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Schatten der Götter

aus DER SPIEGEL 6/1947

Die Londoner Bevölkerung strömt in

Scharen zur Ausstellung australischer Höhlenmalereien im Australienhaus. Dort werden die Ergebnisse der deutschen Expedition des Frankfurter Frobenius-Institutes aus den Jahren 1938 bis 1939 gezeigt.

Zwei Jahre lang befaßte sich diese Expedition unter Leitung von Dr. Helmut Petri mit der Erforschung des Kimberley-Gebietes in Nordwestaustralien. Dort fand sie in Höhlen und an Felswänden steinzeitliche farbige Steinzeichnungen.

Es war unmöglich, die Steine mit den Bildern aus den Höhlen zu entfernen. Die Abbildungen wurden von Frau Agnes Schulz und Gerta Beck-Kleist mit größter Genauigkeit kopiert.

Die Zeichnungen aus dem australischen Busch stehen in engem Zusammenhang mit den mythischen Lebensanschauungen der Buschmänner. Tiere scheinen diesen Menschen stets nahe gestanden zu haben. Sie wurden freundlich und natürlich gezeichnet. Menschliche Wesen sind dagegen verworren, klobig und für unsere Begriffe mißgestaltet dargestellt.

In jedem Bild erscheint mindestens einmal jener göttliche Held, der unter den Eingeborenen als »Wod'ina« bekannt ist. Er erscheint als menschenähnliches Wesen mit Nase, Augen und hufeisenförmigem Heiligenschein, jedoch ohne Mund,

Wahrscheinlich bestand unter diesen Völkern eine gewisse Furcht vor ihren Göttern. Deshalb wohl wurden sie auf eine solche grausige Art dargestellt. Und der moderne Betrachter spürt das Grausen noch aus den Kopien heraus, die Agnes Schulz und Gerta Beck-Kleist in zwei Jahren an Ort und Stelle anfertigten. Ein hochentwickelter Sinn für Farbe und Form zeichnet die Bilder aus. Aber so wirklichkeitsgetreu wie die steinzeitlichen Malereien Europas sind sie nie.

Noch heute malen die Einwohner von Kimberley nach der Tradition ihrer Urahnen. Sie glauben nicht, daß die steinzeitlichen Bilder von Menschen geschaffen wurden. Für sie sind die Zeichnungen die Schatten von Götterhelden, die sich auf Stein bannten, bevor sie in die Erde eingingen, um dann als Regenwürmer wiederzukommen.

Die Buschmänner von heute schreiben diesen Bildern eine heilige Kraft zu. Sie glauben noch immer, daß nach dem Berühren der Bilder der langersehnte Regen fällt, um das Wohlergehen der Stämme zu sichern.

Kenner stellen fest, die Aehnlichkeit zwischen diesen rohen, aber wirkungsvollen Arbeiten und denen der ultramodernen, Maler sei unverkennbar. Und es gibt einige, die die Frage aufwerfen, ob diese Aehnlichkeit daher rühre, daß die geistigen Probleme beider Zeiten die gleichen seien.*)

*) Der Artikel »Picasso der Steinzeit«, den der »Spiegel« in Nr. 3 über, die steinzeitlichen Malereien in Lascaux veröffentlichte, stützte sich auf Angaben des Londoner »Observer«, dem auch das Bild des Aufsatzes entnommen war. Der »Spiegel« bedauert, daß versehentlich ein Hinweis darauf vergessen wurde.

In der Steinzeit gemalt, 1938/39 kopiert, 1947 ein Ereignis in London

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