Zur Ausgabe
Artikel 87 / 117

Landwirtschaft Säuisch wohl

Agrarforscher haben einen artgerechten Massenstall für Schweine entwickelt: mit Duschen, Ferkel-Kojen und Spielplätzen.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Bevor ein Schwein als Schnitzel in der Pfanne landet, hat es ein halbes Jahr in Dunkelhaft zugebracht. Von der Geburt bis zur Schlachtung war es mit seinen Artgenossen in einer engen Stahlbox eingesperrt und konnte sich kaum rühren. Aus Langeweile biß die Wutz in die Gitterstäbe.

Seit langem fordern Tierschützer, diese Art der Kerkerhaltung zu stoppen und die Schlachtferkel nur noch im Freien aufwachsen zu lassen. Doch die Agrarindustrie sperrt sich: Das sei viel zu teuer und verbrauche eine zu große Fläche.

Jetzt gibt es einen Mittelweg: den tiergerechten Massenstall. In einem solchen Schweinedorf wird den Tieren die Zeit bis zum sicheren Tod versüßt. Sie können frei herumlaufen, sich unter Duschen entspannen oder es sich auf Abenteuerspielplätzen gar säuisch wohl ergehen lassen.

Entwickelt hat die saufreundliche Kunstwelt der Agrarwissenschaftler Gerhard Schwarting von der Fachhochschule Nürtingen. Motto: »Jedes Schwein kann zu jeder Zeit das tun, was es gerade tun möchte.« Nach diesem »Nürtinger System« haben schon Hunderte von Bauern ihren Schweinestall umgebaut.

Herzstück einer solchen Anlage sind die sogenannten Ruhekisten, in die sich die Borstenviecher zum Dösen und Schlafen zurückziehen können. Die meisten Stunden des Tages liegen sie, Backe an Backe, in diesen Schweinekojen; nur ihr Kopf lugt durch einen Vorhang aus Plastiklamellen. Die Körperwärme sorgt in den Holzkisten, wie in einem natürlichen Blätternest, für mollige Temperaturen.

Außerhalb der sanften Ruhebetten, im Laufstall, weht den Ferkeln frische Luft um den Rüssel. Gegenüber einem herkömmlichen Schweinestall, der bis in die letzte Ritze auf 30 Grad hochgeheizt wird, spart das Nürtinger System deshalb eine Menge Energie. Seine Heizkosten hätten sich um die Hälfte verringert, rechnet Landwirt Walter Merz aus Riedböhringen vor.

Die frische Luft trägt zudem zum Wohlbefinden seiner Schlachtviecher bei. »Die Tiere sind gesünder und stabiler«, erzählt Merz. Die Zahl vorzeitiger Abgänge habe sich halbiert. Über ähnliche Erfahrungen berichtet der Tierarzt Axel Biedermann, der in Süddeutschland einen anderen Nürtinger Stall betreut: »Es gibt fast keine Lungenprobleme, Antibiotika werden so gut wie nicht mehr benutzt. Würden alle Schweine so gehalten, wäre das ein schwerer Schlag für die Pharmaindustrie.«

Vorbildlich sind im Schweinedorf auch die sanitären Einrichtungen. Weil sich keine Sau gern im eigenen Dreck suhlt, gibt es Kotplätze, die vom Wohnbereich getrennt sind und regelmäßig entleert werden. Wie Bauern berichten, nehmen die Tiere die Ferkel-Klos ebenso dankbar an wie die Duschen, die sie per Hebel aktivieren können. »Schweine sind nicht imstande zu schwitzen«, erläutert Landwirt Heino Müller aus dem niedersächsischen Vorwerk, »an heißen Tagen hilft ihnen die Brause, ihre Körperwärme zu regulieren.«

Ungehindert toben sie herum, veranstalten wilde Verfolgungsjagden, reiben sich an Scheuerpfählen oder wühlen in Strohkisten herum. Das Herumlaufen macht hungrig: Gierig saugen die Ferkel ihr Fressen aus dem Futterautomaten; ihre Aufzuchtzeit verkürzt sich um zwei Wochen, wodurch ebenfalls Kosten gesenkt werden.

Am Ende schmeckt der Haxenfreund den Unterschied. Weil die Ferkel viel Bewegung haben, sind ihre Muskeln besser durchblutet, das Fleisch ist weniger fett und schmackhafter. Metzger, die ihre Schweinehälften aus den Luxuskoben nach dem Nürtinger Modell beziehen, verbuchen Umsatzsteigerungen bis zu 30 Prozent.

[Grafiktext]

Schweine-Laufstall nach dem ''Nürtinger Modell''

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 87 / 117
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.