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Gentechnik Rollgriff ins Erbgut

Erstmals wurde in Deutschland ein genmanipuliertes Säugetier patentiert - eine Maus.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Als Raffke muß sich Klaus Rajewsky von erbosten Widersachern beschimpfen lassen. Der Genetik-Professor, so tadeln Gentech-Gegner von der Münchner Initiative »Kein Patent auf Leben!«, habe seine »mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschung in privates Eigentum« verwandelt.

Anlaß zur Empörung der Lebensschutz-Initiative sind die Mäuse-Experimente des Kölner Genforschers: Als erster deutscher Wissenschaftler sicherte sich Rajewsky das Urheberrecht an einem genetisch veränderten Säugetier - in aller Stille, wie seine Kritiker mißtrauisch anmerken.

Schon am 13. Januar vergangenen Jahres hatte das Deutsche Patentamt in München Rajewskys genmanipulierte Mäuse unter Erfinderschutz gestellt. Das Patent (Registriernummer: DE 4228162), so rügen die Gentech-Gegner, sei erteilt worden, bevor ein öffentlich einsehbares Dokument über die Rajewsky-Maus vorgelegen habe. Die Frist für Einsprüche gegen das Patent sei deshalb ungenutzt verstrichen.

Doch von Heimlichkeit und Habgier will der Kölner Professor nichts wissen. Was seine Gegner an dem Patentverfahren so aufregt, ist ihm schleierhaft. »Wir wollen auf keinen Fall persönlichen Profit«, beteuert der Gelehrte.

Allen interessierten Kollegen, so Rajewsky, würden die Gentech-Mäuse zu Forschungszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Erst wenn Pharmafirmen die Nager kommerziell nutzen wollten, würden Lizenzgebühren fällig: »Dann fließen alle Gelder aber ausschließlich in die Forschung.« Außerdem sei das Mäusepatent inzwischen dem »Kölner Verein zur Förderung der Immunologie« übertragen worden, was private Bereicherung unmöglich mache.

Damit kann Rajewsky seine Widersacher nicht besänftigen, zumal der Kölner Verein nur vier Mitglieder hat: Rajewsky und drei Kollegen. Auch sonst bleiben das Quartett und seine Experimente den Kritikern verdächtig.

Das Rajewsky-Patent, klagen sie, beziehe sich zwar formal nur auf die Technik zur gentechnischen Veränderung der Mäuse. In Wahrheit jedoch stehe fortan jedes einzelne Tier samt allen seinen Nachkommen unter Patentschutz, dessen Erbgut mit Hilfe der Rajewsky-Methode manipuliert wurde.

Damit aber umgehe man das in Deutschland geltende Verbot, Lebewesen zu patentieren - ein nach Ansicht der Kritiker folgenschwerer Trick, weil das Rajewsky-Verfahren im Prinzip künftig auch bei anderen Säugetieren angewandt werden könne.

Bei Rajewskys Mäusen dient es lediglich dem Zweck, die Tiere zur Produktion von Antikörpern zu veranlassen, die den menschlichen Immunwaffen ähneln. Die dabei angewandte Technologie taugt einstweilen nur für die Manipulation von Mäusen. Mit einem eigens konstruierten Genvehikel hatten Rajewsky und seine Mitarbeiter Teile menschlicher Antikörpergene zunächst in frühembryonale Mäusezellen verschoben. Einen bestimmten Abschnitt des Mäuse-Antikörpergens in den Zellen ersetzten sie dabei durch das eingeschmuggelte menschliche Erbgut.

Werden diese manipulierten Zellen in frühe Mäuse-Embryonen eingespritzt, wachsen im Leib der Muttertiere genetische Mischwesen heran. In den Körperzellen - längst nicht in allen - ist der Menschengen-Abschnitt verankert. Der gezielte Gen-Austausch ("gene targeting") bei Labormäusen ist seit langem eine Standardmethode der Forscher.

Erst durch mehrfache Kreuzungen erhalten die Wissenschaftler schließlich ein Tier, das die Genmanipulation in allen Körperzellen trägt und an die Nachkommen vererbt.

Vor allem für medizinische Zwecke könnten Rajewskys Antikörpermäuse künftig Verwendung finden. Auf eine Injektion etwa von Krebszellen, so das Kalkül der Kölner Genforscher, würden die Tiere mit der Produktion halbmenschlicher Antikörper gegen die Tumoren reagieren.

Derartige »humanisierte« Antikörper könnten höchst effektiv in der Krebstherapie eingesetzt werden: Anders als reine Mäuseantikörper würden sie vom Immunsystem der Patienten kaum als fremd erkannt und folglich nicht durch einen Gegenangriff bekämpft.

