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TV-INDUSTRIE Revolution im Wohnzimmer

In Amerika beginnt das Fernsehen der Zukunft: flimmerfreie Bilder, Sendungen in Heimkino-Qualität. Hat die europäische TV-Industrie das Nachsehen?
aus DER SPIEGEL 7/1998

Von Studiohektik ist bei der Fernsehstation WHD-TV am Rande der US-Hauptstadt Washington noch nichts zu spüren. Gemütlich trinkt der Chef des winzigen Senders morgens mit seiner Sekretärin einen Kaffee, schwatzt ein bißchen mit dem Techniker und betrachtet seelenruhig die Bilder der alten Dampflokomotiven, die an den Wänden seines Zimmers hängen.

Dann erst beschließt Bruce Miller, was heute aus dem Ein-Raum-Studio gesendet wird: ein Monate altes Baseballspiel, eine Dokumentation aus dem Wilden Westen und später das Hollywood-Melodram »Lawrence von Arabien«.

Das gleiche Programm wurde zwar schon etliche Male ausgestrahlt, aber das ist nicht so wichtig. Denn die Station hat genau zwei Zuschauer, und die muß Miller auch noch selbst bezahlen. Es sind Techniker, die in einem Meßwagen umherfahren, um Qualität und Reichweite des Sendesignals zu erkunden.

Was aussieht wie ein Physikexperiment an einer Fachhochschule, ist der Auftakt zum Fernsehen des 21. Jahrhunderts: Hier wird eine technische Revolution in Gang gesetzt, die einen neuen Milliardenmarkt öffnen soll.

Miller ist Chef des ersten digitalen TV-Senders, der sogenanntes High Definition Television (HDTV) ausstrahlte. Sein Experimentierlabor in Washington nutzt die Digitaltechnik, um Fernsehbilder in nie gekannter Brillanz zu verbreiten - störungsfrei, mit superscharfen Konturen, satten Farben und im Breitwandformat eines Großkinos.

Das US-System unterscheidet sich grundsätzlich von der deutschen Technik: Zuschauer hierzulande können digitale Signale nicht über Antenne empfangen, wie es in den USA vorgesehen ist, sondern nur über Kabel oder Satellit. Der Medienkonzern Bertelsmann, Filmhändler Leo Kirch und der Kabelnetzbetreiber Deutsche Telekom nutzen die Digitaltechnik lediglich, um Pay-TV einzuführen, nicht aber um die Bildqualität zu verbessern. Flächendeckendes HDTV ist für die deutschen Zuschauer auf absehbare Zeit nicht geplant - sie müssen sich auch beim Digitalfernsehen weiter mit dem leichten Flimmern der Bilder und einem undefinierbaren Hintergrundrauschen begnügen.

Während das deutsche Pal-System eine Auflösung von 625 Bildschirmzeilen hat, besteht ein HDTV-Bild aus mindestens 1080 Zeilen. Auch der Ton hat kristallklare CD-Qualität.

Bisher lagen die Europäer in der Fernsehtechnik vorn, der Pal-Standard war dem verschwommenen Bild des amerikanischen TV-Standards NTSC überlegen - die unmittelbar bevorstehende Digitalrevolution könnte nun die Verhältnisse umkehren. Das »aufregendste Ereignis in der Geschichte des Fernsehens«, wie Amerikas Bildschirmfunktionäre die Einführung von HDTV nennen, soll den USA das hochwertigste und flexibelste TV-System der Welt bescheren.

Um den Umschwung voranzutreiben, gewährte die US-Regierung den TV-Sendern kostenlos eine zusätzliche Sendefrequenz. Einzige Bedingung: Die Veranstalter müssen schon im nächsten Jahr ein über Antenne empfangbares Digitalprogramm ausstrahlen. Im Jahr 2006 sollen dann alle Analogsender abgeschaltet werden. Einziger Nachteil: Außer Millers Technikern hat bisher kein Zuschauer ein Gerät, mit dem die Superbilder zu empfangen wären.

Lange Zeit waren sich Skeptiker diesseits und jenseits des Atlantiks sicher, daß die Amerikaner mal wieder den Mund zu voll genommen hätten. Doch in den vergangenen Monaten hat sich die Entwicklung des Zukunfts-TV in den USA enorm beschleunigt. Was sich zunächst anhörte wie ein Märchen, wird schon in diesem Jahr Realität. Im Herbst werden 26 TV-Stationen in den zehn größten Städten des Landes HDTV ausstrahlen.

Konzerne wie Sony, Matsushita, Philips und Sharp stellten jetzt auf einer Heimelektronik-Show in der Spielermetropole Las Vegas den Amerikanern erstmals die Fernseher der neuen Generation vor: Superflache Plasma-Monitore oder gigantische Bildschirmmonster mit fast zwei Meter Breite sollen Käufer locken, weil sie die Vorteile der neuen Technik am deutlichsten sichtbar machen.

Auf den neuen TV-Geräten erscheinen Gesichter fast als dreidimensionale Landschaften, gewinnen Naturbilder nahezu unbegrenzte Tiefe, geraten Großstadtszenen zum glitzernden Abenteuer. Fraglich ist lediglich, wie schnell sich der Normalamerikaner von der digitalen Revolution mitreißen läßt.

