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Raumfahrt Schiere Ekstase

Die Planeten-Sonde Magellan zerschmolz planmäßig. Die von ihr gesendeten Fotos lieferten ein neues Bild von der Venus.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Der Tod war geplant, das Ende wurde von Menschenhand bereitet. Am Dienstag letzter Woche zündeten Forscher am Jet Propulsion Laboratory (JPL) im kalifornischen Pasadena per Funksignal die Bremstriebwerke eines irdischen Spähers, der 40 Millionen Kilometer von der Erde entfernt die Venus umkreiste.

In sanftem Bogenflug schwenkte die Magellan-Sonde von ihrer Umlaufbahn und tauchte in die schneeweißen Schwefelsäurewolken ein, die den Erdnachbarn umhüllen. Der 3,4 Tonnen schwere Kubus durchflog die zu 96 Prozent mit dem Treibhausgas Kohlendioxid geschwängerte Venus-Atmosphäre. Dann zerschmolz er in dem 450 Grad heißen Klimabackofen.

So endete in einem grandiosen Inferno das erfolgreichste Projekt einer Planetenerkundung durch eine irdische Raumsonde. Fünf Jahre lang hatte Magellan auf einer elliptischen Umlaufbahn die Venus umrundet und deren Oberfläche mit einem Mikrowellenradar abgetastet.

Die ans JPL übermittelte Datenmenge ist größer als die aller anderen interplanetarischen US-Raummissionen zusammengenommen. Damit verfügen die Planetenforscher jetzt über »einen Venus-Atlas, der in vielerlei Hinsicht besser ist als alles, was wir von der Erde haben«, resümierte die JPL-Forscherin Kathi Beratan.

Auf den Magellan-Fotos sind geologische Großformationen und Details zu erkennen, auf welche die Forscher in Pasadena mit »schierer Ekstase« reagiert hatten. Während der sieben langen Venus-Tage (ein Venus-Tag entspricht 234 Erdentagen) vermaß Magellan gewaltige Bergketten und sanfte Hügel, Hochplateaus mit einer Ausdehnung von 100 Kilometern und flunderflache Wüsten, auf denen die Radarsensoren nicht die geringste Bodenerhebung ausmachen konnten.

Bizarre Schründe und Krater erinnerten Beobachter teils an Nahaufnahmen von Elefantenhaut, teils an Spinnengewebe oder gestapelte Kartoffelpuffer - zumeist Gebilde, die auf Mond oder Mars, den bis dahin besterforschten Himmelskörpern, fehlen.

Die Erkenntnisse über die Gestalt des Abendsterns warfen auch viele neue Fragen auf. So konnten die Forscher auf den Magellan-Fotos trotz eindeutiger Hinweise auf Vulkanismus keinen dampfenden Vulkan oder andere Anzeichen vulkanischer Aktivität entdecken. Für dieses »missing link« hat der amerikanische Geologe Donald Turcotte von der Cornell University in Ithaca (US-Staat New York) eine simple Theorie angeboten. Turcotte glaubt, daß aus dem Venus-Mantel alle 500 Millionen Jahre eine gewaltige Hitzewelle entweicht. Die begleitenden Vulkanausbrüche formieren jeweils die Oberfläche von Grund auf neu.

Danach, meint Turcotte, verfalle der Planet für eine halbe Milliarde Jahre wieder in eine Art Winterschlaf. Diesen Zustand habe die Magellan-Sonde in den letzten fünf Jahren dokumentiert.

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