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MEDIZIN Rückkehr der Schmarotzer

Chronische Darmerkrankungen nehmen zu - auch Folge pingeliger Hygiene, die zur Ausrottung natürlicher Darmparasiten führte. Zur Therapie werden nun Würmer verabreicht.
Von Günther Stockinger
aus DER SPIEGEL 50/1999

Jahrelang quälte die Patienten das schmerzhafte Leiden. Bis zu zwölfmal am Tag wurden sie von explosionsartig auftretenden Durchfällen aufs Klo gezwungen. Bauchkrämpfe trieben ihnen den Schweiß auf die Stirn. Medikamente brachten keine Linderung.

Jetzt half ihnen der US-Gastroenterologe Joel Weinstock von der University of Iowa mit einem ungewöhnlichen Trunk: In der oral verabreichten Flüssigkeit schwammen jeweils 2500 mikroskopisch kleine Eier des Eingeweidewurms Trichuris suis, eines nahen Verwandten des beim Menschen vorkommenden Peitschenwurms Trichuris trichiura. Die Parasiten schlüpften im Darm der Testpersonen und wuchsen zu einer Größe von etwa einem Zentimeter.

Zunächst bescherte die Behandlung den Kranken ein mulmiges Gefühl. Doch keiner von ihnen hat das Medizinexperiment bereut. Zwei bis drei Wochen nachdem sie den Wurmbecher geleert hatten, waren bei fünf der sechs Freiwilligen die Darmbeschwerden gänzlich verschwunden. Beim sechsten Probanden ließen die Symptome deutlich nach.

Mit seiner neuartigen Wurmkur hat US-Mediziner Weinstock die Parasiten wieder in einen Lebensraum zurückgebracht, aus dem sie durch die moderne Hygiene weitgehend vertrieben worden sind. Noch in den dreißiger Jahren tummelten sich bei rund 40 Prozent der amerikanischen Kinder Eingeweidewürmer der Art Ascaris lumbricoides in den Darmschlingen. Auch Gleichaltrige in Deutschland lebten damals mit den bleistiftdicken, bis zu 40 Zentimeter lang werdenden Untermietern. Und noch nach dem Zweiten Weltkrieg registrierten die Mediziner bei ihren jungen Patienten häufig die gleichen Peitschenwürmer der Gattung Trichuris, wie sie Weinstock bei seinem Experiment verwendet hat.

Seit den sechziger Jahren sind die Parasiten aus den Eingeweiden so gut wie verschwunden - Abwasserhygiene und verschärfte Sauberkeit haben ihnen das intestinale Biotop zumindest im Westen entzogen. Allein in der DDR spielten Darmparasiten noch länger eine Rolle, wie Ost-West-Vergleichsstudien in den vergangenen Jahren enthüllt haben.

Die Schattenseiten des Siegs über die Schmarotzer, die die menschlichen Eingeweide jahrmillionenlang besiedelt haben, können die Medizinforscher neuerdings den Krankheitsstatistiken entnehmen. Chronisch-entzündliche Darmleiden wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa haben sich in den vergangenen 50 Jahren fast ausschließlich in Ländern mit hohem Lebensstandard und pingeliger Hygiene ausgebreitet. In Entwicklungsländern und Armutsregionen der Erde hingegen kommen diese Wohlstandsleiden kaum vor.

Ohne ständigen Kontakt mit Parasiten spielt das Abwehrsystem des Darms offenbar bei immer mehr Menschen verrückt. »Im gleichen Zug«, erläutert Weinstock, »in dem wir die Würmer losgeworden sind, haben wir Immunsysteme entwickelt, die von ihren natürlichen Gegenspielern nicht mehr in Schach gehalten werden.« Die Folge: Die gleichsam arbeitslos gewordenen Abwehrbataillone des menschlichen Körpers attackieren immer häufiger eigenes Gewebe.

Bei anderen Autoimmunerkrankungen wie dem juvenilen Diabetes, bei Rheuma und Multipler Sklerose vermuten die Forscher eine ähnliche Kurzschlussreaktion des Organismus. Auch Zivilisationsleiden wie Allergie und Asthma breiten sich in den Wohlstandsländern offenbar vor allem deswegen so stark aus, weil das Immunsystem in jungen Jahren zu wenig trainiert wird. Fehlen Bakterien, Viren und Parasiten in der frühen Lebensphase als Sparringspartner für die Immunkräfte, sind die Abwehrzellen unterfordert und wenden sich gegen harmlose Fremdstoffe wie Pollen, Staubpartikel oder Tierhaare.

Schätzungsweise 300 000 Menschen leiden allein in Deutschland unter chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die Durchfallqualen, die häufig mit blutigem Stuhl verbunden sind, treten in der Regel erstmals zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr auf. Doch auch immer mehr Jugendliche und Kinder, mitunter sogar Säuglinge, werden von Koliken gepeinigt.

Während der Morbus Crohn (benannt nach dem New Yorker Gastroenterologen Burrill Crohn, der die Krankheit 1932 erstmals beschrieben hat) sämtliche Abschnitte des Verdauungstrakts befallen kann und dabei oft zu Fisteln führt, die die Darmwand durchbrechen, zieht die Colitis ulcerosa nur die Schleimhaut des Dickdarms in Mitleidenschaft und verursacht dort häufig blutende Geschwüre.

