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MEDIZIN Scharf und billig

Die Korrektur von Fehlsichtigkeit per Laser war in Deutschland bislang weit teurer als im Ausland - doch nun drängt ein Preisbrecher auf den Markt.
Von Merlind Theile
aus DER SPIEGEL 6/2007

Der Lichtpunkt auf der Pupille beginnt zu flackern. Es riecht nach verbrannter Hornhaut. Nur wenige Sekunden brummt das Lasergerät, dann ist das Auge neu geschliffen.

Die Operation ist nicht billig: Der in Deutschland übliche Preis liegt bei mindestens 2000 Euro - pro Auge. Günstigere Angebote für Fehlsichtige, die ohne Brille leben wollen, gab es bisher vor allem im Ausland: In Bratislava oder Istanbul lasern Ärzte schon für unter 1000 Euro beide Augen scharf.

Doch nun drängt auch in Deutschland ein Billiganbieter auf den Markt: Die Firma Care Vision, die seit mehreren Jahren Augenlaserzentren in Israel und den Niederlanden betreibt, hat kürzlich Dependancen in Frankfurt, Nürnberg und Hamburg eröffnet; drei weitere Filialen sollen dieses Jahr folgen. Preis pro Auge: ab 995 Euro, also nur halb so viel wie bei der Konkurrenz.

Der Preisbrecher hat einen großen Markt im Blick. Rund 50 Millionen Deutsche plagen sich mit ihrer Fehlsichtigkeit herum, tasten morgens halbblind nach der Sehhilfe, putzen bei Kälte beschlagene Gläser oder können die Speisekarte nur auf zwei Meter Entfernung lesen. Gut die Hälfte der Betroffenen hat Werte zwischen -10 und +3 Dioptrien und kommt damit für eine Laserbehandlung grundsätzlich in Frage.

In Deutschland ist die Zahl der refraktiven chirurgischen Eingriffe am Auge, zu denen auch die Korrektur der Fehlsichtigkeit zählt, von 7000 im Jahr 1996 auf 127 000 im Jahr 2001 angestiegen. Der Anfangsboom hat sich gelegt: Derzeit liegt die Zahl der behandelten Augen bei rund 90 000 pro Jahr, bis 2010 soll sie nach einer Prognose des Verbands der Spezialkliniken Deutschlands für Augenlaser und Refraktive Chirurgie (VSDAR) leicht ansteigen, auf 116 000.

Bei vielen Brillenträgern überwiegt die Skepsis. Zu den neueren Behandlungsarten wie der heute am häufigsten angewandten Lasik-Methode, bei der die obere, angeschnittene Hornhautschicht des Auges wie ein Buchdeckel auf- und nach dem Lasern wieder zugeklappt wird (siehe Grafik), fehlen verlässliche Langzeitstudien.

Aber auch die Kosten schrecken viele Interessenten von einer Operation ab. Auf deren Zulauf hofft nun Care Vision - die Masse soll dem neuen Anbieter auf dem Markt die Macht bringen. »Wir sind so günstig, weil wir eine große Zahl von Patienten behandeln wollen«, sagt Geschäftsführer Gur Munzer.

Die Konkurrenz, die das Feld unter sich aufgeteilt hat, ist aufgeschreckt. Besonders die wenigen überregionalen Anbieter wie FreeVis und EuroEyes, die für 2000 Euro und mehr lasern, geraten in Bedrängnis. Unter den rund 300 Operateuren, die Lasik-Behandlungen in Deutschland vornehmen, gab es zwar auch vor Care Vision hier und da Billigangebote. »Aber ein einzelner niedergelassener Arzt, der für 1000 Euro pro Auge lasert, bedroht nicht die Platzhirsche«, sagt Anke Scheiber von der Stiftung Warentest.

Die Leiter der FreeVis-Klinik Nürnberg/Fürth und der Chef der EuroEyes-Zentren, Jörn Jörgensen, erwirkten nun eine einstweilige Verfügung gegen den neuen Konkurrenten - aus wettbewerbsrechtlichen Gründen: Care Vision darf unter anderem keinen Pauschalpreis mehr anbieten, keine Erfahrungsberichte von Patienten veröffentlichen und auch das Logo des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE), in dessen Räumen die Firma ihre Hamburger Filiale eröffnet hat, nicht mehr verwenden.

»Das ist das übliche Vorgehen, wenn ein neuer Anbieter in einen begrenzten Markt drängt«, meint Ulf Grundmann, der Anwalt von Care Vision. »Die Etablierten versuchen, ihn wettbewerbsrechtlich anzugreifen. Das verursacht Kosten und bindet Personalkräfte.«

Glaubt man EuroEyes-Chef Jörgensen, will er vor allem verhindern, dass Care Vision sich durch den Hinweis auf die Kooperation mit dem UKE »mit fremden Federn schmückt«. Im Übrigen verweist der Augenspezialist auf die hohe Qualität seiner eigenen Klinik: Die trage schließlich die Güteplakette des TÜV.

Um sich im umkämpften Markt von neuen Anbietern abzuheben, haben die im VSDAR organisierten Augenlaserfirmen, zu denen EuroEyes und FreeVis-Filialen gehören, im Sommer 2006 die Einführung einer TÜV-Plakette angeregt, die für die Einhaltung bestimmter Hygiene- und Qualitätsstandards bürgen soll. Der TÜV Süd hat bislang acht Kliniken zertifiziert - allesamt VSDAR-Mitglieder.

Verbraucherschützerin Scheiber sieht den Lasik-TÜV skeptisch: »Die Prüfung umfasst nur eine Grundleistung, sie sagt nichts über Spitzenleistungen aus.« Für Interessenten sei solch eine TÜV-Plakette nur anfangs eine Orientierungshilfe - »bis sie irgendwann jeder Anbieter hat«.

Aufschlussreicher ist die Recherche im Internet, zum Beispiel in Foren, in denen behandelte Patienten von ihren Erfahrungen berichten. Auf der Homepage des VSDAR äußern sich auch einige zu dem Emporkömmling Care Vision; der Ton ist skeptisch, man misstraut dem günstigen Preis.

Lobende Berichte tauchen nicht auf - was nicht heißt, dass es sie nie gab. »Auch ich habe mich bezüglich Care Vision positiv geäußert«, schreibt ein Patient und fragt: »Warum wurden meine Beiträge entfernt?« MERLIND THEILE

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