Zur Ausgabe
Artikel 104 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Raumfahrt Schlag ins Wasser

Auch nach dem Absturz der teuren Mars-Sonde will der Westen mit Rußlands Raketenschützen zusammenarbeiten.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Beim Beginn der Unglücksreise, am Samstag vorletzter Woche, ging es auf dem russischen Weltraumbahnhof Baikonur noch lustig zu. Pünktlich und unter dem Jubel der Zuschauer war die Forschungssonde »Mars 96« gen Himmel gefahren. »Der Start verlief ohne Probleme«, verkündete wenig später ein Sprecher der Moskauer Flug- leitzentrale.

Doch zu diesem Zeitpunkt war die Euphorie im fernen Baikonur schon verflogen. Dort saßen, gut 30 Minuten nach dem Start, die Techniker entgeistert vor ihren Bildschirmen. Die Proton-Rakete mit ihrer kostbaren Fracht, so schien es, war aus unerklärlichen Gründen spurlos verschwunden. Im Kontrollraum kam Panikstimmung auf.

Stunden vergingen, bis Nasa-Fahnder den Irrläufer geortet hatten; er taumelte, taub gegen Funkbefehle, im Orbit dahin. Versagt hatte offenbar die vierte Stufe der Proton-Rakete, die das Mars-Modul auf den Weg zum roten Planeten schicken sollte. Statt dessen, so kalkulierten die Nasa-Experten, würde die tonnenschwere Raumsonde wohl bald zur Erde zurückkehren - in Gestalt eines Trümmerhaufens und samt jenem halben Pfund Plutonium, das als Energielieferant für die Elektrogeneratoren des Vehikels hatte dienen sollen.

Auch wo der gefährliche Schrott landen würde, glaubten die Nasa-Detektive zu wissen: in Australien. US-Präsident Bill Clinton persönlich warnte per Telefon den australischen Regierungschef John Howard - zu spät: Als Clinton anrief, waren die Wrackteile schon bei den chilenischen Osterinseln in den Pazifik gestürzt.

Rund 6000 Meter unter dem Meeresspiegel ruhen seither die Reste des teuren und ehrgeizigen Projekts, das Wissenschaftler aus 22 Ländern zehn Jahre lang vorbereitet hatten. Mehr als zwei Milliarden Mark kostete das gescheiterte High-Tech-Unternehmen, mit 190 Millionen Mark war Deutschland dabei. »Eine so große deutsche Beteiligung an der Mission zum Mars« werde es mit Sicherheit nicht noch einmal geben, erklärte vergangene Woche Gernot Hartmann, Chef der Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten.

»Eine große Tragödie« sei der Sturz in den Pazifik, klagte der russische Raumfahrtexperte Grigorij Tschernjawskij. Die Frankfurter Allgemeine fragte sich, ob »die russische Raumfahrt überhaupt noch zu retten ist«. Überleben, schätzte das Blatt, werde sie wohl nur mit Hilfe westlicher Investoren - die zeigten sich von dem Schlag ins Wasser nicht sonderlich erschüttert.

»Nur ein bißchen«, versicherten Branchenkenner in den USA, werde sich das Fiasko auf die Geschäfte mit der russischen Raumfahrtindustrie auswirken. Aufgeblüht war dieser Geschäftszweig schon bald nach dem Zerfall der Sowjetunion: Mit den robusten Russen-Raketen, so die Spekulationen der Westmanager, würden sich Telekommunikationssatelliten sicher und vor allem preiswert in den Orbit schießen lassen.

Als Hauptschlager im Ost-West-Geschäft galten die Raketenmotoren der Russen. »Sie haben mindestens zehnmal so viele Varianten gebaut wie wir«, erklärte bewundernd Fachmann Charles Vick von der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler in Washington. In den USA war seit dem Ende des Apollo-Mondflugprogramms im Jahre 1972 außer dem Shuttle-Triebwerk kein neuer Raketenmotor mehr entstanden.

»Die Russen haben Sachen gemacht, auf die wir nicht gekommen sind«, entdeckte Regierungsberater Richard Davis, der einst beim amerikanischen Triebwerkhersteller Morton-Thiokol diente. Während US-Konstrukteure immer wieder mit kühnen Innovationen glänzen wollen, haben die Russen wenig Neues erfunden, doch aus dem Vorhandenen stets das Beste herausgeholt.

