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Medizin Rettende Pumpe

Eine vorübergehende Kunstherz-Behandlung könnte viele Transplantationen überflüssig machen.
aus DER SPIEGEL 19/1995

Wenige Tage nur trennten Matthias Linzmeier, 38, vom Tod, als die Berliner Herzchirurgen ihm ein Kunstherz unter die Bauchdecke montierten. Der Herzmuskel des siechen Patienten war krankhaft überdehnt und arbeitete nur noch schwach. Die Diagnose der Herzspezialisten: Idiopathische dilatative Kardiomyopathie (DCM), eine chronische Herzmuskelschwäche im Endstadium. Die mechanische Pumphilfe sollte Linzmeier helfen, die Wartezeit bis zur geplanten Herzverpflanzung zu überleben.

Konsterniert stellten die Berliner Herzchirurgen fest, daß der Patient in den folgenden Wochen ohne ihr weiteres Zutun gesundete; 160 Tage später konnte das Kunstherz entfernt werden. Linzmeiers Herz habe inzwischen wieder »eine Auswurfleistung im Normalbereich«, schwärmt Herzchirurg Roland Hetzer; erstmals, so der Leiter des Berliner Herzzentrums, sei ein Patient mit dilatativer Kardiomyopathie allein durch die Entlastung mit einem Kunstherzen geheilt worden.

Den unerwarteten Heilerfolg werten die Berliner Herzchirurgen als sensationell. »Wir waren echt von den Socken«, bekennt der Kunstherz-Experte Johannes Müller; das DCM-Leiden galt den Kardiologen bislang als kaum heilbar. »Der Zustand der Patienten«, erklärt Hetzer, werde normalerweise »unterschiedlich schnell immer schlechter - egal, was man tut, eine Heilung gibt es eigentlich nie«.

Für DCM-Patienten, konstatieren auch die US-Kardiologen Joshua Wynne und Eugene Braunwald, sei »der plötzliche Herztod eine ständige Bedrohung«; schon zwei Jahre nach Auftreten der Krankheitssymptome, rechnen sie vor, seien die meisten der Patienten bereits verstorben.

Im Endstadium der Erkrankung bleibt den DCM-Patienten nur die Hoffnung auf ein geeignetes Spenderherz; jeder zweite deutsche Transplantationskandidat leidet an der weitgehend rätselhaften Herzschwäche.

Dilatative Kardiomyopathie, meinen die US-Experten Wynne und Braunwald, sei vermutlich das Endresultat einer vorherigen Herzmuskelschädigung durch Stoffwechselstörungen, Vergiftungen oder Infektionen. »Per definitionem«, doziert Herzexperte Heinz-Peter Schultheiss, sei das Leiden eine »Herzmuskelerkrankung unklarer Genese«.

In Wirklichkeit, glaubt Schultheiss, litten 40 bis 50 Prozent der schwerkranken Patienten, »die klinisch wie eine dilatative Kardiomyopathie imponieren«, an einer chronischen Herzmuskelentzündung. Ausgelöst wird sie durch einen Virus-Infekt, meist durch sogenannte Coxsackie-Viren, die sich im Herzmuskelgewebe einnisten.

Häufig, behauptet Schultheiss, münde eine so hervorgerufene Myokarditis erst später in das DCM-Leiden. Gerade diese Patientengruppe könnte nach seiner Überzeugung künftig von dem neuen Behandlungsverfahren der Berliner Herzspezialisten profitieren - vielen von ihnen wird womöglich eine Herztransplantation erspart bleiben.

Knapp 500 Spenderherzen wurden todkranken Herzpatienten im letzten Jahr in Deutschland eingepflanzt, über 600 Anwärter stehen derzeit auf der Warteliste der Operateure. Allen Fortschritten der Chirurgenkunst zum Trotz bleibt die Prozedur für die Herzkranken außerordentlich belastend; auch nach geglückter Transplantation sind die Patienten lebenslang auf das Medikament Cyclosporin angewiesen, das die Abstoßung des fremden Organs verhindern soll. Operation und Folgetherapie schlagen allein im ersten Jahr mit rund 200 000 Mark zu Buche.

Durch das neue Verfahren der Berliner Herzspezialisten könnten in Deutschland jährlich bis zu 300 Herztransplantationen vermieden werden, glauben hoffnungsvolle Fachleute; uneins sind sich die Experten allerdings in der Frage, wie geeignete Kandidaten zu ermitteln sind, die nach der Langzeitentlastung ihres kranken Herzens durch die mechanische Pumphilfe gesunden können.

Hetzers Medizinertruppe am Berliner Herzzentrum hält ein bestimmtes, selbstzerstörerisches Immuneiweiß im Blut der Patienten für ein sicheres Indiz. Rund 80 Prozent ihrer DCM-Patienten, konstatiert Transplantationsexperte Müller, bildeten verräterische Autoantikörper gegen Antennenmoleküle auf den Herzmuskelzellen, die betaadrenergen Rezeptoren. Diese Immunmoleküle seien bei Linzmeier und zwei weiteren DCM-Kranken während der Unterstützungstherapie durch das Kunstherz allmählich verschwunden.

Die Immunmoleküle der DCM-Kranken, glaubt der Antikörper-Experte Gerd Wallukat vom Berliner Max-Delbrück-Centrum, wirkten auf das Herz wie das Streß-Hormon Adrenalin - das gehetzte Herz der Patienten arbeitet bis zur Erschöpfung.

Noch, so monieren kritische Fachleute, stehe die Theorie der Berliner Kardiologen auf tönernen Füßen. Beweise für eine Beteiligung der Autoantikörper gegen die Herzmoleküle an der Entstehung des DCM-Leidens, räumt auch Wallukat ein, stünden noch aus. Niemand, klagt Kardiologe Schultheiss, habe bislang im Tierversuch mit dem Antikörper die Erkrankung hervorrufen können.

Dennoch, hofft Schultheiss, werde man durch molekularbiologische Gewebsuntersuchungen der DCM-Patienten geeignete Kandidaten für die Unterstützungstherapie mit dem mechanischen Herzen am Berliner Herzzentrum herausfiltern können.

»Wenn wir sorgfältige Vorsorgediagnostik mit den Patienten machen«, meint er, »ist das richtig pfiffig.« Y

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