Denn die Preise der neuen Geräte sind ebenso gigantisch wie ihre Größenformate: zwischen 6000 und 10 000 Dollar. Den Einstieg erleichtern sollen Konverter-Boxen - mehrere hundert Dollar teuer. Sie machen herkömmliche Fernseher digital-empfangstauglich, allerdings ohne den Bildern High-Definition-Brillanz zu verleihen.

Kaum jemand rechnet deshalb damit, daß im Herbst, wenn die Geräte in die Geschäfte kommen, ein Kaufrausch einsetzt. Gerade mal eine Million HDTV-Sets hoffen die Produzenten bis zum Jahr 2000 absetzen zu können - ein Bruchteil der rund 98 Millionen US-TV-Haushalte.

Zudem werden die Broadcaster zunächst mit Schmalspur-Digital-TV beginnen. Nach einer Umfrage wollen nur 20 Prozent der Stationen auf dem neuen Kanal durchgehend in High Definition senden. Zwei Drittel wollen zumindest in der abendlichen Prime-Time die superklaren Bilder ausstrahlen - allerdings überwiegend das gleiche Programm wie auf dem Analog-Kanal. Die übrige Zeit werden viele Stationen mit einem Analog-Programm bestreiten, das mit einem speziellen Konverter ins digitale Format übersetzt wird - ein Mogel-Digital-TV, das keine High-Definition-Qualität erreicht.

Erleichtert wird den Sendern der Einstieg, weil Hollywood-Streifen und - anders als in Europa - auch Shows auf 35-Millimeter-Film aufgezeichnet werden. Damit besitzen schon etwa 80 Prozent des Abendprogramms automatisch High-Definition-Qualität. Teuer wird es erst, wenn quotenträchtige Sportsendungen und Live-News auf HDTV umgestellt werden. Dann werden Investitionen in neue Übertragungstechnik nötig. Rund 15 Millionen Dollar kostet die Umrüstung pro TV-Station.

Auch die Studios müssen neu eingerichtet werden, weil die superscharfen Bilder jeden Makel verraten. Schon im vergangenen Jahr ersetzten die Macher der Talkshow »Meet the Press« die beliebten Holzimitationen durch Holz, Metallimitationen durch Messing.

Das Zukunftsfernsehen hat nicht nur die Broadcaster, sondern die gesamte US-Unterhaltungsindustrie in Aufregung versetzt. Obwohl HDTV von den Fernsehsendern vorerst fast nur terrestrisch verbreitet wird, sehen auch Kabelbetreiber, Computerkonzerne, Chiphersteller und Softwaremultis durch die Digitaltechnik gigantische Gewinnchancen. Auf dem US-Medienmarkt ist ein milliardenschweres Geschiebe in Gang gekommen, das eine völlig neue Medienform hervorbringen könnte.

Schon in diesem Jahr wollen Kabelbetreiber massiv ins Digitalfernsehen einsteigen, allerdings überwiegend nicht mit HDTV. Der japanische Elektronikmulti Sony kaufte sich Anfang Januar bei der US-Firma Nextlevel Systems ein, die für amerikanische Kabelkonzerne in den nächsten Jahren bis zu 25 Millionen Digitalboxen fertigen wird - Aufträge von weit mehr als fünf Milliarden Dollar sind möglich.

Vergangenen Monat verkündete der Satelliten-Pay-TV-Anbieter DirecTV, daß er schon in diesem Jahr Filme in High-Definition-Qualität ausstrahlen werde - mit europäischer Sendetechnik. Über 50 neue Kabelkanäle sind in Planung. Hollywood produziert Fernsehfilme wie nie zuvor.

Computerhersteller wie Compaq und der Softwaregigant Microsoft drängen ebenfalls ins Fernsehgeschäft. Sie sehen in der neuen Digitaltechnik eine ideale Übertragungsmöglichkeit für Datenströme, die Computer und Fernseher miteinander verschmelzen könnte.

Microsoft-Gründer Bill Gates investierte schon über zwei Milliarden Dollar in Kabeltechnik und Internet-Fernsehen. Zudem liefert er sich ein erbittertes Gefecht mit seinem Konkurrenten Scott McNealy, dessen Firma Sun Microsystems die neue Programmiersprache Java erfunden hat. Beide wollen die neuen Digitalboxen, kleine computerähnliche Empfangsgeräte, mit Software bestücken.

Der Chiphersteller Intel arbeitet bereits an einer Schaltkreis-Technik, mit der die Boxen jede Art von Digitalsignal empfangen können und auf Fernseher wie auf PC-Schirme verteilen. Die kleinen Kästen können an jede Art von Kabelsystem angeschlossen werden und ermöglichen eine Unzahl von Serviceleistungen: Live-TV, eine Art Videoservice für den heimischen Fernseher, Electronic Banking und Einkaufen per Bildschirm, Internet-Zugang und E-Mail.

In nicht allzu ferner Zukunft, so hoffen die Computerstrategen, können Heimcomputer in wenigen Stunden das Filmprogramm eines ganzen Tages aus dem Elektroniknetz herunterladen und in Kombination mit dem Internet erstmals wirklich interaktives Fernsehen ermöglichen.

»Wie wird Fernsehen in 20 Jahren aussehen?« fragt Steve Perlman, Chef der Microsoft-Firma WebTV, und gibt gleich die Antwort: »Irgend etwas zwischen Computer und TV-Empfänger, zwischen Internet und Fernsehprogramm.«

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Wie die HDTV-Technik das Fernsehen verändert

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