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MOBILFUNK Restrisiko Hirnriss

Hysterische Republik: Eine neue Studie zur Krebsgefahr durch Handy-Strahlung gibt wieder einmal Entwarnung - doch eine große deutsche Tageszeitung meldet das Gegenteil.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Vorsicht mit elektrischen Zahnbürsten - jahrzehntelanger Gebrauch kann zu feinsten Haarrissen im Schädel führen, durch die das Hirnwasser heraussickert. Wäre das mal eine tolle Nachricht?

Es geht noch besser: »Handys können Krebs auslösen«. So stand es am vergangenen Mittwoch groß auf der Seite eins der »Süddeutschen Zeitung«. Eine Studie aus Skandinavien, hieß es da, habe erstmals eine alte Befürchtung bestätigt. Nach jahrelangem Telefonieren steige »womöglich« das Risiko für einen gewissen Hirntumor, genannt Gliom.

Die Wahrheit ist: Das stimmt so wenig, wie Zahnbürsten »womöglich« auf Dauer die Hirnschale zerrütten. Aber weil von Handys die Rede ist, klingt es ungleich einleuchtender. Und der Leser muss denken: Endlich ist es heraus.

Dumm nur, dass die Forscher nicht mitspielen. »Es gibt kein erhöhtes Risiko«, sagt Anssi Auvinen von der finnischen Strahlenschutzbehörde, ein Mitautor der Studie. »Auch bei Menschen, die seit mehr als zehn Jahren mobil telefonieren, fanden wir generell keine übermäßige Anfälligkeit für Gliome.«

Was ist aber dann in die »Süddeutsche« gefahren?

Für die Studie wurden 1521 Tumorpatienten in fünf Ländern rückblickend nach ihrem Umgang mit dem Mobiltelefon befragt; zum Vergleich außerdem 3301 gesunde Probanden. Die Forscher wühlten sich monatelang kreuz und quer durch die Daten. Einen Zusammenhang zwischen Handy und Krankheit konnten sie nicht entdecken. Nur eines fiel auf: Gezählte 77 Krebskranke gaben an, sie hätten Handys schon vor mehr als zehn Jahren gewöhnlich an der Seite des Kopfs benutzt, an der später auch der Tumor herangewachsen war. Bei dieser kleinen Untergruppe schien das Risiko um 30 Prozent erhöht zu sein.

Wie aber ist es möglich, dass die Tumorgefahr für eine Untergruppe steigt, nicht jedoch für die Gesamtheit? Es gibt eine naheliegende Erklärung: Der Krebs trübt einfach die Erinnerung. Die Forscher selbst halten das für gut möglich. Todkranke können, nachträglich befragt, leicht dem Glauben verfallen, sie hätten auf der befallenen Kopfseite auch besonders viel telefoniert.

Die deutsche »Interphone«-Studie fand vor einem Jahr ein ähnliches Muster, sogar stärker ausgeprägt. Weil die Forscher aber ihren Daten nicht recht trauten, machten sie die Gegenprobe: Falls der Tumor tatsächlich eine Vorliebe für das jeweilige Telefonohr zeigt, sollte die Ohrengegend bei Langzeittelefonierern auch insgesamt, links wie rechts, stärker befallen sein. Das Ergebnis: »Kein Befund«, sagt der Mainzer Epidemiologe Joachim Schüz, Hauptautor der Studie. Die Tumoren treten ebenso häufig in der Mitte, vorn oder im Hinterkopf auf, wo kaum jemand sein Telefon hinhält. Woher dann die widersprüchlichen Angaben? Vielleicht ein Gedächtnisproblem, meint auch Schüz: »Aber ein bisschen stutzig macht uns das schon. Man sollte der Sache nachgehen.«

Von einem generell erhöhten Risiko kann jedenfalls keine Rede sein. »Unsere Studien haben das Gegenteil gezeigt«, sagt die dänische Epidemiologin Helle Christensen, die an der jüngsten Studie beteiligt war. »Mit solchen Aussagen verbreitet man nur unnötig Angst.«

Dass die »Süddeutsche« gleichwohl, wie hypnotisiert, ihre Knüllergeschichte gegen alle Fakten drehte, ist nur als Kurzschluss verständlich. Wohin so etwas führt, registrierte tags darauf mit gewohnter Präzision die »Bild«-Zeitung. Schlagzeile balkendick: »Krebs-Angst!«

Die Entladung war einfach mal fällig. Für die Medien ist es schier nicht mehr auszuhalten mit dieser Handy-Strahlung. All die Jahre gab es immer nur einen falschen Alarm nach dem anderen abzublasen: doch kein Tumor, nicht einmal Ohrenkrebs, Erbgutschäden auch nicht. Nur eine Gruppe um den schwedischen Mediziner Lennart Hardell, von der »Süddeutschen« als Belastungszeuge aufgerufen, meldet standhaft hin und wieder ein erhöhtes Krebsrisiko. Allerdings nennt selbst Kollege Anssi Auvinen die Befunde aus Schweden vornehm »etwas zweifelhaft«; es sei nicht nachvollziehbar, sagt der Finne, wie Hardells Leute als Einzige zu solchen Ergebnissen kommen.

