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MEDIZIN Rettende Zellen

Durch die Übertragung von Knochenmark könnten Leukämiekranke gerettet werden. Doch für die Kosten eines Spenderpools will niemand aufkommen. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Das Todesurteil hatten die Ärzte dem 21jährigen aus heiterem Himmel präsentiert. Eine chronisch-myeloische Leukämie, so eröffneten sie ihm, lasse ihm nur noch fünf Jahre Zeit. Hoffnung machten sie ihm nur in einem Fall: wenn ihm Knochenmark von einem passenden Spender übertragen werde.

Den fanden die Ärzte weder in der Familie des Kranken noch unter seinen Verwandten. Und einen gewebeverträglichen Fremdspender ausfindig zu machen ähnelt der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen: Einen ausreichend großen Pool mit den Gewebedaten von Tausenden von Spendern gibt es in Westdeutschland nicht. »Ohnmacht« und »Hilflosigkeit« machen dem Kranken, Vater eines einjährigen Sohnes, deshalb häufig zu schaffen.

Bei etwa 1300 Westdeutschen werden jährlich, nach Zahlen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmarktransplantation, Leukämien diagnostiziert. 740 von ihnen, darunter 160 Kinder, könnten den Blutkrebs nur überleben, wenn ihnen gesundes Knochenmark verpflanzt würde. Doch nur für jeden dritten von ihnen werden die Mediziner fündig: bei eineiigen Zwillingen, deren Gewebemerkmale mit denen des Kranken genetisch identisch sind, oder bei gewebeverträglichen Geschwistern.

Etwa 500 Patienten jährlich, so die Schätzung des Ulmer Transplantationsimmunologen Shraga F. Goldmann, bleibt nur die Hoffnung auf einen gewebeverträglichen Fremdspender. Aber nur für rund vier bis sechs Prozent der Hilfesuchenden lassen sich, wie Untersuchungen in Ulm und New York ergaben, derzeit in verstreuten Dateien die passenden Spender ausfindig machen. Doch meist kommt auch diese Hilfe zu spät: Wenn die zeitaufwendige Suche zum Erfolg geführt hat, ist der Empfänger nicht mehr transplantationsfähig.

Um auch Patienten helfen zu können, bei denen die Suche nach dem geeigneten Mark im Familien- oder Verwandtenkreis erfolglos bleibt, müßten Dateien mit typisierten Fremdspendern eingerichtet werden. An der Bereitschaft zur freiwilligen Knochenmarkspende würde es unter den Westdeutschen nicht fehlen. Auf rund 150000 schätzten Experten letztes Jahr die Zahl derjenigen, die sich registrieren lassen würden.

Das Risiko für die anonymen Helfer wäre gering: Würden sie vom Computer als idealer Spender erkannt, würde ihnen etwa ein Zehntel des lebenswichtigen

Marks unter Vollnarkose aus den Hohlräumen von Becken- oder Hüftknochen abgesaugt. Der gesunde Organismus hätte den Verlust nach wenigen Wochen wieder ausgeglichen.

Seit zwei Jahren wagen es die Mediziner, die lebensrettenden Zellen von Fremdspendern zu übertragen. Weil Register fehlen, ist die Therapie weltweit erst bei etwa 100 Patienten erprobt worden, an westdeutschen Transplantationszentren nicht öfter als fünfmal.

Die Ergebnisse der »experimentellen Therapie« (Goldmann) lassen zumindest hoffen. So genas, den Zahlen von fünf großen internationalen Transplantationszentren zufolge, jeder zweite Patient dank des fremden Marks von einer sonst tödlich verlaufenden Lähmung des Knochenmarks (Panmyelopathie). In jedem vierten Fall verhalf ein Spender Leukämiekranken zur Gesundheit. Die Erfolgsrate bei den verschiedenen Formen des Blutleidens, so Goldmann zuversichtlich, werden sich »irgendwo bei 35 Prozent einpendeln«.

