Lothar Wieler zur Coronalage RKI-Chef warnt vor »sehr schlimmem Weihnachtsfest«

Der Chef des Robert Koch-Instituts sieht »düstere« Tage auf Deutschland zukommen, Hunderte Menschen würden sterben. In einer Videoschalte ließ er seinem Frust über die Politik freien Lauf.
Behandlung eines Coronapatienten auf der Intensivstation in Fürth: Laut RKI-Chef Wieler werden in den kommenden Wochen mindestens 400 Menschen an den Folgen ihrer Infektion sterben.

Behandlung eines Coronapatienten auf der Intensivstation in Fürth: Laut RKI-Chef Wieler werden in den kommenden Wochen mindestens 400 Menschen an den Folgen ihrer Infektion sterben.

Foto: Daniel Vogl / dpa

In einer Online-Diskussionsveranstaltung mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) hat der Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, von einer »ernsten Notlage« gesprochen, in der sich Deutschland befinde. Er forderte schnelle Maßnahmen von der Politik: »Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern«, sagte Wieler.

Vom bisherigen Tempo der Corona-Politik zeigte er sich enttäuscht: »Ich kann es nach 21 Monaten schlichtweg nicht mehr ertragen, dass es nicht vielleicht erkannt wird, was ich unter anderem sage, wie viele andere Kolleginnen und Kollegen.«

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Für die kommenden zehn Tage zeichnete Wieler eine »düstere« Prognose. Die Neuinfektionen stiegen in allen Regionen Deutschlands »steil nach oben«. Das Szenario sei seit Juli 2021 bekannt gewesen. Gegen die Empfehlungen des RKI seien viele Bereiche zu schnell geöffnet worden.

Wieler fordert Coronaimpfungen in Apotheken

Wieler forderte Kontaktbeschränkungen. Hotspots wie Klubs und Bars müssten aus seiner Sicht geschlossen bleiben. Zugleich plädierte Wieler für 2G-Regeln. »Wir dürfen denen, die sich nicht impfen lassen, wirklich nicht die Chance geben, die Impfung zu umgehen, zum Beispiel, indem sie sich freitesten lassen.«

Auch Apotheker sollen laut Wieler zum Impfen herangezogen werden. »Ich sag das jetzt mal ganz klar: Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht gestattet zu impfen. Wir sind in einer Notlage«, sagte Wieler. »Wir brauchen jede und jeden zum Impfen.« Es gebe viele Millionen Menschen, die geimpft werden müssten, auch mit Auffrischungsimpfungen. »Jeder Mann und Maus, der impfen kann, soll jetzt gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.«

Lothar Wieler in der Bundespressekonferenz (Archivbild): »Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler«

Lothar Wieler in der Bundespressekonferenz (Archivbild): »Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler«

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Derzeit nehmen die Infektionszahlen in Deutschland wöchentlich um fast 40 Prozent zu. Am Mittwoch lag die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen laut RKI bei 52.826. Wieler geht eigenen Angaben zufolge allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus. Er schätzte die Zahl in seinem Vortrag doppelt bis dreimal so hoch ein.

In den vergangenen Wochen seien 0,8 Prozent der Erkrankten gestorben, sagte Wieler. Das bedeute, dass von den mehr als 50.000 Menschen, die sich derzeit pro Tag infizieren, in den nächsten Wochen 400 sterben würden. In der Bundespressekonferenz habe er zuletzt noch zurückhaltend von 200 Toten pro Tag gesprochen, tatsächlich sei die Zahl aber viel höher. Am Tod dieser Menschen sei nichts mehr zu ändern, niemand können ihnen noch helfen, selbst mit bester medizinischer Versorgung nicht, sagte Wieler. »Das Kind ist in den Brunnen gefallen.«

»Sie sehen, die Prognosen sind super düster«

Auch die Lage in den Krankenhäusern wird laut Wieler immer schlimmer. Die Zahl der schwer kranken Coronapatienten steige, für Schlaganfall-Patienten und andere Schwerkranke müsse mancherorts bis zu zwei Stunden nach einem freien Intensivbett gesucht werden. »Die Versorgung ist bereits in allen Bundesländern nicht mehr der Regel entsprechend«, sagte der RKI-Chef. Und das werde noch zunehmen. »Sie sehen, die Prognosen sind super düster. Sie sind richtig düster«, sagte Wieler. »Es herrscht eine Notlage in unserem Land. Wer das nicht sieht, der macht einen sehr großen Fehler.«

Am Donnerstag beraten Bund und Länder über das weitere Vorgehen in der Coronapandemie. Schon zuvor haben mehrere Bundesländer ihre Schutzmaßnahmen verschärft. Baden-Württemberg führte Anfang November die sogenannte Corona-Warnstufe ein. Der Großteil der Bundesländer führte für mehrere Bereiche das 2G-Modell ein.

ime/aar/dpa
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