Mehrere tausend Studien wurden weltweit bereits durchgeführt. Haltbare Belege für irgendwelche Gefahren hat bislang keine erbracht. Zuletzt wurden 420 000 Dänen untersucht, die bis zu 21 Jahre lang Umgang mit Mobiltelefonen hatten. Das Resultat, im vergangenen Dezember gemeldet: kein Risiko feststellbar.

Ein Rest von Unsicherheit muss freilich immer bleiben, auch wenn er stetig schrumpft. Kaum eine Studie, die versäumt hinzuzufügen, weitere Studien seien erforderlich. Eine kleine Wissenschaftsindustrie ernährt sich mittlerweile von der unaustilgbaren

Furchtsamkeit, die sie selbst wiederum wachhält.

Immer mehr spricht jedoch dafür, dass die Wahrheit denkbar unergiebig ist: Mobiltelefone senden schwache Funkwellen aus, die schneller schwingen als die des Radios und langsamer als das Licht (siehe Grafik). Treffen diese Wellen auf organisches Gewebe, regen sie darin die Wassermoleküle zum Mitschwingen an. Das erhöht ein wenig die Temperatur; direkt am Ohr kann sie um ein Zehntelgrad steigen.

Wie daraus Krebs entstehen sollte, vermag niemand zu erklären. Doch sagt die Wissenschaft niemals nie. Wer könnte ausschließen, dass vielleicht doch nach Jahrzehnten irgendein Risiko ein wenig steigt? In Jahrzehnten wird man es wissen.

Bis dahin steht das Mobiltelefon unter Vorausverdacht wie noch keine Technik zuvor. 27 Prozent der Deutschen sind »besorgt« wegen der elektromagnetischen Felder, die der Mobilfunk erzeugt. Das ergab eine Umfrage des Bundesamts für Strahlenschutz im Sommer vergangenen Jahres. Neun Prozent fühlen sich bereits gesundheitlich »beeinträchtigt«.

Besonders zu leiden haben die »Elektrosensiblen«, die über eine rätselhafte Empfänglichkeit für Felder, Strahlen oder Schwingungen aller Art klagen. Findige Kleinunternehmer stehen ihnen zur Seite mit abschirmenden Metalltapeten, strahlentötender Gesichtscreme und Matratzen, die mit »Magnetfelderplatten« bewehrt sind.

Die Angst vor der unsichtbaren Subversion wird davon nicht geringer. Die Umfragewerte sind seit Jahren stabil. Die Medien legen ja auch immer wieder hoffnungsfroh nach: Zerkochen die Handys nicht doch, sofern am Hosenbund getragen, den Männern die Spermien? Machen sie nicht doch irgendwie die Blut-Hirn-Schranke durchlässig und damit vielleicht gar »Löcher« ("Berliner Kurier") in die Denkorgane?

Ähnlich, wenn auch minder heftig, erregte die Menschheit sich einst über die ersten Eisenbahnen (Geschwindigkeitstrauma! Rüttelgefahr!) und das Wunder des Fernsehens (Brutzelstrahlen aus der Bildröhre!). Die Ankunft der elektrischen Zahnbürsten hingegen quittierten selbst Technikskeptiker eher gleichmütig, die Glühbirnenstrahlung wird seit je toleriert, und auch die Waschmaschinen hat noch niemand verdächtigt, ihre niederfrequenten Vibrationen beim Schleuderprogramm könnten »womöglich« das Blut aufschäumen.

In Grundverruf geraten immer nur bestimmte Gerätschaften: solche, die allseits als mächtig und hinreißend erlebt werden. Für das Handy gilt das in höchstem Maß. Es macht Erwachsene in aller Öffentlichkeit zu selbstvergessenen Rüpeln und die Jugend vollends närrisch. Es durchdringt alle Bereiche der Gesellschaft, und die Leute haben auch noch Spaß daran. Kein Zufall, dass das Publikum in der allgegenwärtigen Strahlung etwas Dämonisches zu erkennen glaubt - und schwere Krankheiten als Strafe für die kollektive Ausschweifung halb fürchtet und halb herbeiwünscht.

Die Historie zeigt, dass die Erregung eine Weile nach Einführung der neuesten Zaubertechnik abklingt. Beim Fernsehen scheint alles ausgestanden; die Leute hocken heute dicht vor Monitoren aller Art, und sie spazieren gleichmütig an Funktürmen vorbei, die mit fünf Millionen Watt senden - während sich gegen die Sendemasten des Mobilfunks, die auf einer benachbarten Wellenlänge kaum 60 Watt erreichen, noch eine Bürgerinitiative nach der anderen erhebt.

Früher oder später wird wohl auch das Handy-Trauma bewältigt sein. Wenn es nach der »Süddeutschen« geht, eher später. Der Autor Christopher Schrader würde, sagt er, seine Geschichte »jederzeit wieder genauso schreiben«.

MANFRED DWORSCHAK

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