Die Betroffenen müssen zumeist ein jahrzehntelanges Martyrium ertragen. Bis zu 80 Prozent der Morbus-Crohn-Opfer und rund 40 Prozent der Patienten mit Colitis ulcerosa sind gezwungen, sich im Laufe ihres Lebens immer wieder Operationen zu unterziehen. In schweren Fällen entnehmen ihnen die Ärzte sukzessive Abschnitte des Darms. Am Ende dieser Salami-Chirurgie bleibt häufig nur noch die Darmtransplantation oder ein künstlicher Ausgang.

Folgeerkrankungen wie Gelenkbeschwerden, Augenleiden oder krankhafte Veränderungen der Haut sind nicht selten. Auch das Darmkrebsrisiko ist nach jahrzehntelangen Krankheitsverläufen deutlich erhöht.

Mit Medikamenten versuchen die Mediziner, den chirurgischen Eingriff so lange wie möglich hinauszuschieben. Verschrieben werden hauptsächlich nebenwirkungsreiche Entzündungshemmer wie Kortison oder Arzneien, die das überschießende Immungeschehen dämpfen sollen. Auch Entspannungsübungen und Psychotherapien verschaffen den Opfern mitunter wenigstens eine Atempause.

Neue Krankheitsschübe lassen sich dadurch aber nur selten verhindern. Vor allem beim Morbus Crohn schützen auch stärkste Medikamente nicht vor dem immer wiederkehrenden Aufflammen der Entzündungskaskade: Knapp 80 Prozent der Kranken müssen mit Rückfällen rechnen.

»Wir haben auf jeden Fall Bedarf an neuen Therapien«, urteilt der Magen-Darm-Experte Tammo von Schrenck vom Uni-Klinikum in Hamburg-Eppendorf. Entsprechend erfreut reagierten die Experten auf den Erfolg der Wurmkur von Iowa. Die Rückführung der Parasiten in die menschlichen Eingeweide sei ein »verheißungsvoller Weg«, rühmte Balfour Sartor, Infektiologe an der University of North Carolina in Chapel Hill, den Lebend-Drink seines Kollegen.

Auch deutsche Mediziner halten die Therapie »vom experimentellen Ansatz her für sehr interessant« (von Schrenck). Zu denken gibt Weinstocks Erfolg nicht zuletzt manchen Parasitologen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten um die Ausrottung der gemeinen Darmbewohner verdient gemacht haben: »Jedes Säugetier beherbergt in seinem Darm Würmer«, erläutert Achim Hörauf vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut. »Nur der Mensch hat sich davon in den letzten Jahrzehnten befreit - womöglich zu schnell für die Evolution.«

Welchen Tribut die westliche Sauberkeit fordert, mussten in den letzten Jahren auch einige weniger entwickelte Länder erfahren, als sie im Kampf gegen die Parasiten aufholten. Im gleichen Maße nahmen dort die chronischen Darmleiden zu: Seit etwa in Malaysia, Korea oder Bolivien der Hygienestandard verbessert wurde, ist dort die Zahl der Crohn-Patienten kontinuierlich gestiegen - und zwar »umso stärker, je verwestlichter die Länder waren«, wie der Gastroenterologe Jürgen Schölmerich von der Uniklinik Regensburg berichtet.

Noch gibt Weinstocks Experiment keinen Anlass zu übertriebenen Hoffnungen. Auch der Würmer-Cocktail wirkt womöglich nur symptomatisch, wie Kritiker mahnen. Dass es unter den Hygienebedingungen der westlichen Gesellschaften in den Eingeweiden nicht mehr wimmelt wie in den Jahrmillionen zuvor, ist wahrscheinlich nur eine von mehreren Ursachen dafür, dass sich Darmleiden wie Morbus Crohn rapide ausbreiten. »Dass Kortison hilft«, argumentiert Hörauf, »ist ja auch kein Beweis dafür, dass die Krankheit auf einem Kortisonmangel beruht.«

Andere Faktoren wie Nikotin, Umweltgifte, veränderte Ernährungsgewohnheiten oder bisher nicht identifizierte Erreger in der Darmflora könnten gleichfalls mit für die hohen Zuwachsraten verantwortlich sein.

Zumindest denkbar wäre es auch, dass es die Durchfall-Geißel schon in früheren Zeiten gab. Die Vorläufer der modernen Mediziner, so die Vermutung, haben sie womöglich nur übersehen, weil das Krankheitsbild noch nicht erkannt war, die diagnostischen Mittel zur Entdeckung fehlten oder die an die Latrine gefesselten Opfer rasch dahingerafft wurden: von Darmverschlüssen, Blutverlust oder schweren Blutvergiftungen, wie sie die in den Eiterhöhlen der Fisteln sitzenden Erreger auslösen können.

»Der Beweis«, so von Schrenck, »dass es die Krankheit erst seit der Entwurmung in den westlichen Gesellschaften gibt, wird sich nur schwer führen lassen.«

Als Standardtherapie gegen die grollenden Geister in den Eingeweiden hat Weinstocks Wurmtrunk deshalb vorerst wohl noch keine Chance. An Probanden für die Therapie bestünde allerdings auch hier zu Lande kein Mangel. »Es gäbe eine Menge Patienten«, glaubt von Schrenck, »die in ihrer Not auch Wurmeier schlucken würden.« GÜNTHER STOCKINGER

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