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ATOMMÜLL Ruhe sanft

In Hanford betreiben die USA seit 1944 eine militärische Plutoniumfabrik. In all den Jahrzehnten, so ergaben nun Untersuchungen, gingen die Betreiber unvorstellbar fahrlässig mit radioaktivem Abfall um. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Auf den umzäunten Arealen tummeln sich Erdhörnchen und Mäuse, jagen Käuze und Eulen; auch Kaninchen verhoppeln sich in die gesicherten Reviere. Doch weder Nager noch Nachtjäger sind willkommen - schon Insekten gelten in den verdrahteten Domänen als unerwünschtes Getier.

Die Betreiber der Atomfabrik Hanford im US-Staat Washington errichteten viele Zäune, um gefährliche Zonen für Menschen und Tiere zu sperren: Draht schützt Atomreaktoren, Zäune sichern die chemischen Atomfabriken »200 East« und »200 West«. Metallgewebe umgibt Reihen von Stahltanks. Drahtverhaue sperren Gräben, Tümpel und Brachland.

Mehr als vier Jahrzehnte lang hat Hanford die Atomwaffen-Arsenale der USA mit Plutonium versorgt, dem Spaltstoff für die Bombe. Und in all den Jahren - das enthüllten nun Nachforschungen, angestellt von den Staaten Washington und Oregon, von Bürgerinitiativen, dem US-Kongreß und von der Umweltschutzbehörde - schlampten die Manager der Atomfabrik von Hanford in unvorstellbarem Ausmaß.

Immer wieder hatte das Energieministerium (Department of Energy, DOE) als Betreiber der Anlage Anträge abgelehnt, die geheime Atomwaffenfabrik im Nordwesten der USA der Gesetzgebung für zivile Atomanlagen zu unterstellen. Als DOE-Verantwortliche dann am 1. Mai dieses Jahres Hanford der Kontrolle durch Staats- und Bundesbehörden öffneten, glich die erste Bestandsaufnahme der Kontrolleure einer bitteren »Lektion in Ökologie und Megamüll« (so das US-Wissenschaftsmagazin »Science").

Über Jahrzehnte, so erbrachten die Untersuchungen, hatten die Manager der am Fluß Columbia gelegenen Atomwaffenanlage den gefährlichen Müll ihrer Plutonium-Fabriken achtlos beseitigt: Atomabfall wurde wie lästiger Hausmüll verbuddelt, Fässer mit radioaktivem Müll wurden in Gräben gekippt, flüssiger Fabrikauswurf in Tümpel und Sümpfe gepumpt.

So tückisch sind die Müllhalden des viele hundert Quadratkilometer großen

Hanford-Areals, daß im Jahre 1959 ein einziger Dachs es zuwege brachte, ein riesiges Gebiet bis zum heutigen Tage zu verseuchen: Der Grimbart hatte ein Loch unter den Zaun einer Müllkippe gebuddelt, durch das später Kaninchen schlüpften. Die Karnickel leckten an radioaktiv verseuchtem Salz und verbreiteten so radioaktives Cäsium und Strontium über eine Fläche von gut 1000 Hektar.

Atommüll ist nach Angaben von Hanford-Vertretern an mehr als 200 Orten des sich über etwa 80 Kilometer entlang des Columbia erstreckenden Hanford-Areals abgekippt oder vergraben worden. Auf die Frage des Senators und Ex-Astronauten John Glenn, was eine Sanierung der wilden Kippen kosten würde, antwortete DOE-Staatssekretär Joseph Salgado: »Milliarden über Milliarden über Milliarden von Dollar.«

Der unfaßliche Atommüll-Skandal begann, als im September 1944 das Atomfeuer im ersten Hanford-Meiler, dem »B-Reaktor«, gezündet wurde. Dieser Plutoniumbrüter lieferte den Bombenstoff, der 1945 die Stadt Nagasaki verwüstete. Außer dem »B-Reaktor« entstanden noch acht weitere Atomwaffen-Brüter am Ufer des Columbia.

Bis zum Jahre 1971 wurden acht der Reaktoren, die ihre Plutonium-Produktion zwischen 1944 und 1963 aufnahmen, für immer abgeschaltet. Im neunten Meiler, dem N-Reaktor, wurde die Kettenreaktion erst im Januar dieses Jahres gestoppt: Der letzte aktive Hanford-Reaktor soll modernisiert werden und, so der DOE-Plan, seinen Dienst im November wiederaufnehmen.

In den Gründerjahren der Atomfabrik am Columbia verarbeiteten drei chemische Trennanlagen die Reaktor-Brennstäbe, um aus dem Brennstoff den Bombenstoff Plutonium abzuscheiden. Die großen Hanford-Chemiefabriken 200 East und 200 West übernahmen die giftige und gefährliche Plutonium-Kocherei in den 5Oer Jahren.

