die Kinder von der Straße?
aus DER SPIEGEL 32/1990

Regelmäßig rollte, während der vergangenen vier Wochen, ein geheimnisvolles Fahrzeug mit Hamburger Kennzeichen durch Bayerns Luftkurorte zwischen Lindau und Berchtesgaden. Der weiße Lkw der Marke Iveco-Magirus ("mit Kofferaufbau") parkte von frühmorgens bis zum Abendläuten auf Marktplätzen oder neben Schwimmbädern - jeweils solange es der Ortspolizist erlaubte.

Wie von Geisterhand getrieben, schoben sich meterlange Rohre und Teleskopstangen aus dem Dach. Sie maßen Temperatur und Luftfeuchte, sammelten Staub und fingen Gase ein. Die Proben und Daten wurden im Innern des Kofferlasters von dem Meßtechniker Armin Friedrich umgehend analysiert. Dann rollte der Siebeneinhalbtonner davon, in einen nächsten Urlaubsort des Freistaates.

Anfang vorletzter Woche veröffentlichte die Umweltschutzorganisation Greenpeace, Besitzer und Betreiber des weißen »Air-Bus«, erste Zwischenergebnisse ihrer Bayern-Kampagne »Luft«. Die Urlauber im Süden Deutschlands waren, so das Greenpeace-Fazit, »in die Ozonfalle« getappt.

Wieder einmal mußten sich ökobewußte Bundesbürger mit der verwirrenden Doppelrolle des dreiatomigen Sauerstoffmoleküls, genannt Ozon, vertraut machen: *___In der Stratosphäre, in Höhen zwischen 25 und 35 ____Kilometer, bildet das Ozon eine schützende Gashülle, ____die hautkrebsfördernde UV-Strahlung der Sonne zu großen ____Teilen absorbiert - Chloratome, etwa von Kühlmitteln ____oder Treibgasen der Spraydosen, nagen gefährlich an ____diesem Schutzschild (Stichwort: »Ozonloch"). *___In Bodennähe bildet sich Ozon bei starker ____Sonneneinstrahlung auf fotochemischem Wege aus ____Stickoxiden - der »Sommersmog« reizt Augenschleimhäute ____und Atemwege, besonders bei Alten, Kranken und Kindern, ____und schädigt Pflanzen (Stichwort: Waldsterben).

Oben zuwenig, unten zuviel - um dieses in beiden Fällen durch menschliche Umweltschädigung verursachte Ozondilemma kreiste am Mittwoch letzter Woche eine heftige Diskussion, so auch im dichtbesetzten Münchner Pschorrkeller, wo Greenpeace zum Thema »Bayern unter der Ozonglocke« einen Informationsabend veranstaltete. Kurzfristig, so hatte schon vorher Bayerns Umweltminister Alfred Dick (CSU) eingestanden, sei gegen das Reizgas »kein Kraut gewachsen«.

Doch nicht nur im Süden der Republik klagten Asthma-Anfällige über Atemnot, sahen Eltern besorgt nach ihren auf dem Spielplatz umhertobenden Kindern: Das stabile Nordseehoch »Detlef«, das landauf, landab für wolkenfreie dunstige Wärme sorgte, trieb zwischen Alpen und Nordsee die Meßwerte für das Umweltgift Ozon in bedenkliche Höhen.

»Das Gift des Sommers« (Hamburger Abendblatt) erreichte im Elbort Geesthacht einen Wert von 184 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Alpenvorland, in Bad Tölz etwa, wurden gar 308 Mikrogramm gemessen - Werte, die sonst nur im smogverhangenen Los Angeles aktenkundig werden und die deutlich über dem Grenzwert von 120 Mikrogramm lagen, bei dessen Überschreiten die betroffene Bevölkerung gewarnt werden sollte - nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation ebenso wie nach Einschätzung westdeutscher Mediziner (siehe Interview Seite 38).

In Los Angeles, der US-Autometropole, war das sommerliche Phänomen schon vor Jahren erstmals beobachtet und untersucht worden. Unter dem Einfluß intensiver Sonneneinstrahlung und hoher Lufttemperaturen gibt bodennahes Stickstoffdioxid ein Sauerstoffatom ab, das sich sofort mit dem O2-Molekül des normalen Luftsauerstoffs zu O3 verbindet. Begünstigt und beschleunigt wird diese fotochemische Reaktion durch Kohlenwasserstoffe, die - wie auch das Stickstoffdioxid - hauptsächlich aus dem Auto-Auspuff stammen.

Die ursächlichen Zusammenhänge zwischen einer wachsenden Autoflotte und dem sogenannten Fotosmog sind wissenschaftlich ebenso bewiesen wie durch Augenschein erkennbar.

Als viele der 14 Millionen Einwohner des Großraums Los Angeles, deren Autos es jeden Tag auf eine Fahrstrecke von nahezu 160 Millionen Kilometer bringen, beispielsweise während der Olympischen Sommerspiele 1984 ihre Autos in der Garage ließen, erlebten sie beim Blick aus den Fenstern ihrer Bungalows eine Überraschung: Die Gipfelkette der San Gabriel Mountains am Rande des zum Pazifik offenen Talkessels, in dem Los Angeles liegt, war unvermutet wieder sichtbar.

Auch die Lungen der in Los Angeles kämpfenden Athleten lichteten sich: Als ihre Leistungsfähigkeit nicht mehr durch hohe Ozonwerte gedämpft war, stellten sie 94 olympische Rekorde auf.

Inzwischen ist die Bergsicht in Los Angeles wieder verhängt; in der Sommerhitze beträgt die Sichtweite bestenfalls ein trübes Dutzend Kilometer. Die Ozonkonzentration ist mitunter so hoch, daß der dreiatomige Sauerstoff »Damenstrümpfe und Autoreifen zersetzt«, wie der Kieler Toxikologe Otmar Wassermann zu berichten weiß.

Daß der Sommersmog nicht nur autoüberlastete Städte wie Los Angeles oder München glockenartig überstülpt, sondern auch Landstriche, die gemeinhin als Reinluftgebiete gelten - wie in diesem Jahr in Bayern -, hat eine verblüffende Ursache.

Die Stickoxide und Kohlenwasserstoffe, die unter heißem Sonnenlicht die Entstehung von Ozon verursachen und beschleunigen, entfalten eine entgegengesetzte Wirkung, sobald die Temperatur sinkt und die Dämmerung naht: Sie fangen dann Ozonmoleküle ein und machen sie wieder unschädlich.

In kleinen Städten wie Bad Tölz, Berchtesgaden oder Geesthacht sind zu dieser Tageszeit die stickoxidreichen Auto-Emissionen geringer als im Stadtgebiet etwa von Stuttgart oder Hannover.

Entsprechend länger dauert es draußen in der Provinz, bis ein Teil des reizenden Ozongases abgebaut und die Luft allmählich wieder rein wird.

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