Mit einer bislang einzigartigen Aktion trommelten Privatinitiatoren im letzten Herbst in Großbritannien für den Aufbau eines Spenderpools. An Kaufhaustischen und auf Informationsveranstaltungen im ganzen Land ließen sich 300000 Briten als Knochenmarkspender registrieren. Binnen sechs Wochen waren 100000 von ihnen von Spezialisten, darunter 14 MTAs aus der Bundesrepublik, typisiert und im Computer der Londoner Zentraldatei erfaßt. Nirgendwo sonst auf der Welt können Mediziner aus einem ähnlich großen Register schöpfen.

60000 Spender, errechnete Mediziner Goldmann, müßten auch in einem bundesdeutschen Pool gespeichert sein, um wenigstens für jeden dritten Patienten das passende Transplantat zu finden. Internationaler Austausch zwischen den Spenderdateien gäbe auch dem Rest der Kranken eine Chance: Unter 160000 Spendern fände sich für jeden zweiten das geeignete Mark, drei Millionen Typisierte müßten es sein, um in neun von zehn Fällen transplantieren zu können.

Doch alle Hilfe scheint am Geld zu scheitern. Eine einzige Gewebetypisierung kostet, inklusive Datenverwaltung, rund 1000 Mark. Auf 60 Millionen Mark beziffern Transplantationsexperten deshalb die Kosten für einen bundesdeutschen Pool. 7,5 Millionen Mark jährlich, so rechnen sie, müßten aufgebracht werden, um nach acht Jahren über den kompletten Pool zu verfügen - 15000 Mark für jeden einzelnen der 500 Leukämiekranken, denen nur mit einer Fremdübertragung geholfen werden könnte. Neun Millionen Mark müßten danach pro Jahr bezahlt werden, um die Größe des Pools zu halten.

»Von den Kassen«, erklärt Transfusionsmediziner Goldmann, »können wir nichts abfordern.« Anders als bei Organ- oder Blutspenden, wo die Mediziner so gut wie alles an den Patienten bringen (und hinterher mit den Kassen abrechnen können), würde das Mark nur von einem Teil der Spender tatsächlich entnommen; die Typisierung aber müßte für alle bezahlt werden- Vorhaltekosten, die die Kassen nicht übernehmen.

Der Aufbau eines westdeutschen Spenderpools sei »dringend erforderlich«, befand Mitte letzten Jahres Professor C. G. Schmidt, Onkologe an der Uniklinik Essen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren. Die potentiellen Geldgeber verschanzen sich, wie etwa das Bonner Sozialministerium, hinter der noch geringen Erfahrung der Transplanteure. Die Verpflanzung von Fremdmark, so auch ein Sprecher des baden-württembergischen Sozialministeriums, sei »technisch noch nicht gelöst«.

Der Gegenbeweis ist unter den derzeitigen Umständen nur schwer zu führen. Fremdes Knochenmark sei noch kaum übertragen worden, »weil es keine Spender gibt«, erklärte der Ulmer Transplantationsexperte Professor Bernhard Kubanek. Die Verpflanzung des fremden Blutstammes, weiß auch Mediziner Goldmann, sei bislang nur als »Ultima ratio« vorgenommen worden, der Patient habe sich dabei »nicht selten« schon in »desolatem Zustand« befunden. Doch auch so glückte die Therapie in jedem vierten Fall.

Auf eine möglicherweise aktuelle Indikation für den Austausch hatte letztes Jahr der Berliner Hämatologe Wolfgang Siegert hingewiesen: Wer in Kernkraftwerken arbeite, erklärte er, tue unter Umständen gut daran, sich gesundes Knochenmark entnehmen zu lassen. Bei einem Strahlenunfall könne er so sein eigener Lebensretter werden.

Unter Zeitnot gerieten letztes Jahr auch die US-Spezialisten Robert P. Gale und Richard Champlin. Alle Transplantationen, welche die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu Hilfe gerufenen Mediziner an Opfern durchgeführt hatten, schlugen fehl. Über die Hälfte der schwer Verstrahlten erlagen anderweitigen Verletzungen, noch ehe das Mark in ihren Knochen angewachsen war. Der Rest starb, weil die Infusion zu spät kam oder von unverträglichen Spendern stammte. _(In der Ulmer Blutspendezentrale, bei ) _(der Typisierung von Knochenmarksgewebe. )

In der Ulmer Blutspendezentrale, bei der Typisierung vonKnochenmarksgewebe.

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