Immer wieder hatte die Energiebehörde beteuert, ihre Atomküche im Staate Washington werde vorbildlich betrieben. Kontrollen wie in zivilen Atomanlagen seien in der militärischen Fabrik weder erwünscht noch sinnvoll, hieß es, da die DOE-Auflagen für Sicherheit und Umweltschutz den Bundesvorschriften überlegen seien.

In den letzten Wochen nun offenbarten Untersuchungen im Auftrag des Kongresses, in welchem Umfang die Herren von Hanford die Natur am Columbia fahrlässig vergiftet haben: *___Stahlfässer mit Transuran-Abfällen - radioaktiven ____Elementen, die schwerer als Uran sind - wurden in ____Erdlöchern vergraben. Allein an elf der Grabstätten, ____vermuten Experten, verrotteten Fässer mit insgesamt 350 ____Kilogramm Plutonium. *___Von 1944 bis in die 60er Jahre wurden etwa 100 ____Millionen Liter flüssiger Abfälle in Gräben gekippt - ____bis 1958 versickerten an 18 Schüttstellen 219 Gramm ____Plutonium und 44 Tonnen Uran im Erdreich. *___An mehr als 200 Orten, teils in Sümpfen und Tümpeln, ____verschwanden weitere Flüssigabfälle. 24 dieser ____Müllkippen wurde probeweise untersucht - sie enthalten ____schätzungsweise 190 Kilogramm Plutonium. *___Zwischen 1945 und 1947 wurden über zwei Tiefbohrungen ____40 Millionen Liter radioaktiv verseuchte Flüssigabfälle ____bis auf grundwasserführende Schichten abgepumpt - neben ____anderen radioaktiven Substanzen wurden allein 7,7 ____Kilogramm Plutonium in den Untergrund gespült. *___Hochradioaktive Flüssigabfälle aus der ____Plutoniumproduktion wurden zwischen 1944 und 1964 in ____insgesamt 149 einfache Stahltanks gefüllt. Etwa 640000 ____Liter dieser wohl übelsten in Hanford gelagerten Brühe ____sickerten 1956 und 1973 aus zwei bekanntgewordenen ____Lecks in die Erde.

So verseucht ist der Untergrund an manchen Orten des Hanford-Areals, daß schon Buschfeuer zu einer Bedrohung für die Umwelt werden: Steppenpflanzen wie der Tumbleweed bohren ihre Wurzeln tief in den Boden und nehmen so etwa Strontium auf - ein Steppenbrand könnte das gefährliche Strahlengift mit der Flugasche über weite Landstriche tragen.

Die Sanierung der wilden Atommüll-Kippen von Hanford dürfte für den Verursacher, das Energieministerium, kaum zu bezahlen sein. Um das Land am Columbia wieder in seinen natürlichen, unvergifteten Zustand zu versetzen, wären nach Experten-Schätzung 100 Milliarden Dollar nötig - das Zehnfache des DOE-Jahresetats.

Noch für eine Einfach-Reinigung - Stahltanks und Müllfässer werden in ein Endlager geschafft die Müllkippen abgesichert - wären 17 Milliarden Dollar zu berappen. Läßt man den Müll auf den Kippen und sichert ("stabilisiert") nur den Untergrund der vorhandenen Deponien, so kostet auch das noch zwei bis drei Milliarden Dollar.

Bislang nahmen sich die Hanford-Betreiber nur der 149 rottenden Stahltanks mit dem übelsten radioaktiven Abfall an. Die extrem umweltgefährdende Giftbrühe in den Tanks soll in 28 sichere Behälter umgepumpt, später in einer Glasschmelze gebunden und in Stahlfässern versiegelt werden.

Für den hochradioaktiven schlammigen Bodensatz der Tanks sowie alle Fässer mit Transuran-Abfällen, die vor 1970 verbuddelt wurden und heute nicht mehr geborgen werden können, schwebt DOE-Experten eine Ruhe-sanft-Lösung vor: Die Stahltanks sollen mitsamt den Schlammrückständen vergraben werden.

Über die Grabstätten und alle Kippen mit Transuran-Fässern sollen Barrieren aus Erde, Kies und Basaltbruch gewalzt werden. Granit-Monolithe sollen Neugierige auf Jahrhunderte vor dem Atommüll-Friedhof warnen.

Buddeln Ur-Urahnen dennoch auf dem Grund der Hanford-Ruinen, weil der Müll-Horror in Vergessenheit geriet, stoßen ihre Spaten auf die letzte DOE-Warnung - Tausende von Porzellan-Täfelchen mit der Inschrift: »Do Not Dig Here« - »Hier nicht graben«.

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