Klimakrise im hohen Norden Skandinavien leidet unter Hitzeglocke

Nordamerika muss mit Rekordtemperaturen von fast 50 Grad klarkommen, und nun erreicht die Hitzewelle auch Skandinavien. Finnland meldet die höchsten Werte seit Beginn der Aufzeichnungen – vor fast 180 Jahren.
Seenlandschaft in Finnland: Heißester Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1844

Seenlandschaft in Finnland: Heißester Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1844

Foto: Gazeau J / Andia / imago images

Bis zu 33,5 Grad Celsius zeigen die Thermometer gerade in Kevo im äußersten Norden von Finnland an. Das sei die höchste dort gemessene Temperatur seit dem Jahr 1914, teilten die Wetterbehörden mit. Die Rekordwerte in diesen Tagen passen in ein Muster. Der gesamte Juni sei so heiß gewesen wie kein anderer Monat seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen. Das war 1844, also vor 177 Jahren.

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Skandinavien schwitzt. In Schweden, aus deutscher Sicht gesehen gleich um die Ecke von Finnland, purzeln beinahe täglich Temperaturrekorde. Gleich drei Hitzerekorde in Folge schafften es im Juni in die Schlagzeilen. Und nebenan, in Norwegen, warnt das Meteorologische Institut vor Rekordtemperaturen nahe dem Polarkreis.

Um die 34 Grad seien in Saltdal im höchsten Norden gemessen worden, ein Jahresrekord. Im sonst eher kühlen Norwegen ist außerdem von »tropischen Nächten« die Rede. In mehreren Städten fielen die Temperaturen nachts jüngst nicht mehr unter 20 Grad. Der landesweite historische Hitze-Höchstwert lag in Norwegen zuletzt bei 35,6 Grad. Gefühlt macht das gerade keinen großen Unterschied.

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Die Extremlage in Skandinavien geht Hand in Hand mit der Situation in Nordamerika. Erst vergangene Woche meldeten Meteorologen aus Kanada neue Hitzerekorde mit Temperaturen von mehr als 45 Grad im Schatten. In Lytton in der Provinz British Columbia sei mit 46,1 Grad die höchste jemals in Kanada verzeichnete Temperatur gemessen worden, teilte das Umweltministerium des Landes mit. Der letzte Hitzerekord stammte aus dem Jahr 1937 und lag bei 45 Grad.

Auch im Nordwesten der USA gab es Hitzewarnungen, etwa in den Bundesstaaten Washington und Oregon. In Spokane (Washington) stieg das Thermometer auf 38 Grad, ein dort nie zuvor gemessener Wert. In mehreren Bundesstaaten brennen bereits Wälder.

Die Wetterkapriolen in Europa und Nordamerika weisen Parallelen auf. Generell gehen Klimaexperten davon aus, dass es wegen der Erderwärmung vermehrt zu Hitzewellen und Dürren kommt und bislang als extrem angesehene Temperaturen häufiger erreicht werden. Schon 2018 wiesen Wissenschaftler in einer Studie  der Universität Oxford nach, dass Hitzewellen in Europa wegen des Klimawandels wahrscheinlicher werden.

Damals fielen Trockenheit in Amerika und Teilen Europas zusammen mit sintflutartigen Regenfällen im Westen von Asien. Der Sommer war in dem Jahr auf der Nordhalbkugel von Extremwetterereignissen geprägt. Der Jetstream strömte stellenweise kaum noch, ähnliche Phänomene wurde auch zuvor schon registriert. Die Untersuchung zeige, dass Orte und Zeitpunkt der Wetterextreme nicht zufällig waren, sagte damals Studienautor Kai Kornhuber von der Uni Oxford und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

»Fingerabdrücke des Klimawandels«

Die derzeitige Hitzewelle in Nordamerika führten Wetterexperten auf ein Hochdruckgebiet zurück, das sich über dem Nordwesten des Kontinents ausbreitete und dann einen Hitzestau verursachte. Wärmekuppel oder Heat Dome wird das genannt. In Skandinavien sei es gerade ähnlich, erklärt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD): »Heiße Luft aus dem Süden kommt nach Norden, was die aktuellen Hitzerekorde verursacht.«

Temperaturen von teils weit über 30 Grad seien dort in einigen Regionen am Dienstag und Mittwoch zu erwarten. Während sich die Hitze über Kanadas großer Landmasse aber staute, sorge das Meer rund um die skandinavische Küste für mehr Bewegung der Luft und schnellere Wetterwechsel. »Ab Donnerstag sind sinkende Temperaturen für Skandinavien vorausgesagt«, so Friedrich.

In Kanada hatte die Hitzewelle dagegen dramatische Folgen. Mehr als 230 Menschen starben allein an der Westküste an nur einem Wochenende, das seien etwa hundert mehr als im Durchschnitt. Bei vielen der Fälle wird vermutet, dass die Hitze zu ihrem Tod beigetragen hat. Allein in Vancouver starben demnach 69 Menschen, darunter ältere Menschen mit Vorerkrankungen.

Auslöser für das Extremwetter war ein Hitzestau über der Region. Wie eine Glocke legte sich die Wärme über das Land und verschwand tagelang nicht. Das Hochdrucksystem wurde dabei vom Jetstream beeinflusst. Diese bis zu mehrere hundert Kilometer pro Stunde schnellen Höhenwinde, die sich einmal um die Erde spannen, haben einen bedeutenden Anteil am Wetter.

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»Ab sechs oder sieben Wellen im globalen Jetstream und sehr starken Ausbuchtungen kann es zu einem stationären Stillstand kommen«, sagt Florian Imbery, Experte für Klimaüberwachung beim DWD. Derzeit liege über der pazifischen Westküste durch den Polarjetstream ein sogenannter Omega-Block. Er heißt so, weil das Windband den griechischen Buchstaben Ω nachzeichnet.

Während sich vereinzelte Wetterphänomene kaum dem Klimawandel zuschreiben lassen, sind sich Wissenschaftler aktuell recht einig, dass die sich gerade weltweit bildenden Hitzeglocken mehr als ein zeitlicher Zufall sind. »Wir sehen die Fingerabdrücke des Klimawandels«, sagte etwa Michael Palecki von der US-Klimabehörde NOAA.

fww/joe
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