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HYGIENE Sauberes noch sauberer

Wissenschaftler warnen vor übertriebener Hygiene im Haushalt: Das viele Sprühen und Wischen mit Desinfektionsmitteln schadet mehr, als es nützt.
aus DER SPIEGEL 37/1980

Wolfgang Thanner, Hauptfeldwebel aus dem badischen Hochhausen, hält auf Sauberkeit. Besonders gründlich wollte er beim Wochenendputz im Bad sein: Der reinliche Soldat schüttete erst einen Rest herkömmlichen Haushaltsreinigers, dann einen Schuß »Domestos« ins Klo und ins Waschbecken.

Den beißenden Geruch von Chlorgas konnte Thanner gerade noch wahrnehmen, dann war er »schon halb vergiftet«. Was passiert war, vermochte der von Erstickungsanfällen Geschüttelte im Krankenhaus kaum mitzuteilen. Später probierten die Klinik-Ärzte eigenhändig, wie Sunlichts »kraftvoller Sanitärreiniger« (so die Packungsaufschrift) wirkt: Trifft »Domestos« auf einen Konkurrenz-Reiniger, kommt Kampfgas aus dem Klo.

Mit einer Batterie von Putzmitteln ziehen westdeutsche Hausfrauen und -männer täglich gegen den Schmutz zu Felde: Waschbecken und Fußböden, Kinderbettchen und Babyflaschen sollen nicht nur glänzen, sondern auch hygienisch einwandfrei sein.

Die Werbung schürt diesen Eifer mit verheißungsvollen ("Ajax bleicht porentief und tötet Bakterien") und angsteinflößenden Parolen: »Milton schützt Babys vor Darminfektionen« -- so der Slogan für ein »sterilisierendes Flaschen- und Saugerbad«, das Schnuller und Babyflaschen »100%ig keimfrei« macht.

Doch die Desinfektion im Haushalt, so meinen Hygieniker und Ärzte, ist unnötig, ja sogar gefährlich. Denn der Kontakt mit Bakterien schadet normalerweise keineswegs, schädlich hingegen für Mensch und Umwelt können die in der Wohnung versprühten oder ins Abflußrohr gegossenen Chemikalien werden.

»Besonders bedenklich«, so warnt der Freiburger Hygiene-Professor Franz Daschner, seien die Desinfektions-Appelle der Werbung an Mütter. Sagrotan beispielsweise ("macht Sauberes noch sauberer") wird von den Herstellern nicht nur für die Reinigung von Spielzeug und Laufgittern empfohlen. Noch bevor der Säugling überhaupt S.231 auf der Welt ist, soll sein Zimmer mitsamt der Einrichtung keimfrei gemacht werden.

Daß diese Vorsorge jedoch üble Folgen haben kann, wiesen unlängst amerikanische Kinderärzte nach. Neugeborene, deren Umgebung mit phenolhaltigen Mitteln (wie Sagrotan) geputzt wurde, bekamen Gelbsucht. Die ätzende Chemikalie, so berichten die Mediziner in der Fachzeitschrift »Pediatrics«, wurde offensichtlich über Haut oder Lunge aufgenommen und vermehrte die Gallenfarbstoffe im Blut übermäßig.

Tödlich enden kann der Umgang mit Desinfektionsmitteln, wenn Kinder selbst zu den Flaschen und Dosen greifen. Denn kaum einer der handelsüblichen Reiniger hat einen kindersicheren Verschluß -- auch nicht »Domestos«, das erst nach mehreren Unfällen mit gelbem Warnstreifen versehen wurde.

Kleinkinder, die Haushaltsreiniger geschluckt haben, stehen deshalb in den Statistiken der Giftinformations-Zentralen an den Universitätskliniken obenan.

Manche vom Desinfektions-Trieb verfolgte Hausfrau schließlich handelt sich beim Wischen und Spülen mit den chemischen Substanzen -- außer Phenol ist häufig auch Formalin enthalten -- langwierige Allergien ein. In den Chemikalien-Bädern, so warnen Dermatologen wie etwa Professor Helmut Röckl von der Universitätsklinik Würzburg, werde die Haut »systematisch denaturiert«.

Überdies empfehlen die Firmen oft Methoden, die in den Kliniken als längst überholt gelten. Das bloße Eintauchen der Hände in eine Desinfektionsmittel-Lösung etwa ist laut Hygieniker Daschner »weitgehend unwirksam«, und wer seine Wohnung mit Spray vernebele, bringe kaum Bakterien um.

Der »private Umweltschutz« (so ein Sagrotan-Aufkleber) belaste also eher die Umwelt, statt ihr zu nützen, resümiert Daschner. Die Ausgaben für Haushalts-Desinfektionsmittel könnten deshalb »praktisch zu 100 Prozent eingespart werden«.

Nur bei ansteckenden Krankheiten, beispielsweise Hepatitis oder Tuberkulose, müssen Gesundheitsbeamte, nach Anweisung von Ärzten, den Keim-Kolonien in der Wohnung mit Desinfektionsmitteln zu Leibe rücken. Sonst genügen normale Reinigungsmittel und -methoden sogar für Babyflaschen; die altüberlieferte Methode, Flaschen und Schnuller fünf Minuten lang in Wasser auszukochen, ist viel sicherer und besser als das nunmehr angepriesene Sterilisieren in Chemikalien-Bädern wie etwa »Milton«.

»Die deutsche Hausfrau«, so lobt der Freiburger Professor, »ist schon eine der saubersten der Welt. Sie muß nicht durch Chemikalien zusätzlich auch noch keimfrei gemacht werden.«

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