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BILDUNG Scharf auf Schule

Die Berliner Schulforscherin Renate Valtin, 57, über die Lernmotivation deutscher Schüler
aus DER SPIEGEL 12/2001

SPIEGEL: Frau Valtin, warum gehen Kinder, wie Ihre Studie belegt, so gern in die Schule?

Valtin: Das liegt weniger an den Fächern. Die Schule ist nicht nur ein Lern-, sondern ein wichtiger Lebensort. Unter den Bänken und in den Pausen passiert viel mehr, als sich Lehrer so vorstellen. Erstaunlich allerdings, dass die Freude an der Schule auch bis zur siebten Klasse nicht großartig abnimmt.

SPIEGEL: Keine Rede von einer Generation von Schulmuffeln?

Valtin: Das sind Einzelfälle. Höchstens drei bis fünf Prozent. Sogar Kinder mit schlechten Schulnoten haben Spaß an der Schule. Wenn sie aus weniger rosigen Familienverhältnissen kommen, ist das Leben in der Schule eine interessante Alternative.

SPIEGEL: Mittlerweile jagen Polizeieinheiten Blaumacher, die Kaufhäuser sollen Computerspielabteilungen vormittags schließen. Übertreiben es die Erwachsenen etwa?

Valtin: Gelegentliches Schuleschwänzen ist eine Form des Aufbegehrens und keineswegs ein neues Phänomen. Ich habe selber früher die Schule geschwänzt und bin ins Kino gegangen.

SPIEGEL: Ist die Schule also nicht in akuter Gefahr?

Valtin: Ganz und gar nicht. Mir sind keine Untersuchungen bekannt, wonach das Schuleschwänzen zugenommen hat.

SPIEGEL: Welche Fächer sind am beliebtesten?

Valtin: Sport steht mit Abstand an erster Stelle, danach kommen Bildende Kunst und Lesen. Schlusslicht ist Rechtschreibung. Mathematik hält sich im oberen Mittelfeld.

SPIEGEL: Ist Mathe also doch kein Horrorfach?

Valtin: Zumindest für Jungen nicht. Da rangiert es gleich hinter Sport. Mädchen fühlen sich trotz guter Noten weniger begabt im Rechnen. Dafür mögen sie Bildende Kunst, Deutsch und Rechtschreibung. Schon in jungen Jahren zeichnen sich Geschlechterstereotype ab.

SPIEGEL: Gibt es weitere Unterschiede?

Valtin: Die Schule soll neben Lernstoff auch gesundes Selbstvertrauen vermitteln. Dabei zeigt sich eine zunehmend größere Kluft zwischen Jungen und Mädchen. Jungs entwickeln ein starkes Selbstwertgefühl, Mädchen sind unzufrieden und von ihren Fähigkeiten wenig überzeugt. Außerdem gibt es ein Ost-West-Gefälle: Die Selbstbewusstesten sind die Jungen aus dem Westen, trotz schlechter Schulnoten. Am wenigsten trauen sich Mädchen aus dem Osten zu. Dafür haben sie die besten Zensuren von allen.

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