Ikonisch trübes Wetter in San Francisco Immer weniger Nebel an der US-Westküste – wegen Klimakrise?

San Francisco ist berühmt für sein schwankendes Wetter – im einen Stadtteil scheint die Sonne, der andere ist in dichte Dunstschwaden gehüllt. Im Zuge der Klimaerwärmung könnte sich das nun aber ändern.
Nur echt mit Nebel: Golden Gate Bridge und Skyline von San Francisco

Nur echt mit Nebel: Golden Gate Bridge und Skyline von San Francisco

Foto: Robert Galbraith/ REUTERS

»Der kälteste Winter, den ich je erlebt habe, war der Sommer in San Francisco«, sagte einst Mark Twain – zumindest wird ihm dieses Zitat zugeschrieben.

Die Westküste der USA, besonders die Bay Area um San Francisco, kennt das Wetterphänomen, bei dem sich eine nieselige Nebeldecke über die Stadt legt, schlimmer als in Hamburg. Das »May Gray« (Maigrau) geht über in den »June Gloom« (Junidüsterkeit), dann kommt der »No-Sky July« (Kein-Himmel-Juli) und schließlich der »Fogust« (Nebel-August). Die Suche nach einer entsprechenden Schlechtwetter-Bezeichnung für September dauert an .

Es gibt gefühlt mehr Bilder der Golden Gate Bridge mit Nebel als ohne. Die Brücke ist mit fünf Nebelhörnern ausgestattet. Der Nebel wirkt auch kühlend auf die Metropole, in den Sommermonaten Juni bis August hat San Francisco eine Durchschnittstemperatur von nur 21 Grad, damit gilt es als kühlste Großstadt der USA (außerhalb Alaskas). Die »Klimaanlage von Mutter Natur« sorgt dafür, dass weniger als die Hälfte der Anwohner überhaupt Klimaanlagen besitzen. Sie brauchen einfach keine.

Irgendwer hat dem Nebel sogar den Spitznamen »Karl« verpasst. Der Twitter-Account »Karl the Fog«  hat mehr als 350.000 Follower.

Doch bald könnte es vorbei sein mit dem ikonischen Nebel. Schuld daran ist wahrscheinlich die Klimakrise.

Ein Drittel weniger Nebel in den vergangenen 50 Jahren

Bereits im Jahr 2010 kam eine Studie der Universität Berkeley  zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Nebelstunden im Vergleich mit Mitte des 20. Jahrhunderts um ein Drittel abgenommen hat. Todd Dawson, Professor an der Uni Berkeley, forscht schon seit Jahrzehnten zu den Auswirkungen des Nebels auf die kalifornischen Ökosysteme.

Bereits Ende der Neunzigerjahre hatte er die Redwoods-Mammutbäume in der kalifornischen Küstenregion untersucht und dabei herausgefunden, dass die bis zu hundert Meter hohen Bäume 30 bis 40 Prozent ihres Flüssigkeitsbedarfs über Nebel decken : Die hohen Baumkronen der Mammutbäume sind gewissermaßen riesige Filter für die Nebelschwaden. Die Bäume werden durchnässt und mit Nährstoffen versorgt; das Wasser tropft auf den Waldboden. Dort versorgt es andere Pflanzen und speist Bäche – und kommt so unterschiedlichsten Tier- und Pflanzenarten wie Flechten, Farnen, Molchen und Lachsen zugute.

Menschen überall auf der Welt haben sich dieses Verfahren von der Natur abgeschaut. Aktuell erproben Spanien und Portugal Verfahren, um mit speziellen Kollektoren Feuchtigkeit aus der Luft zu holen. Auch in Nepal  und Peru  wird dieses Verfahren angewendet und könnte dort sogar helfen, Folgen des Klimawandels abzumildern.

Das Problem in Kalifornien ist nur: Es gibt immer weniger Nebel, der aufgefangen werden könnte.

Weniger Nebel auch in Los Angeles und São Paulo

Und das gilt weltweit, wie die Klimatologen Otto Klemm von der Universität Münster und Neng­-Huei Lin von der Tawian National Central University 2015 in einer Studie herausgefunden  haben. Die Wissenschaftler dokumentieren einen Nebelrückgang überall auf der Welt: In São Paulo hat sich die Zahl der Nebeltage von über 144 pro Jahr in den frühen Fünfzigerjahren auf gut 70 halbiert. In Los Angeles hat sich die Zahl im selben Zeitraum sogar von 200 auf 30 reduziert.

Die Gründe für den Nebelschwund sind unklar. Sowohl der Klimawandel als auch eine geringere Luftverschmutzung könnten die Ursache sein. Wahrscheinlich sogar beides zusammen.

»Weniger Nebel ist ein Gamechanger für viele Dinge«, sagt Dawson gegenüber der »New York Times« . Er meint, die Auswirkungen des abnehmenden Nebels bei den Redwoods beobachten zu können. »Bei einigen älteren Bäumen ist das Wachstum beeinträchtigt«, sagte er. »Sie wachsen nicht mehr so stark wie früher und ihre Baumkronen werden dünner«, sagte er 2021 gegenüber den »Inside Climate News« .

Er fürchtet, dass die Mammutbäume irgendwann nicht mehr in der Lage sein werden, sich selbst zu erhalten. »Sie werden es einfach nicht mehr schaffen.« Wann es so weit sein werde, könne er aber nicht sagen. Nebelbildung hängt nicht nur von einem Faktor ab, sondern geschieht im Zusammenspiel verschiedener Einflüsse: »Landoberfläche, Ozeanoberfläche, wie stark die Erwärmung ist, was die Winde bewirken, wie schnell sich das Land im Vergleich zum Ozean erwärmt, ob der Kaltwasserauftrieb stark oder schwach ist.«

Doch Dawson hat seine Erfahrungen gemacht: »Ich beschäftige mich seit 25 Jahren mit Mammutbäumen und habe in dieser Zeit gesehen, was passiert. Ich bin beunruhigt, wie die Zukunft aussehen wird.«

mgo
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