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Ruhelosigkeit Warum wir schlafen müssen

Viele Menschen wühlen sich nachts durch die Kissen, finden keinen Schlaf. Ab wann wir das zu einem ernsten Problem - und was hilft? Ein Bestseller von SPIEGEL+.
aus DER SPIEGEL 44/2011
Nachtruhe ist so lebenswichtig ist wie Essen und Trinken

Nachtruhe ist so lebenswichtig ist wie Essen und Trinken

Foto: Getty Images

Dieser Text gehört zur Reihe "Bestseller von SPIEGEL+", er ist zuerst erschienen im SPIEGEL 44/2011.

Alles begann wie bei Abermillionen gestresster Menschen. Der italienische Bauingenieur wälzte sich nachts schwitzend im Bett. Nur noch selten gelang es ihm, Schlaf zu finden. Tagsüber tappte er wie in einer Nebelwolke umher. Manchmal zog er sich nachmittags in sein Büro zurück und sank in einen komaähnlichen Tiefschlaf.

Drei Monate später war es auch damit vorbei: Selbst tagsüber fand der Patient nun keine Erholung mehr. Er magerte ab, so viel er auch essen mochte. Sein Blutdruck stieg, sein Herz pochte unregelmäßig, er schwitzte unkontrollierbar. Oft verlor er sich in wirren Tagträumen.

Ratlos suchten die Ärzte nach einem Ursprung seines Leidens. "Schizophren", meinte der eine. "Dement", diagnostizierte ein anderer. Oder handelte es sich um eine schwere Depression?

Am Ende geriet der Mann in einen Zustand, den es der medizinischen Lehre zufolge nicht hätte geben dürfen: Er dämmerte in monatelanger, absoluter Schlaflosigkeit dahin.

Zwar weiß die Wissenschaft noch immer verblüffend wenig über den Schlaf, diesen seltsamen Urzustand, in dem der Mensch fast ein Drittel seines Lebens zubringt. Eines aber scheint sicher: Wie alle Säugetiere und Vögel müssen auch Menschen schlafen. Selbst die Unruhigsten und Angespanntesten, die glauben, kein Auge zutun zu können, nicken früher oder später ein - spätestens nach ein paar durchwachten Nächten.

Wie konnte es sein, dass der italienische Patient diesem Naturgesetz trotzte? Und wie lange würde er es in diesem Zustand aushalten können? Monatelang wachte der Mann, von Forschern rund um die Uhr überwacht, bis er schließlich, vollständig zermürbt, in der Universitätsklinik von Bologna starb.

Was dieser Weltrekordler des Nichtschlafens durchmachte, war die extremste Form eines weltweit grassierenden Leidens. Auch die Deutschen sind ruhelos: Die Zahl der Gestressten, Getriebenen und Überreizten, die zunächst schlaflos werden, dann verzweifelt und schließlich krank, nimmt stetig zu. Fast jeder Zweite klagt über Probleme mit dem Schlaf, jeder Siebte hat schon Schlaftabletten geschluckt, jeder Zehnte leidet an einer krankhaften Schlafstörung. Selbst Kinder sind betroffen: Studien bescheinigen 20 Prozent der deutschen Schulkinder Schlafprobleme. Obwohl die Nachtruhe so lebenswichtig ist wie Essen und Trinken, haben die Menschen zu dieser wichtigsten Form von Entspannung ein zunehmend verkrampftes Verhältnis.

Um dennoch Ruhe zu finden, greifen Millionen Deutsche zu potentiell gefährlichen Mitteln: Der Konsum der meistverkauften Schlaftablette hat sich binnen zwei Jahrzehnten verfünffacht.

Wie wirkt sich die kollektive Übernächtigung auf die Gesundheit aus, auf Beziehungen, auf Leistungsfähigkeit, Kreativität, Lebensfreude? Auf diese Frage hat der Regensburger Psychologe Jürgen Zulley, einer der bekanntesten Schlafforscher Deutschlands, eine ebenso lapidare wie erschreckende Antwort: "Zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank."

Wohl jeder kennt es aus eigener Erfahrung: Wer schlecht geschlafen hat, neigt zu Gereiztheit, trübseliger Stimmung und Konzentrationsschwäche. Man wird nicht nur zerstreut und vergesslich, sondern auch phantasielos. Dass die Folgen noch weitreichender sind, zeigen epidemiologische Studien: Schlafstörungen begünstigen die Ausbreitung von Volksleiden wie Herz-Kreislauf-Störungen, Fettleibigkeit, Diabetes, Burnout und Depression.

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