Statt mit Festtreibstoffen wie die US-Raketen fliegen die russischen Projektile mit billigem Kerosin. Statt mit feinster Steuerungstechnik begnügten sich die Sowjettechniker mit eher simpler Mechanik. Dabei kamen sie mit halb so vielen Einzelteilen aus wie die amerikanischen Konstrukteure.

Um eine ähnlich effiziente Technik zu entwickeln, so erkannten Fachleute der High-Tech-Firma Aerojet in Sacramento (Kalifornien), müßte Amerikas Industrie fünf bis zehn Milliarden Dollar aufbringen. Statt dessen ließ sich Aerojet 1995 vom russischen Staatsunternehmen Samara einen uralten Raketenmotor vom Typ NK-33 zum Test nach Sacramento bringen - er bestand die Prüfung.

Aerojet will insgesamt 70 NK-33-Triebwerke importieren und verkaufen. Die Kundschaft wartet schon. So will die amerikanische Kistler Aerospace Corporation den Motor in Kleinraketen stecken, die ihn nach geglücktem Start am Fallschirm wieder abwerfen.

Auch die Raumfahrtfirma Kelly Space and Technology aus San Bernardino bei Los Angeles möchte den zehnmal wiederverwendbaren Russenmotor haben - für ein Mini-Raumschiff, das vom Rücken eines Jumbo-Jets starten soll. Das amerikanische Kommunikationsunternehmen Motorola will Kellys Fähren für sein Mobiltelefonnetz einsetzen.

Mittlerweile haben auch die Europäer mobil gemacht: In Bremen gründete die Daimler-Benz-Tochter Dasa mit der russischen Firma Khrunitschew die Eurockot Launch Services GmbH; sie soll die russische Rockot-Rakete vermarkten. Auch mit dem ukrainischen Unternehmen Piwdenmasch will die Dasa ins Geschäft kommen - der Rüstungs- und Raumfahrtkonzern ist an dem internationalen Gemeinschaftsunternehmen Sea Launch in Los Angeles beteiligt.

Von Schiffen oder Bohrinseln aus will die Sea Launch mit Satelliten bestückte Raketen ins All schießen, ein Konzept mit Pfiff: Die schwimmenden Startrampen lassen sich unmittelbar an den Äquator schleppen, in den günstigsten Bereich für Raketenstarts. Dort verleiht die Erdrotation den abgefeuerten Projektilen einen Extraschub, der sie befähigt, eine weit größere Nutzlast zu tragen.

Die entscheidende Technologie für das Projekt stammt aus Rußland. Amerikanische Raketen werden erst auf der Abschußrampe zusammengeschraubt, auf hoher See ein schwieriges Unterfangen; die Russen hingegen bauen ihre Trägerraketen komplett in der Horizontale und richten sie dann auf der Rampe auf.

Sogar die ehrwürdige Nasa hat sich inzwischen entschlossen, es mit russischer Raumfahrttechnik zu versuchen. Sie kaufte für ihre Weltraumstation den »funktionierenden Frachtblock« der Russen und ließ ihn mit einer Proton-Rakete ins All befördern, Kosten: 190 Millionen Dollar. »Billiger konnten wir es nirgends kriegen«, erklärte Nasa-Planungschef Jesco von Puttkamer.

Billig allerdings ist nicht immer preiswert, schon gar nicht auf dem Weltraumbahnhof Baikonur. Der liegt in Kasachstan und wurde von der russischen Armee bis 2014 gepachtet.

Etwa ein Drittel der einst hochqualifizierten Belegschaft von Baikonur ist inzwischen abgewandert. Seither verfällt das »Kosmodrom«, die Pannen häufen sich. Unlängst sperrten die Kasachen, kurz vor einem Raketenstart, die Stromzufuhr nach Baikonur - zum Entsetzen westlicher Techniker, die einen teuren Satelliten auf der Rampe stehen hatten.

Es sei wohl »nur noch eine Frage der Zeit«, bis ein verirrtes Geschoß aus Baikonur irgendwo in einem Wohngebiet einschlage, unkte nach dem Sturzflug des Mars-Satelliten ein Kommentator im Deutschlandfunk.

Nasa-Chef Daniel Goldin dagegen tröstete Mitte letzter Woche die gedemütigten Kollegen. »Ich habe«, sagte er, »den Glauben an die Russen nicht verloren.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 104 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.