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WERKZEUGE Satter Strich

Den altbewährten Bleistift, noch immer das meistgebrauchte Schreib- und Zeichengerät, will ein US-Unternehmer durch eine Nachahmung aus Plastik ersetzen.
aus DER SPIEGEL 23/1981

Pencil City« nennt sich das kleine Shelbyville in Tennessee stolz, die Stadt des Bleistifts. Dort gibt es seit geraumer Zeit, wie das »Wall Street Journal« berichtete, »so viel Aufregung wie nicht mehr seit Einführung des Radiergummis«.

Denn in dem 13 000-Seelen-Ort, der von der Bleistiftproduktion lebt, hat S.200 ausgerechnet ein Bleistiftfabrikant mit aller Tradition gebrochen: Harold Hassenfeld, Chef der Empire Pencil Company, die in den USA zur Branchenspitze zählt, will den Bleistift herkömmlicher Machart ersetzen.

Milliardenfach hat sich dieses nützliche Utensil bewährt. Es hat die Erfindung von Stahlfeder und Füller, Druckstift, Kugel- und Faserschreiber überstanden. Nach wie vor ist es weltweit das gebräuchlichste Zeichen- und Schreibgerät; und durch die Alphabetisierungskampagnen in der Dritten Welt steigt sogar noch der Bedarf.

Trotzdem verwandte Hassenfeld nach eigenem Bekunden »Millionen Dollar« und »25 Jahre intensiven Forschens« darauf, noch einmal etwas völlig Neues zu entwickeln. Das Ergebnis wirkt verblüffend altgewohnt.

Bleistiften sehen die »Epcons« genannten Produkte täuschend ähnlich. Nur, diese Dinger kommen als endlose Stränge wie Spaghetti aus einer Art Teigpresse: Sie sind, bis auf wenige Zutaten, aus Plastik.

Mit Kunststoff ist der Graphit der Mine vermischt. Aus Kunststoff, vermengt mit etwas Holzmehl, besteht auch die Hülle.

Dem synthetischen Schreibstäbchen, in 2,3 Minuten von Automaten gefertigt, rühmt Hassenfeld nach:

* Mine und Hülle, zugleich aus einer Doppeldüse gezogen und innig verschmolzen, seien, da die Plastikmasse elastisch bleibt, nahezu unzerbrechlich.

* Gebe der Plastikstift doch einmal roher Gewalt nach, splittere er wenigstens nicht.

* Der Kunststoff mache den Strich weich.

Doch so einfach, scheint''s, ist ein perfektes Schreibgerät kaum herzustellen. So leicht läßt sich auch der überkommene Bleistift nicht ausstechen.

»Ein guter Bleistift ist wahrlich keine Kleinigkeit«, hatte bereits 1861 die »Gartenlaube« befunden und die damals besten Produkte gelobt: »Ein wahres Gaudium ist es, wenn das schöne Blei vom glänzendsten Schwarz bis in die feinsten Silbertöne über die weiße Papierfläche fährt und weder den Zeichner noch den Schreiber in ihrem Gedankenfluge hindert, sondern demselben gazellenfüßig vorauseilt.«

Es war eine Eloge auf »die berühmte Bleistift-Fabrik von A. W. Faber in Stein bei Nürnberg, welche in diesem Jahre ihr hundertjähriges Jubiläum feierte und abermals den Beweis lieferte, wie deutscher Fleiß, wie rastlose Energie und Ausdauer unserer Landsleute niemals fremdländische Concurrenz zu fürchten hat«.

Zu der Zeit war der Bleistift zwar schon ein bequem zu handhabender Gebrauchsgegenstand, doch noch keineswegs ausgereift. Bis in die Gegenwart ist er stetig verbessert worden; und tatsächlich hatten die Nürnberger -- neben Faber ähnlich traditionsreiche Firmen wie Staedtler, Schwanhäusser und Lyra -- daran großen Anteil.

Graphit (wie Diamant reiner, nur anders kristallisierter oder amorpher Kohlenstoff) war vor vier Jahrhunderten im nordenglischen Cumberland entdeckt worden. Das Mineral wurde anfangs für eine Bleiverbindung gehalten und gab so dem Bleistift einen irreführenden Namen.

Zuerst markierten Schäfer damit ihre Tiere. Bald benutzten auch Londoner Hafenarbeiter Graphit, in Stäbchen geschnitten und zwischen Holzleisten geklemmt, zum Beschriften von Tonnen und Kisten.

Erst um 1800 aber entdeckten unabhängig voneinander der österreichische Töpfer Josef Hardtmuth und der französische Mechaniker Nicolas Jacques Conte, daß sich mit Graphit besser schreiben und zeichnen läßt, wenn er mit Ton vermischt wird; so kann die Härte vorbestimmt werden.

Vor allem Lothar von Faber aus der Bleistiftmacher-Dynastie in Stein bei Nürnberg ließ sich schon im vorigen Jahrhundert allerhand einfallen: Er legte Normen für Länge und Stärke von Stiften zu bestimmtem Gebrauch fest, entwickelte eine Härtegradskala für die Minen und erfand zu dem vormals nur runden den sechseckigen Stift -- aus jeweils zwei Brettchen, zwischen denen die Minen eingeleimt werden, S.201 ließen sich statt acht nun neun Stifte fräsen.