Doch auch die Aussicht auf eine wirksamere Krebsbehandlung kann die Patentgegner nicht beschwichtigen. Noch bevor das Europäische Parlament über die Patentierbarkeit von Genkreaturen entschieden habe, argwöhnt Kritiker Christoph Then von der Lebensschützer-Initiative, wolle das Münchner Patentamt »offensichtlich Fakten schaffen«.

Über die geplante EU-Richtlinie zum »Rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen« streiten sich derzeit EU-Ministerrat und Europäisches Parlament. Zwar herrscht Einigkeit, daß es kein »Aneignungsrecht am Menschen« geben könne; um die Frage dagegen, ob Patente auf isolierte Gene, Eiweiße sowie Zellen und deren Produkte zulässig sein sollen, wird im Vermittlungsausschuß gerungen.

Auch über die Patentfähigkeit gentechnisch manipulierter Tiere wird heftig gestritten. Seit das Europäische Patentamt das Urheberrecht für die an der amerikanischen Harvard University entwickelte Krebsmaus dem Branchenriesen Du Pont zusprach, regt sich Widerstand gegen den Rollgriff der Pharmafirmen in den Genpool der Natur.

»Zum Leiden geschaffene Tiere«, wie die hochgradig krebsanfällige Onko-Maus von Du Pont, dürfen nach Ansicht der Kritiker nicht auch noch mit Hilfe des Patentrechts ausgebeutet werden. »Alle 17 Einsprüche« gegen das Krebsmauspatent, bestätigt Christian Gugerell, Direktor der Abteilung für Gentechnologie bei der Behörde, seien »ethisch motiviert«.

Kaum ein Zufall: Patentrechtliche Attacken der Konkurrenz haben die Du-Pont-Manager nicht zu fürchten. Die einst als Tiermodell für die Krebsforschung gefeierten Mäusemutanten, deren Entwicklung sich der Konzern rund 15 Millionen Dollar kosten ließ, gelten als kommerzieller Flop.

Längst richtet sich die Begehrlichkeit der Biotechmanager auf andere, vermeintlich lohnendere Ziele: Derzeit liegen bei Europäischen Patentprüfern in München rund 800 Anmeldungen vor - für schädlings- und herbizidresistente Pflanzen oder transgenes Milchvieh, das medizinisch nutzbare Eiweißmoleküle im Euter trägt.

Goldgräberstimmung herrscht bei den Unternehmen, die sich frühzeitig lukrative Bio-Patente gesichert hatten. Erst vor wenigen Wochen obsiegte das US-Unternehmen Chiron vor dem Düsseldorfer Landgericht in einem Streit über die Rechte am Hepatitis-C-Virus. Seither besitzt Chiron die uneingeschränkten Rechte an dem gefährlichen Erreger. Das Viruspatent sichert der Firma ein weltweites Monopol für die Hepatitis-C-Diagnose - ein Markt, auf dem das Unternehmen pro Jahr 270 Millionen Dollar umsetzt.

Noch größer ist das Interesse der Pharmamanager an den Verwertungsrechten für Menschengene: Seit das US-Unternehmen Amgen mit Hilfe eines menschlichen Gens das die Blutbildung fördernde Molekül Erythropoetin herstellt und damit einen Verkaufsschlager landete, melden Universitäten und Industriefirmen Tausende von menschlichen Gensequenzen zur Patentierung an.

Zwar ist meist nicht einmal die Funktion der Genschnipsel bekannt; dennoch bedienen sich die Pharmaforscher ungeniert im biologischen Erbe der Menschheit. Die Genjäger werden von der Hoffnung beflügelt, unter den patentierten Erbmolekülen könnten einige sich im Kampf gegen Krebs, Alzheimer oder Diabetes als hilfreich und einträglich erweisen.

Einen Vorgeschmack auf die künftigen Eigentumsverhältnisse im Reich der Gene und Zellen erhielt der US-Bürger John Moore: Sein Arzt hatte sich 1984 das US-Patent für Zellen aus Moores krebsbefallener Milz gesichert - ohne Wissen des Patienten. Moores Klage wurde abgewiesen.

Zwar hätte der Mediziner Moores Einverständnis einholen müssen, urteilte der kalifornische Oberste Gerichtshof, gleichwohl bleibe das Patent bestehen; einen Anspruch auf Gewinnbeteiligung habe Moore nicht.

»Wem eigentlich«, fragt sich der Krebspatient seither, »gehört mein Körper in Wirklichkeit?« Y

Der Arzt ließ heimlich die Milzzellen seines Patienten patentieren

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Verschmolzene Maus

[GrafiktextEnde]

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