RKI-Präsident "Abstandhalten ist der neue Alltag"

Hohe Testkapazitäten, niedrige Infektionszahlen, keine Engpässe in Krankenhäusern: Das Robert Koch-Institut hat positive Corona-Nachrichten. Doch die neuen Verhaltensregeln müssen bleiben.
Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler

Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler

Foto: ANNEGRET HILSE/ REUTERS

Das Robert Koch-Institut (RKI) sieht derzeit keine Probleme bei der Versorgung von Corona-Patienten in Deutschland auf Intensivstationen. "Bei der derzeitigen Dynamik, muss man deutlich sagen, werden keine Engpässe prognostiziert", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Vorausgesetzt, die Zahl der Infektionen steige nicht wieder an. Entscheidend dafür sei, dass Abstandsregeln weiter eingehalten würden. "Abstandhalten ist der neue Alltag", sagte Wieler. "Das wird uns sicher noch einige Monate begleiten."

Das RKI beurteilt die Entwicklung der Zahl der Infektionen positiv. "Die Zahl der übermittelten Infektionsfälle sinkt weiter. Das ist eine sehr gute Nachricht", sagte Wieler. In den vergangenen Wochen seien noch täglich zwischen 700 und 1600 Fälle an das RKI gemeldet worden. Am Montag waren es 685. Die Reproduktionsrate wird auf 0,71 geschätzt - das heißt, dass im Schnitt nicht mehr jeder Corona-Patient das Virus an einen weiteren Menschen weitergibt und dass sich der Erreger langsamer ausbreitet. (Mehr zur Aussagekraft der Reproduktionsrate lesen Sie hier.)

Weitere Ergebnisse im Überblick:

  • Die Zahl der dokumentierten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus bleibt weiterhin hoch. Täglich werden bundesweit zwischen 40 und 200 solcher Todesfälle gemeldet. Die Schwankungen gehen vor allem auf Meldeverzögerungen an Wochenenden und Feiertagen zurück. Insgesamt wurden 6808 Fälle gemeldet.

  • Die Zahl der verfügbaren Labortests ist hoch. Laut dem RKI wurden bisher 2,4 Millionen Labortests auf das Coronavirus durchgeführt, etwa sieben Prozent davon fielen positiv aus. In der vergangenen Woche lag die Testkapazität bei etwa 142.000 pro Tag. Die Angaben basieren auf freiwilligen Meldungen aus mehr als 130 Laboren.

  • Mittlerweile melden alle Krankenhäuser ihre Intensivbetten-Kapazitäten an das zentrale Register Divi. Wieler sprach von einem großen Erfolg. Das Register sei weltweit fast ein Unikat.

  • Etwa jeder Fünfte, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde, musste im Krankenhaus behandelt werden. Zu den häufigsten Symptomen gehörten Husten (50 Prozent) und Fieber (41 Prozent). 16 Prozent der Patienten, für die Symptome gemeldet wurden, verloren zudem zeitweise ihren Geschmacks- und Geruchssinn.

  • Nach RKI-Schätzungen haben in Deutschland rund 135.100 Menschen die Infektion überstanden. Wie für andere Länder rechnen Experten aber auch in Deutschland mit einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle.

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Noch immer viele Unbekannte

In Bezug auf mögliche Lockerungen, über die Bund und Länder am Mittwoch beraten, sagte Wieler, die Entscheidungen müssten lokal getroffen werden. Entscheidend seien die Ansteckungsrate, die Zahl der nachgewiesenen Fälle, die Schwere der Krankheit und die Kapazitäten der Krankenhäuser in der jeweiligen Region.

Besonders hohe Infektionszahlen haben den Statistiken der Bundesländer zufolge Bayern mit mehr als 43.400 nachgewiesenen Fällen und mindestens 1950 Toten, Nordrhein-Westfalen mit mehr als 33.500 Fällen und mindestens 1290 Toten sowie Baden-Württemberg mit mehr als 32.400 bestätigten Fällen und mindestens 1453 Toten.

Berechnet auf 100.000 Einwohner verzeichnet Bayern mit einem Wert von fast 332 die meisten Infektionen. In Mecklenburg-Vorpommern sind es dagegen nur 44, der Bundesdurchschnitt liegt bei fast 200 nachgewiesenen Fällen pro 100.000 Einwohnern. Die Zahlen sind jedoch nur schwer vergleichbar, weil die Anzahl der erfolgten Tests pro 100.000 Einwohner in den Bundesländern unterschiedlich hoch ist.

Ein Drittel der neuen Corona-Fälle wird aus Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen gemeldet. Wo und wie sich die anderen Menschen angesteckt haben, ist noch unklar. Die Gesundheitsämter hätten im Moment nicht ausreichend Kapazitäten, um die Infektionswege zu dokumentieren und zu veröffentlichen, sagte Wieler.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Auch welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung der Infektion spielen, ist laut dem RKI-Präsidenten noch unklar. Sicher ist: Kinder können sich mit dem Virus infizieren, erkranken aber seltener schwer. Zudem scheiden sie den Erreger aus und können damit wahrscheinlich auch andere anstecken. Gleichzeitig gibt es laut RKI Hinweise, dass Kinder - anders als bei der Grippe - bei der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus keine sehr große Rolle spielen. Allerdings sei es gerade für Kinder schwierig, Abstandsregeln einzuhalten.

Die neuen Erkenntnisse zum Coronavirus steigen laut Wieler in einem rasanten Tempo. Die Einschätzungen seien jedoch Momentaufnahmen, betonte der RKI-Präsident. "Wir befinden uns noch immer in einem dynamischen Prozess."

koe/Reuters/dpa/AFP
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