Daß der Standard-Bleistift gelb ist, scheint unerfindlichem, aber beständigem Käufergeschmack zu entsprechen. Erstmals, berichten Bleistift-Historiker, habe mit dieser Lackierung die von Hardtmuth gegründete Firma Koh-inoor 1893 auf der Weltausstellung in Chicago die Käufer begeistert.

Das schlichte Schreib- und Zeichenwerkzeug Bleistift ist noch immer für 60 Pfennig zu haben. Es ist indes ein Produkt industrieller Forschung und Fertigungstechnologie geworden.

Das Minenmaterial wird zu Korngrößen von einem tausendstel Millimeter gemahlen und bei etwa 1100 Grad gesintert. Der Ton-Anteil ist exakt dosiert; bei weichsten Schraffurstiften beträgt er nur zehn, beim gängigen Schreibstift (Härte HB) rund 30 und bei sehr harten Stiften zum Zeichnen auf lithographischen Steinen bis zu 80 Prozent. Damit die nach dem Brand poröse Mine bruchfest wird, auf dem Papier sanft gleitet und dennoch einen sattschwarzen Strich gibt, wird sie noch mit heißem Wachs oder Fett getränkt.

Nur beim Hüllmaterial müssen die Hersteller inzwischen Kompromisse machen. Spitzensorte war das astfreie, langfaserige Holz von 150 bis 200 Jahre alten nordamerikanischen Rotzedern; doch die Bestände sind geschrumpft, und der Abtransport von Stämmen aus den Sümpfen Floridas wurde zu teuer.

Die Bleistift-Produzenten verwenden nun die leichter zu beschaffenden kalifornischen Schuppenzedern. Nur stieg der Preis für dieses ebenfalls hochwertige Holz, da es auch in Japan zum Hausbau und in den USA für Paneele verwendet wird, in den letzten elf Jahren aufs Zehnfache.

Noch stärker freilich steigen die Preise von Erdöl, dem Rohstoff für die Epcon-Stifte des Plastik-Pioniers Hassenfeld in Pencil City. Deshalb, und weil sie sich Klagen der Kunden über Qualitätseinbußen ersparen wollten, verwarfen die deutschen Firmen solchen Ersatz.

Der Chef des Marktführers, Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, hatte schon vor Jahren synthetische Materialien prüfen lassen. Auch der Chemiekonzern Bayer experimentierte damit. Aber die Experten mäkelten:

* Plastikstifte liegen schwer und wenig griffig in der Hand und biegen sich wie der Stiel einer Fliegenklatsche.

* Die Plastikminen lassen sich allenfalls in fünf Härtegraden herstellen (bis zu 19 gibt es bei Graphit-Ton-Minen) und haben einen teigigen Strich.

Über ähnliche Erfahrungen berichtet die amerikanische Berol Corporation in Danbury (Connecticut). »Mindere Schreibqualität« führt Berol-Manager Elmer N. Funkhouser dafür an, daß sein Unternehmen Plastikstifte nur in Mexiko produziert, wo Erdöl noch billig, aber Holz kaum zu haben ist.

Überdies scheint es selbst in den Vereinigten Staaten beim Bleistift schwer zu überkommende Käufergewohnheiten zu geben. Plastik, erfuhren die Berol-Marktforscher, sei da durchaus keine Empfehlung. Und Branchenkenner schätzen, daß auch Hassenfelds Empire Pencil Company noch 60 Prozent ihres Umsatzes mit holzgefaßten Stiften bestreiten muß.

Ganz auf Kunststoffe können allerdings die auf Tradition bedachten Häuser nicht mehr verzichten. Bei Faber-Castell zum Beispiel werden normale Bleistiftminen mit einem stützenden Kunstharz überzogen, das sie noch fester mit dem Holzmantel verschweißt; und für neuartige Feinstrich-Druckbleistifte, deren Minen nur 0,5 Millimeter stark sind, mußte ein hochelastisches Graphit-Polymer-Material entwickelt werden.

Wie man vorsorgt, daß der alte einfache Bleistift -- mit dem sich immerhin 45 000 Wörter schreiben lassen -nicht etwa wegen Holzmangels ausstirbt, demonstriert Brasilien. Die Faber-Castell-Tochter Lapis Johann Faber in Sao Carlos, mit einer Jahresproduktion von gut einer halben Milliarde weltgrößter Hersteller holzgefaßter Stifte, muß laut Gesetz für jeden gefällten Baum vier junge anpflanzen.

Einen eigenen Zedern-Bestand beim Stammhaus in Stein hatte der umsichtige Lothar von Faber schon vor hundert Jahren anlegen lassen. Dieser Wald verbrannte allerdings -- nach Kriegsende, in den Öfen frierender Anrainer.

S.200Bei der Empire Pencil Company in Shelbyville (Tennessee).*

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